Putins politische Theologie

Russland Wie die Muttergottes für geopolitische Zwecke missbraucht wurde – und warum sie heute noch rasende Wut erzeugen kann
Putins politische Theologie

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Eine der Fragen, die Wladimir Putins Verhalten seit Längerem aufwirft, ist die nach seinem engen Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche, die sich nicht nur in gemeinsamen Auftritten mit dem Patriarchen Kyrill zeigt. Warum partizipiert er trotz seiner so wenig religiösen Aura an ihrer wirkmächtigen politischen Theologie? Ist das purer Zynismus, oder gibt es dafür religionskulturelle Gründe?

Nach alter römischer Ansicht hat die christliche Theologie drei Säulen: die mythische der Göttererzählungen und Dichtung, die natürliche der Philosophen, die der physischen Welt auf den Grund gehen, und die politische, die sich auf „Herrschaft und Heil“ richtet, wie der Religionswissenschaftler Jan Assmann das nannte. Letztere, die politische Theologie, ist auch im vermeintlich postreligiösen Zeitalter mächtig. Dabei wirkt sie weniger durch Bekenntnisse und Glaubenssätze als vielmehr durch kollektiv beschworene Bilder und Symbole, die – oft unbewusst – in säkularen Kulturen weiterleben. In Zeiten großer Krisen werden gerade diese bemüht und aus Symbolen gefährliche Symptome.

Die erste politische Theologie entstand im antiken Rom. Ihr Symbol war das Kreuz, nicht als Zeichen der leidenden Kreatur, sondern als das des Schutzes durch den Erlöser, zum ersten Mal geträumt von Konstantin am Vorabend der entscheidenden Schlacht um die Herrschaft im Oktober 312: „In diesem Zeichen wirst du siegen“, und seither geschieht das auf den Schlachtfeldern der Welt. Das Kreuz steht im Zeichen des Vaters und Sohnes, aber auch der Brüder. Die Ironie will, dass Konstantin als Kaiser nicht nur das Christentum entscheidend gefördert, sondern 330 auch das zweite Rom gegründet hat: Konstantinopel, das heutige Istanbul, dessen älterer Name, Byzanz, die Kurzbezeichnung eines der großen Imperien Europas war, das nach der Abspaltung vom ersten Rom bis zu seiner Eroberung durch die Osmanen 1453 existierte, nicht zuletzt seit dem Großen Kirchenschisma von 1054 als Zentrum der Ostkirche.

Im Unterschied zur Westkirche ist das politische Bild des orthodoxen Christentums die Ikone der Mutter Gottes, der Gottesgebärerin (griechisch: Theotokos), durch die das Wort Gottes Fleisch geworden ist. Die thronende Gottesgebärerin wurde bald auch zur Garantin des Erfolgs des Kaisers von Byzanz und Patronin seiner Legitimität.

Maria ist rein und vollkommen

Gelingen konnte diese enge Verbindung von Marienverehrung und Imperialismus, weil die Theotokos ihrerseits die Nachfolge älterer griechischer und römischer Göttinnen antrat, die der Tyche, Victoria, Fortuna als der Figuren des Erfolgs, des Sieges, des Reichtums. Gottesmutter-Ikonen verleihen also Schutz und Sieg, was sie bis heute besonders wichtig für nationale Agenden macht. Der Typus der Hodegetria (griechisch: Wegweiserin), der die Gottesgebärerin meist als Brustbild mit dem Kind auf dem linken Arm zeigt, während die rechte Hand auf den Sohn weist, wurde bereits von den byzantinischen Kaisern an der Spitze ihrer triumphalen Prozessionen durch die Stadt getragen und während der Schlacht im kaiserlichen Streitwagen mitgeführt.

