Unpolitische russische Künstler werden nicht mehr geduldet

Boykotts und Entlassungen Russische Künstler, die sich nicht deutlich von Putin distanzieren, sind im Westen nicht mehr gern gesehen. In Russland müssen sich Künstler zu Putin bekennen, wenn sie ihre Posten behalten wollen
Laurent Hilaire, der künstlerische Direktor des Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheaters in Moskau, spricht auf der Bühne mit einer Ballerina
Laurent Hilaire, der künstlerische Direktor des Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheaters in Moskau, spricht auf der Bühne mit einer Ballerina

Foto: Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Während Russland die Ukraine militärisch weiter attackiert, sind die an einer parallel entstandenen Kulturfront zwischen Russland und dem Westen ausgebrochenen Feindseligkeiten ebenfalls von großer Heftigkeit. Unpolitische russische Künstler werden dabei von keiner Seite mehr geduldet. Wie es das liberale Moskauer Blatt Nesawisimaja Gaseta ausdrückt, wird jeder „gebeten“, sich zu entscheiden, auf welcher Seite der Front er zu stehen gedenkt. Damit entscheidet sich der Betroffene oder die Betroffene automatisch, von der jeweils anderen Seite boykottiert zu werden – entweder in Russland oder im westlichen Ausland.

Hierbei ist es noch nachvollziehbar, dass Künstler mit guten Kontakten zum Kreml im Westen nicht mehr gern gesehen sind, wie der mittlerweile ehemalige Chefdirigent der Münchner Philharmoniker Valery Gergiev, auch wenn sein musikalisches Können außer Frage steht. Von einer Absage- und Kündigungswelle werden auch andere Musiker erfasst wie die Opernsängerin Anna Netrebko, deren Instagram-Statement – „ich möchte, dass dieser Krieg aufhört und Menschen in Frieden leben können“ – von der Bayerischen Staatsoper als nicht distanziert genug empfunden wurde. Man kreidet ihr aus der Vergangenheit ein zu gutes Verhältnis zu Wladimir Putin an. Sie selbst sieht sich als unpolitische Künstlerin und zieht nun die Konsequenzen, indem sie sich vorerst von der Bühne zurückzieht.

Die Eindrücke korrespondieren, egal ob man sich im Bereich der Klassik oder in moderner Rock- und Popkultur bewegt. Etwa bei dem gehäuften Verzicht auf westliche Events in Russland. Iggy Pop, Iron Maiden oder Green Day kommen nicht nach Moskau. Die nächsten anlaufenden Hollywood-Blockbuster dürfen in Russland – wegen Kündigung der US-Verleiher – nicht gezeigt werden, nur zwei Beispiele von vielen. Vergessen wird bei alldem, wer in Russland bevorzugt westliche Musik und Filme genießt: Es sind vor allem die jungen und urbanen Russen, die mehrheitlich den aktuellen Krieg ablehnen und denen man mit Boykotten den Blick in die Welt vor der eigenen Tür verweigert.

Kündigungen aus politischen Gründen

Wenig bis gar nicht tangiert von solcherart Aussperrung werden überzeugte russische Patrioten, die ihrem Präsidenten wegen der Intervention applaudieren, ohnehin westlichem Kulturgut mit Skepsis begegnen und sich durch die jetzige Boykottlawine in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Ob es so zu einem Umdenken in Russlands Bevölkerung hin zu einer kritischeren Haltung gegenüber dem Verhalten der eigenen Regierung kommt, ist zu bezweifeln.

Auch die russische Seite bleibt im „Kulturkampf“ nichts schuldig, wenn es um eigene Kriegsgegner und Ausländer mit einer inzwischen unerwünschten Herkunft geht. Der Dirigent Iwan Welikanow äußerte sich nach Invasionsbeginn am Rande eines Auftritts kritisch gegen russische Kriegshandlungen in der Ukraine. Kurz darauf wurde sein Engagement beim bekannten Moskauer Festival Goldene Maske gekündigt. Aus ähnlichen Gründen musste, wie die Nesawisimaja Gaseta schreibt, auch der Litauer Mindaugas Karbauskis seinen Posten als künstlerischer Leiter des Majakowski-Theaters räumen, und für den französischen Choreografen Laurent Hilaire fand sich nach fünf erfolgreichen Jahren am Moskauer Musical-Theater kein Platz mehr.

Zugleich gibt es weiterhin russische Künstler, die sich öffentlich zum Frieden in der Ukraine bekennen oder offene Briefe gegen den Einmarsch verfassen oder unterzeichnen. Unter einem davon steht der Name von Maria Rewjakina, der künstlerischen Leiterin des Festivals Goldene Maske, so dass man davon ausgehen muss, die Kündigung ihres Dirigenten erfolgte aus politischen Gründen. Die Regierung lässt keinen Zweifel, was sie von pazifistischen Bekundungen aus der eigenen Kunstszene hält. Wladislaw Wolodin, Sprecher der Staatsduma und Deputierter der Partei „Einiges Russland“, nannte sie „Verrat am Volk“. Wer aus Prinzip so handle, lehne für sich selbst staatliche Zuschüsse und Beihilfen ab. Eine unmissverständliche Drohung, denn auch in Russland kommt Kultur nicht ohne staatliche Förderung aus und die scheint mehr denn je nach politischen statt künstlerischen Kriterien vergeben zu werden.

Die Nesawisimaja Gaseta traut es sich, trotz des wachsenden Drucks auf Medien wie diese Zeitung, ein vernichtendes Urteil gegenüber der nationalen, aber auch der internationalen Kulturpolitik zu fällen: „Wird Kultur auf diese Weise abgeschafft – das gilt überall auf der Welt –, hat das langfristige Folgen, sowohl für die bewusste Zerstörung der Kunst als auch für die Menschheit.“

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