Schock, Schmerz, Scham

Russland Rausschmisse und Rücktritte an großen Bühnen, offene Briefe und Totenstille im Saal: So reagiert die Theaterszene auf den Krieg

Der 23. Februar, der „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ (ehemals der „Tag der Sowjetarmee“), ist ein militärischer Feiertag, der in ganz Russland begangen wird, von den Kindergärten bis zum Staatlichen Kremlpalast. In diesem Jahr wurde am Vortag bekannt gegeben, dass Russland zwei Regionen der Ukraine als seine Gebiete „anerkennt“. Am Tag darauf marschierte die russische Armee in die Ukraine ein. Die Facebook-Kanäle der Kulturszene explodierten.

Die erste Reaktion ist Schock, Schmerz und Scham; viele haben Freunde und Verwandte in der Ukraine. Und es ist völlig klar, dass diese Ereignisse den „zivilen Tod“ in allen Bereichen (Kunst, Bildung, Wirtschaft) für jeden Einzelnen bedeuten, der als „russisch“ gekennzeichnet ist. Aus Anti-Kriegs-Posts hier und dort werden offene Briefe und Petitionen. Kritiker, Regisseure, Schauspieler, Künstler und Kuratoren unterzeichnen Dutzende von ihnen. Bald schon folgen erste Taten.

Elena Kowalskaja, die seit 2013 künstlerische Leiterin des Meyerhold-Theaterzentrums ist, kündigt ihren Rücktritt an. Kowalskaja ist in Kertsch in der Ukraine geboren, sie lebt und arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre in Moskau, ist Theaterkritikerin und Mitbegründerin und Leiterin des Ljubimowka-Festivals für neues Schreiben. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: „Das Meyerhold-Theaterzentrum ist ein Staatstheater, und ich werde nicht für den Staat des Kriminellen Putin arbeiten ... Ich werde meine Projekte abschließen, bei denen ich persönliche Verpflichtungen als unabhängige Kuratorin habe.“ Sie lädt auch dazu ein, sich die jüngste Premiere im Meyerhold-Zentrum anzusehen – die Geschichte von Carola Neher, einer deutschen Schauspielerin, die in den 1930er Jahren Repressionen in der UdSSR zum Opfer fiel (die Aufführung wurde mit Unterstützung von Memorial realisiert, das heute von der russischen Regierung als „ausländischer Agent“ bezeichnet wird). Insider berichten, dass Elena von der Moskauer Kulturabteilung unter Druck gesetzt wird und nun Hasspost von der Pro-Kriegs-Seite erhält.

Sascha Denisowa ist in Kiew geboren, sie lebt und arbeitet seit Mitte der 2000er Jahre in Moskau. Die erfolgreiche Theaterautorin und Regisseurin, die mit einigen großen staatlichen Institutionen zusammenarbeitet (ihre jüngsten Produktionen wurden im Theater der Nationen in Moskau und im Bolschoi-Theater in St. Petersburg uraufgeführt), berichtet auf ihrer Facebook-Seite über den Albtraum, der in Kiew vor sich geht, wo ihre Mutter lebt.

Dmitri Wolkostrelow, Gründer des unabhängigen Teatr Post in St. Petersburg und stellvertretender Leiter des Meyerhold-Theaterzentrums, kommt am 1. März an seinen Arbeitsplatz und muss feststellen, dass er „ohne Erklärung der Gründe“ auf Geheiß der Moskauer Kulturabteilung entlassen worden ist. Er unterstützte Elena Kowalskaja. In St. Petersburg hatte er ein Stück mit dem Titel Die weißen Bänder inszeniert – in Russland ein Zeichen des Protests.

Die Unterzeichner? „Verräter!“

Schenja Berkowitsch, 35, freie Theaterregisseurin, Dolmetscherin, Dramatikerin und feministische Aktivistin, geht am 24. Februar alleine mit einem Protestschild („Stoppt den Krieg“) auf den Puschkin-Platz in Moskau. Sie wird sofort verhaftet und verbringt eine Nacht im Gefängnis.

Mindaugas Karbauskis, 50, ein in Litauen geborener Theaterregisseur, der seit Ende der 1990er Jahre in Moskau lebt und arbeitet, kündigt seinen Rücktritt an; seit 2011 hatte er einen hochrangigen Posten als künstlerischer Leiter des Majakowski-Theaters in Moskau und war für seine Professionalität geschätzt.

