Männer mit Gefühlen

Southern Noir Sie sind wie Nick Nolte und Eddie Murphy: S. A., Cosbys „Die Rache der Väter“ ist macho und woke

Der heute siebzigjährige Walt Mosley, der vor mehr als 30 Jahren mit Teufel in Blau debütierte und seitdem der wohl einflussreichste schwarze Krimiautor ist, sagt seinem wesentlich jüngeren Kollegen S.A. Cosby nach, den US-amerikanischen Kriminalroman neu zu erfinden. Das mag etwas hoch gegriffen sein, aber Cosbys Blacktop Wasteland schlug bei seinem Erscheinen in den USA 2020 ziemliche Wellen. Dabei bot der actionsatte Südstaaten-Thriller zwar beste Unterhaltung und einige interessante Umkehrungen von Schwarz-Weiß-Klischees, neigte aber gelegentlich zu kitschnahen Metaphern. Und so war Blacktop Wasteland vor allem ein Versprechen. Kann Cosby dieses Versprechen mit Die Rache der Väter – im Original lautet der Titel wesentlich weniger generisch Razorblade Tears – einlösen?

Nick Nolte und Eddie Murphy

War Blacktop Wasteland Cosbys Variante des klassischen Heist-Thrillers – Planung, Vorbereitung und Durchführung eines meist spektakulären Raubes werden aus dem Blickwinkel der Täter erzählt –, so hat sich der Autor jetzt den Rache-Roman vorgenommen. Und es ist ihm mit Die Rache der Väter gelungen, indem er an ein paar Stellschrauben gedreht hat, dem etwas abgenudelten und manchmal arg machohaft-stereotypen Genre des Rache-Romans einen neuen Drive zu geben.

Im Zentrum der Geschichte stehen zwei alternde Männer, einer weiß, einer schwarz. Zusammen bilden sie das aufregendste Mixed-Race-Duo, seit sich Nick Nolte und Eddie Murphy in Walter Hills Filmklassiker von 1982 Nur 48 Stunden schlugen und vertrugen. Ike Randolph, früheres Gangmitglied, ist eine Legende in Richmond, Virginia, sein hitziges Temperament hat ihm einst den Spitznamen „Riot“ eingebracht – und eine lange Zeit im Knast wegen Mordes. Inzwischen ist er Landschaftsgärtner und verheiratet und hat es geschafft, seine Wut in den Griff zu bekommen. Leicht war es nicht: „Als er das erste Mal nach seiner Entlassung auf der Straße geschnitten wurde, war es verdammt hart. Es verlangte ihm alles ab, nicht hinter dem Kerl herzudüsen, ihn aus seinem Wagen zu ziehen und ihm sämtliche Zähne auszuschlagen.“ Die Bestie in ihm, sie lauert stets knapp unter der Oberfläche: „Er hatte keine Angst, Blut zu vergießen. Er hatte Angst, nicht mehr damit aufhören zu können.“

Die Bestie wird wiedererweckt, als er Buddy Lee Jenkins kennenlernt. Ein Kerl wie ein Countrysong, komplett mit zerbeultem Pick-up, Knasterfahrung und einem Hang zu billigem Bourbon und Honky-Tonk-Angels. Purer „White Trash“ also. Ike und Buddy Lee hätten sich nie getroffen, wenn nicht ihre Söhne umgebracht worden wären. Ihre Söhne, und hier bricht der Roman aus der ausgefahrenen Spur aus, die homosexuell und verheiratet waren. Nicht dass die beiden ein schwules Paar waren, ist so ungewöhnlich, sondern wie Cosby zeigt, dass Buddy Lee und Ike damit absolut nicht klarkamen. Und wie sie jetzt versuchen, mit ihrem eigenen Versagen als Eltern umzugehen, während sich um sie herum die Leichen türmen. Das ist abwechselnd anrührend und erschreckend – und gelegentlich sehr witzig. „Ich hab nie kapiert, dass er einerseits so war und gleichzeitig ein so verdammt guter Sportler sein konnte“, sagt Ike zu einer früheren Kollegin seines Sohns Isaiah. Ihre trockene Antwort: „Sie meinen, weil er schwul war, hätte er besser Schals stricken sollen?“