Die Marienverehrung und der Glauben an die Wundertätigkeit der Gottesmutter ist tief im Ost- wie Westchristentum (bis auf den Protestantismus) verwurzelt. Die Unterschiede ihrer theologischen Bedeutung sind jedoch gravierend. Auf den Weltkirchenkonferenzen der Zwischenkriegszeit sorgte der russische Exiltheologe Sergej Bulgakow für Aufregung, als er von der Gottesgebärerin nicht nur als aller Menschen Mutter, sondern als „persönliches Haupt der Kirche“ (im Sinne der Kreatürlichkeit und Gottesweisheit) sprach. Der Glaube an die Menschwerdung Gottes könne nicht von der Verehrung der Gottesgebärerin getrennt werden. Aber es ist nicht die Marienfigur der patriarchalen Theologie, wie sie im westlichen Jungfrauenkult und als Projektionsfläche der unbefleckten Empfängnis im römischen Dogma verehrt wird, das Bulgakow vom orthodoxen Standpunkt nicht teilt. Vielmehr sei es die Reinheit und Vollkommenheit der Gottesmutter (Bogomater), die sich im lebendigen Organismus der Kirche manifestiere und sie zum heiligsten aller Geschöpfe mache. Freilich ist diese theologische Position nicht einfach mit patriarchaler Kirchenpolitik oder imperialer Ideologie gleichzusetzen, die das alte Byzanz aufleben lassen möchte und die Gottesmutterverehrung der Gläubigen für geopolitische Ziele vereinnahmt.

Im postrevolutionären Russland fand die Theotokos in einer neuen Gestalt Verbreitung. Auf wundersame Weise wurde am 2. (nach gregorianischem Kalender 15.) März 1917, dem Tag der Abdankung des letzten Zaren des Russischen Reiches, in Kolomenskoje bei Moskau die Ikone der Gottesmutter-Herrscherin (Bogomater Derschawnaja) gefunden, die auf Ende des 18. Jahrhunderts datiert wird: eine mit rotem Purpur bekleidete, mit Reichsinsignien in der Hand im Himmel thronende Maria. Auf den Knien der himmlischen Königin sitzt das segnende Gotteskind. Diese Ikone wurde zum Sinnbild des mit der Machtübernahme der Sowjets verdrängten Ideals der Staatlichkeit (derschawnost) in der russischen politischen Theologie: der Triade aus Orthodoxie, Autokratie und Volkstümlichkeit. Die bald als wundertätig verehrte Ikone der staatlichen Majestät spielt in der postsowjetischen Ideologie mit ihrer Rückbesinnung auf das imperiale Byzanz eine nicht zu unterschätzende Rolle. So befeuert der Bischof und Schriftsteller Archimandrit Tichon (Schewkunow), Putins Ratgeber und persönlicher Beichtvater, in Film und Publizistik diese Form des Neobyzantinismus.

Dahinter steckt Aleksandr Dugin

In Tichons Welt wird erneut an die Idee der Translatio Imperii, der Übertragung der Reichsidee vom untergegangenen Römischen Reich auf seine Nachfolger, angeknüpft und auch der Ausdruck „Moskau, Drittes Rom“ aus dem 16. Jahrhundert aufgegriffen, der den Machtanspruch Russlands und die Überlegenheit gegenüber dem Westen untermauert. Darauf beruhen viele aktuelle Ideen, etwa auch die des Neo-Eurasianismus, wie ihn der russische Geopolitiker Aleksandr Dugin entwickelte. Von 1994 bis 1998 Mitvorsitzender der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewististischen Partei, ist Dugin heute Mitglied der nationalistischen Denkfabrik Isborsk-Klub und Chefredakteur der rechtspopulistischen Plattform katehon.com, die vom Oligarchen Konstantin Malofejew begründet wurde.

Bereits 1992 zeigte Dugins imaginäre Landkarte ein euro-sowjetisches Imperium mit Moskau als Drittem Rom im Zentrum. Aus der Sicht einiger Politologen ist Dugin der entscheidende ideologische Wegbereiter von Putins antiwestlichem Kurs.