Rimas Tuminas, 70, der leitende Direktor des Staatlichen Akademischen Wachtangow-Theaters in Moskau (eines der fünf föderalen Theater in Russland, das jährlich 540 Millionen Rubel aus dem Staatshaushalt erhält), wurde dagegen von seinem Posten an einem Theater in Litauen suspendiert. Der litauische Kulturminister Simonas Kairys forderte die Verwaltung des Maly-Theaters in Vilnius auf, Tuminas aufgrund der jüngsten Ereignisse zu entlassen. Tuminas reagierte besonnen und zeigte Verständnis. Das Wachtangow-Theater hat kürzlich eine fünfstündige Inszenierung von Krieg und Frieden von Leo Tolstoi aufgeführt, eine Inszenierung von höchster Qualität – und eine bittere Reflexion über die aktuelle Situation. Seine Protagonisten sind russische Emigranten im Paris in den 1920er und 1930er Jahren, und der Napoleon des Originals wird von einem weiteren „Übermenschen“ des 20. Jahrhunderts überboten.

Die großen Staatstheater unterstehen sowohl der Kontrolle des Kulturministeriums als auch des Moskauer Kulturdezernats. Ihre Leiter haben nicht das Recht, offen zu sprechen, da ihnen sonst der Verlust ihrer Posten, Fördergelder und sogar ihrer Freiheit droht – die strafrechtliche Verfolgung von Kirill Serebrennikow vor zwei Jahren wurde als Lektion für die anderen inszeniert. So mag es sich wie ein Tropfen auf den heißen Stein ausnehmen, aber es ist dennoch eine Geste des Protests, dass sie auf Instagram und ihren Websites eine Taube auf ihren Logos platziert haben.

Die Zeitschrift Teatr veröffentlicht unterdessen einen offenen Brief von Regisseuren und Schauspielern, der auf Facebook von Maria Revyakina initiiert worden ist, der Leiterin des Festivals Die Goldene Maske, das die wichtigsten russischen Theaterproduktionen auszeichnet. Der Brief wird von vielen prominenten Persönlichkeiten unterzeichnet – dem Generaldirektor des Bolschoi-Theaters Wladimir Urin, dem Dirigenten Wladimir Spiwakow, den Schauspielern Alisa Freindlich, Oleg Bassilaschwili und Jewgeni Mironow sowie dem Regisseur Andrey Mogutchi. Einige der Unterzeichner sind als „Gesichter des Vertrauens“ von Putin bekannt – das bedeutet, renommierte Künstler, die sich mitunter mit Anliegen direkt an ihn wenden können. Der Sprecher der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, bezeichnet die Unterzeichner in der Presse als „Verräter“ und schlägt vor, ihnen das Geld zu verweigern, das sie aus dem Staatshaushalt erhalten. In dem von Teatr veröffentlichten Brief heißt es:

„Ein offener Appell von Intendanten und Direktoren führender russischer Theater, bekannten russischen Kulturschaffenden: Wir handeln jetzt nicht nur als kulturelle Persönlichkeiten, sondern als ganz normale Menschen, als Bürger unseres Landes, unseres Vaterlandes. Unter uns befinden sich Kinder und Enkelkinder jener Männer und Frauen, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, die den Krieg aus erster Hand miterlebt und an ihm teilgenommen haben.

In jedem von uns lebt das genetische Gedächtnis des Krieges fort. Wir wollen keinen neuen Krieg, wir wollen nicht, dass Menschen ihr Leben verlieren. Das 20. Jahrhundert hat der Menschheit schon zu viel Kummer und Leid gebracht. Wir wollen glauben, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Hoffnung, der Aufrichtigkeit und des Dialogs, das Jahrhundert der Liebe, des Mitgefühls und der Barmherzigkeit sein kann.

Wir appellieren an alle Entscheidungsträger, an alle Konfliktparteien, die Militäraktionen einzustellen und sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Wir rufen dazu auf, das menschliche Leben, das den höchsten Wert darstellt, zu schützen.“

Die Zeitschrift veröffentlicht darüber hinaus eine Online-Chronik der Ereignisse mit dem Titel „Theater im Krieg“ – ein erschütternder Bericht über internationale Projekte im Kulturbereich, die jetzt von einem Tag auf den anderen abgesagt werden, und über den Versuch der russischen Kulturszene, sich der staatlichen Politik zu widersetzen. Das Petersburgh Theater Magazin beschließt, offline zu gehen, und öffnet die Türen seiner Redaktionsräume (ein Keller im Zentrum von St. Petersburg) für Theaterleute und Studenten, die Gleichgesinnte suchen, während Rektoren von Theaterhochschulen ein Unterstützungsschreiben für die Regierung unterzeichnen müssen.