Schnell finden Ike und Buddy Lee heraus, dass der Grund für den Mord an ihren Söhnen nichts mit ihrer Sexualität zu tun hatte, was in den Südstaaten allzu naheliegend wäre, sondern mit Isaiahs Beruf. Der Journalist recherchierte für eine Story, was ein erfolgreicher, gottesfürchtiger Geschäftsmann mit politischen Ambitionen mit einer jungen Frau namens Tangerine zu tun haben könnte, die in Rotlichtbars zu Hause ist. Was auch immer das Geheimnis ist (die Auflösung ist ziemlich subversiv für einen Kriminalroman), es ist so bedeutend, dass es um jeden Preis geschützt werden muss. Und so müssen sich Ike und Buddy Lee gegen die Mitglieder einer mörderischen Motorradgang und etliche weitere Fieslinge behaupten – und bald strömt das Blut auf den Straßen von Richmond.

Hart, wild, tut weh beim Lesen

Die Action ist hart, sie ist wild, sie tut fast körperlich weh beim Lesen. In Sachen Knochenbrüche und Schusswunden kann sich Cosby mit Genregrößen wie Lee Child messen. Doch wer auf pausenlose Action setzt, läuft Gefahr, irgendwann redundant und damit langweilig zu werden. Die Action in Die Rache der Väter aber funktioniert, weil Ike und Buddy Lee sich echt anfühlen, weil sich hinter all dem Macho-Bullshit wahre Gefühle verbergen. Und weil sie beginnen zu begreifen, dass ihre Wut ein Gift ist, das ihre Gefühle, das Gute ihnen, abtöten kann, wenn sie nicht aufpassen. Rache ist ein Ritt auf der Rasierklinge, und die tiefsten Schnitte, solche, die Narben hinterlassen, fügst du dir selbst bei.

Ike und Buddy Lee dabei zuzuschauen, wie sie – während sie auf ihrem blutigen Feldzug sind – versuchen, sich zu verändern, zu besseren Menschen zu werden, aufeinander zuzugehen, ethnische Herkunft als weniger entscheidend und sexuelle Orientierung als freie Entscheidung zu akzeptieren, macht Cosbys Geschichte zum Solitär unter den Rache-Thrillern. Fast könnte man versucht sein zu sagen: Die Rache der Väter ist der erste „woke“ Krimi aus den Südstaaten der USA. Aber damit würden wir Cosby unrecht tun, denn er weiß, dass guter (Southern) Noir zwar von zwielichtigen Menschen erzählt, die oft fiese Dinge tun, aber auch davon, warum sie so geworden sind. Deshalb grundiert er seinen Roman mit dem Rassismus, der im Süden herrscht, mit Homophobie und Xenophobie und ökonomischen Verheerungen. Aber Cosby weiß vor allem, dass Sozialkritik niemals der Handlung im Weg stehen darf, dass es seine Aufgabe ist, zu unterhalten und nicht zu predigen. Und es gelingt ihm, dass sein Erzählmotor niemals ins Stocken gerät, perfekt schnurrt bis zum bitterbösen Ende und der finalen Frage: Was bleibt, wenn das Gemetzel endet?

Einmal verneigt sich S. A. Cosby vor Walt Mosley und seinem Helden Easy Rawlins: „Ike hatte Buddy Lee zwar immer wieder gesagt, sie wären keine Detectives, aber man musste nicht gerade Easy Rawlins heißen, um sich das zusammenzureimen.“ Ein lässiges Dankeschön für Walter Mosleys überschwängliche Lob vom Beginn dieses Texts, das Cosby sich mit Die Rache der Väter jetzt tatsächlich verdient hat. Denn so frisch und ungezähmt und furchtlos wie er hat im Genre lange niemand mehr erzählt.

Info

Die Rache der Väter S. A. Cosby Jürgen Bürger (Übers.), Ars Vivendi 2022, 350 S., 24 €, erscheint am 30. April

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