Psychoanalyse hilft hier

Wichtig für dessen Denken ist der Katechon, wörtlich „der Aufhalter“ im Zweiten Brief an die Thessalonicher des Apostel Paulus. Gemeint ist die mittelalterlichen Vorstellung von einem Reich, das dem Wirken des Antichristen Einhalt gebieten kann. An diesen Katechon knüpft auch die politische Theologie des berüchtigten, dem NS-Regime nahestehenden deutschen Staatsrechtlers Carl Schmitt in der Nomos der Erde an; während des Zweiten Weltkriegs wurde entsprechend dieser geopolitischen Perspektive der Sowjetkommunismus in Person Josef Stalins mit dem Antichristen personifiziert.

Der heutige russische Rechtspopulismus bedient sich nun der genauen Umkehrung dieser Figur, wie eine für Dugins Isborsk-Klub gefertigte Ikone zum 70. Jahrestag des Sieges über den Faschismus belegt: Sie zeigt unter dem Schutz der Gottesmutter-Herrscherin den ehemaligen Priesterschüler, sowjetischen Staatschef und obersten Befehlshaber der Roten Armee Stalin samt seinem Heeresstab als Katechon. Diese Rolle wird Russland auch vom geopolitischen Neo-Byzantinismus/Eurasianismus zugeschrieben, der den Expansionskrieg Russlands befürwortet. Seit Jahren prognostizieren dessen Denkfabriken die Zuspitzung des Kampfes um die Kontrolle von Ressourcen, regionale Krisen und bewaffnete Interventionen in zahlreichen Ländern, allen voran der Ukraine.

Warum aber jetzt diese mörderische Wut und Zerstörung, der kaltes Kalkül weitgehend zu fehlen scheint? Schon öfter wurde die Bindung an die Gottesmutter als infantiler Komplex und als eine an das idealisierte mütterliche Objekt gedeutet, resultierend aus Trennungsangst oder Masochismus. Aber hier geht es um mehr.

Die Psychoanalyse mag weiterhelfen. „Unheimlich, wenn die Mütter wackeln, die einzigen, die noch zwischen uns und der Ablösung stehen“, bemerkte Sigmund Freud einmal zu einem Freund. Wie „Ablösung“ mehr als „Wachablösung“ – etwa der ukrainischen Regierung, wie Putin sie will –, sondern die gänzliche Ablösung, Tod und Auslöschung, meint, so sind die „Mütter“ nicht die individuellen. Sie folgen vielmehr dem Modell der prä-ödipalen Mutter als der Herrscherin über Allmacht und Vollkommenheit, einen Zustand, in dem keine Trennung möglich ist.

Es ist das symbiotische Reich des Ganz-gehalten-Werdens und des geschlossenen Kreislaufs. Das Paradies! Doch wird dieses verletzt, droht die Psychose. Rasende Wut und vernichtende Zerstörung werden frei und treffen auf eine Welt, die in ihrer Beschaffenheit nur als böse, verfolgend und vernichtend erlebt wird. Darum lässt sich die aktuelle Eskalation auf den Affekt zurückführen, der von der zunehmenden Selbstständigkeit und Abnabelung der Ukraine ausgelöst wird.

Der Angriff auf die prä-ödipale Mutter ist die Unterbrechung der mystischen Einheit, Bruderkind und Mutterschoß, ein Attentat auf die politische Theologie Russlands. Schon über Jahre haben sich hier gefährliche Symptome entwickelt. Was aber passiert, wenn die Symbiose nicht wiederhergestellt werden kann, und das muss man aktuell befürchten, das lässt sich nicht mehr kulturwissenschaftlich, sondern nur mehr politologisch beantworten.

Tatjana Petzer ist Literaturwissenschaftlerin

Martin Treml ist Religionswissenschaftler und nimmt zur Zeit eine DAAD-Gastprofessur für Religionskulturwissenschaft an der Staatlichen Illia-Universität in Tbilissi wahr

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