Auch russische Shakespeare-Forscher, zuvorderst Alexey Bartoschewitsch, veröffentlichen ein Protestschreiben. Und die russische Sektion des Verbands der Theaterkritiker schrieb einen Brief an die ukrainische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Theaterkritiker:

„Liebe Kollegen und Freunde, wir sind entsetzt über die militärische Aggression, die unsere Regierung gegen das ukrainische Volk führt. Wir schämen uns und fühlen uns hilflos, da wir diese Aggression nicht aufhalten können. Dennoch versuchen wir, unseren Protest mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zum Ausdruck zu bringen – durch Kundgebungen und die Unterzeichnung von Petitionen gegen den Krieg. Passt auf euch auf! Möge das Theater immer ein Raum der Freiheit und der Menschlichkeit bleiben!“

Ebenfalls in St. Petersburg setzt das unabhängige Theaterprojekt Les (dt. „Wald“), eine Initiative des freischaffenden Regisseurs Boris Pawlowitsch, der für seine sozialen Projekte und die Idee des „horizontalen Theaters“ bekannt ist, für den 1. März eine Lesung an, die der aktuellen Situation gewidmet ist:

„Wir möchten über die Zeit, in der wir leben, und die Ereignisse, die wir erleben, sprechen. Lasst uns versuchen, Worte dafür zu finden – und in Kontakt zu bleiben. Wir schaffen einen Raum, in dem freie Gedanken geäußert werden können, und wir laden alle ein, die sich dafür interessieren.“

Am 27. Februar zeigt ein unabhängiges Theater aus St. Petersburg im Rahmen des Festivals Die Goldene Maske 2022 Das Märchen vom Goldenen Hahn – ein symbolträchtiger Zufall, denn das Märchen selbst handelt von der unvermeidlichen Bestrafung des despotischen Zaren, der viele Kriege anzettelte. Während des Schlussapplauses ruft der Regisseur der Inszenierung, Maxim Isaev (bekannt durch seine Arbeit mit der Gruppe AKHE), von der Bühne: „Stoppt den Krieg! Bringt Putin vor ein Tribunal!“

Am nächsten Tag soll die Inszenierung zum zweiten Mal aufgeführt werden, doch als das Team am Aufführungsort eintrifft, erscheint ein Mann und fordert alle auf, sich zu entfernen. Die Aufführung wird abgesagt. Nun ist dieses unabhängige Theater ernsthaft davon bedroht, die von ihm gemieteten Räumlichkeiten in St. Petersburg zu verlieren.

Ohne Mitleid, ohne Ausrede

Am 23. Februar sah sich die Autorin dieses Artikels eine Inszenierung von Konstantin Bogomolow im schicken und trendigen Theater der Nationen an: Alexander Ostrowskis Eine Dummheit macht auch der Gescheiteste. Das traditionelle Stück aus dem 19. Jahrhundert wurde dekonstruiert, umgeschrieben und im heutigen Russland angesiedelt. Ostrowski damals machte sich milde über die Gesellschaft der 1860er Jahre lustig; Bogomolow hat daraus eine bittere, fast Ekel erregende Satire im Stil von Sorokin gemacht. Die Spitzenbeamten sind pervers und korrupt, die „Intelligenzia“ ist faul und schwach und träumt nur davon, sich selbst zu bereichern und die Krümel vom Tisch einzustreichen. In einem Fragment zeigt er einen berühmten Dirigenten und einen Regisseur (diese Rolle wird von ihm selbst gespielt – ohne Mitleid, ohne Ausrede), die sich vor dem „Mann aus Lubjanka“ verneigen und ihn einladen, ihre Arbeit zu sehen.

Am eindrucksvollsten aber war die Schlussszene: Im Jahr 2025 (so ist es auf einem Schild zu lesen) besucht ein Regierungsbeamter seinen ehemaligen Geliebten in der Strafkolonie und bringt ihm von seiner Mutter in Kiew hausgemachte Speisen mit. „Wie bist du in die Ukraine gekommen?“, fragt der gerührte Gefangene. „Es gibt keine Ukraine mehr“, lautet die Antwort, „es ist jetzt alles Russland, außer Lemberg – das haben wir Polen gegeben.“ Der Text war als „Fantasy“-Stück geschrieben worden, um die dramatische Verzerrung in den Köpfen derer zu zeigen, die die Macht und das Geld in Russland an sich gerissen haben – Premiere war am 10. Oktober 2021. Am 23. Februar 2022 wurde daraus Realität. Das Publikum an jenem Abend war fassungslos. Abgesehen von einigen hysterischen Lachanfällen herrschte Totenstille.

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