Axel Minge
30.09.2009 | 12:00 3

Sabotage

Film Rechte Nichtcineasten mögen Quentin Tarantinos Film "Inglorious Basterds" nicht. Sie drohten damit, ein Kino in Hoyerswerda in die Luft zu jagen. Der Film wurde abgesetzt

Über Quentin Tarantinos Film Inglourious Basterds ist bereits viel und auch hier (Freitag vom 20. und 27. August 2009) geschrieben wurden, da erreicht uns über npd-blog.info – ein Portal, das sich kritisch mit der Partei und ihrem Umfeld befasst – die Nachricht, dass der Film vier Tage nach dem Start in Hoyerswerda abgesetzt worden ist. Der Grund scheint klar (Bombendrohung) und bleibt zugleich diffus: Der örtliche Kinobetreiber verweist genervt an die Hamburger Zentrale der K-Motion Kinobetriebe, in der auskunftsfähige Mitarbeiter allerdings nur sehr schwer zu erreichen sind, wie eine Dame am Telefon beruhigend beteuert.

Nun, könnte man sagen, eigentlich sind alle möglichen Gründe gegenüber einem regionalen Anzeigenblatt auch schon genannt worden: Also nicht nur die Bombendrohung, die in dem besagten Bericht ein Polizeibeamter bestätigt, sondern auch mangelndes Interesse der Zuschauer sowie eine fehlerhafte Kopie. Oh, Wunder, was hier alles zusammenkommt. „Technische Probleme“ sind natürlich in jedem Fall die schönste Erklärung.

Gegen das angebliche Desinteresse des Publikums wäre einzuwenden, dass Inglourious Basterds, den mittlerweile 1,7 Millionen Besucher in Deutschland gesehen haben, auch einen Monat nach der Absetzung in Hoyerswerda (39.000 Einwohner) im kleineren Spremberg (25.000 Einwohner/23 Kilometer entfernt) und im gleichgroßen, benachbarten Bautzen (41.000 Einwohner) noch immer läuft. Für die Bombendrohung dagegen spricht ein Aufruf, der sich im Internet findet auf der Seite der so genannten Gesellschaft für freie Publizistik des einstigen NPD-Funktionärs Andreas Molau. Darin wurde in einer Dikti0n, die an die Parolen des NS-Propagandaministeriums im Frühjahr 1945 erinnert, gefordert, dass der Start des Films „mit allen Mitteln und auf allen Ebenen sabotiert werden“ solle.

In Hoyerswerda zumindest ist das mit etwas Verspätung gelungen – selbst wenn man sich aus dem bunten Strauß der Erklärungen des Kinobetreibers eine andere aussuchte. Der Fall wirft so oder so kein gutes Licht auf die Kultur in einer Stadt, deren Name seit 1991 mit xenophoben Krawallen verbunden ist.

Darüber hinaus ist interessant, dass Inglourious Basterds der rechten Rezeption offenbar Rätsel aufgegeben hat. Das überrascht, insofern der deutsche Zuschauer eher befürchten musste, dass Tarantinos trashiger Witz auf die (Film)Geschichte hierzulande auch oder gerade selbst dem Neonazi Freude machen könnte. Mit Christoph Waltzens SS-Mann Landa tritt in einem Hollywood-Film mal ein Nazi in Erscheinung, der kultiviert ist und nicht immer nur rumschreit. Die „Basterds“ genannten Nazi-Jäger erscheinen dagegen als ziemlich schlichte Typen (Til Schweiger!), die bei ihrer Mission mehr Glück als Verstand haben. Und außerdem ist das Attentat auf Hitler und seine Entourage nur Fiktion; die Wirklichkeit war unendlich grausamer und trauriger.

Claus M. Wolfschlag aber, der den Film für die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit besprochen hat, schwadroniert über die „bundesdeutsche Seelenverfassung“, maßt historische Genauigkeit an und ist beleidigt, dass in deutschen Kinos nicht das coole Abschlachten irgendeiner anderen „Volksgruppe“ gezeigt werden könne (womit es historisch doch recht ungenau wird). Immerhin: Man kann bei Wolfschlags Gejammere lächerlich finden, was in Hoyerswerda bedrohlich wirkt: Rechte, neue wie alte, verstehen keinen Spaß.

Kommentare (3)

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magnus-goeller 30.09.2009 | 20:24

Ein reiner "Spaß" ist dieser Film ja nun nicht. Dass "Rechte" ihn allerdings eher begrüßen könnten, wenn sie den Verstand dazu mitbrächten, ist wieder etwas anderes (ich habe mich zunächst auch nur geärgert, später aber über die Konzeption wie Rezeption des Streifens doch mehr und mehr gelacht). Der Film ist eben "Hitlers Hollywood". Gilead Atzmon z. B. hat dazu sehr differenziert geschrieben, allerdings ohne mein H.H.-Signet selbst zu verwenden.

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meisterfalk 30.09.2009 | 20:49

Dass die 'nazi-affinen' und alle anderen deutsch-national-seligen Einfachgemüter über diesen Streifen eher erbost sind (auch, weil sie jeden Film auch nur als eine Doku-Soap sehen können), war zu erwarten. Diese Leute goutieren eher die Darstellung z.B. im 'Untergang', wo auch die größten Massenverbrecher um A.H. noch als Offiziere mit Ehre im Leib und Besorgnis um die Zivilbevölkerung dargestellt wurden.

holstebro 02.10.2009 | 11:47

Der Film ist sicherlich auch als frontaler Schlag ins Gesicht des Neo-Nazismus gedacht, zumal er sich nich in moralisierender Hinsicht präsentiert, sondern einfach die finale Hölle ausbrechen lässt, in der nichts und niemand sich auch nur ein Stück weit mit reiner Weste oder lauteren Statuten präsentieren kann. Das ist Krieg, das ist selten so gezeigt worden. Von Überzeichnung, von Comichaftigkeit zu reden, ist vielleicht formal angebracht, allerdings verfehlt es meiner Meinung nach den Kern des Unternehmens. Selten hat ein Film sich getraut, Krieg ohne Moral zu zeigen. Das und ein Hitler, der wild gestikulierend, mit den Insignien der Hybris (Purpurumhang!) ausgestattet sich nicht in Überambition ergraut seinem Niedergang hingibt, alleine, verloren. Da gibt es kein Halten, keine Identifikationsmöglichkeit. Natürlich ist das nichts für die Rechte Szene. Tarantino zu unterstellen, dass seine restlichen Filme dazu durchaus taugen würde, in der rechten Szene Anklang zu finden, halte ich für wenig hilfreich in diesem Artikel. Selbst die Elemente (schlichte Typen, viel Gewalt), die gerne schablonenhaft auf "den" Rechten anziehend wirken sollten, zeichnen ein wenig auf Erklärung abzielendes Bild.
Was sich die Junge Freiheit (mal wieder) allerdings an undifferenzierten Verkorkstheiten leistet, ist abermals unerträglich und in erschreckender Nähe zu Jens Jessens Rezension des Films in der "Zeit".
Der Fehler im Umgang mit diesem Film liegt in der moralischen Haltung gegenüber seiner Amoralität. Die Rechte Seite scheint sich das aneignen zu wollen. Dazu sollte es nicht kommen. Nietzsche, hilf!