Es den Tugend-Manichäern mit Sprunghaftigkeit heimzahlen

Sachlich richtig Prof. Erhard Schütz liest „Anekdotenbücher“ und erfährt, was den Konservativen vom Reaktionär unterscheidet
Smyrna, das heutige Izmir, im Jahr 1922: Einwohner fliehen vor den Truppen Kemal Atatürks
Smyrna, das heutige Izmir, im Jahr 1922: Einwohner fliehen vor den Truppen Kemal Atatürks

Foto: Topical Press Agency/Hulton Archive/Getty Images

Die „Anekdotenbücher“, die ein historisches Panorama unter einer Jahreszahl entfalten, florieren derzeit so wie vor Kurzem noch die „kurzen Geschichten“ von allemundjedem. Leider sind sie meist nicht so raffiniert und souverän wie beim 1913-Autor Florian Illies.

Der als subtiler Lyriker bekannte Nobert Hummelt beschäftigt sich mit dem Jahr 1922, einem Wunderjahr der Worte. „Während Brecht und Becher früh wussten, wo es für sie hingehen sollte, befand sich Benn 1922 in einer Lage, in der ihm rein gar nichts mehr gefiel, Blumen, Frauen und das Feierabendbier einmal ausgenommen.“ Für solche Sätze müsste Illies eigentlich Tantiemen bekommen, Norbert Hummelt kann aber interessanter. Vor allem, wenn er sich James Joyce und dem Ulysses, T. S. Eliot und Waste Land widmet. Ja, und dann stirbt auch noch Marcel Proust, Lenin hat einen Schlaganfall und kann im Wunderjahr der Worte kaum noch sprechen. Rilke hingegen dichtet im Schaffensrausch. Dazu das Personal von acht Seiten Register.

Auch 1922. Was Mirko Heinemann 2019 in Die letzten Byzantiner beeindruckend dargestellt hat, die Vertreibung der Griechen vom Schwarzen Meer, das fokussiert Lutz C. Klevemann nun auf Smyrna (das heutige Izmir) und den 13. September 1922, als türkische Soldaten, die unter Mustafa Kemal („Atatürk“) am 9. die Stadt besetzt hatten, das armenische Viertel in Brand steckten, der dann als Feuersbrunst auch die griechischen Wohngebiete vernichtete. Während sie wahllos beschossen wurden, trieb es Zigtausende zum Hafen, wo westliche Kriegsschiffe als Beobachter lediglich Zivilisten eigener Nationen an Bord nahmen, während die Bordkapellen gespielt haben sollen, um die Schreie der Verlassenen zu übertönen.

Der Tod Zehntausender dabei wurde Angelpunkt eines ebenso brutalen wie riesigen Bevölkerungsaustauschs, einer ethnischen Säuberung zwischen Griechen und Türken, Christen und Muslimen. Klevemann erzählt das dicht, eingewoben in ausgiebige Reiseeindrücke und Geschichtsexkurse.

Was unterscheidet den Konservativen vom Reaktionär? Konservative scheinen zumindest die Fragilität der geliebten Ordnung zu ahnen, Reaktionäre hingegen beharren geradezu blindwütig auf einem Ursprünglichen, zu dem sie zurückwollen. Da sie zudem personenfixiert sind, bieten sich insbesondere Luther und Descartes als die teuflischen Ermächtiger des Individuums gegen die angeblich organischen Ordnungsmächte an. Das ist bei Carl Schmitt beispielsweise die katholische Ordo, bei Leo Strauss Platos Idee vom Staat. Wollte man herum- und herunterpsychologisieren, könnte man sagen, dass es vornehmlich innerlich Zerrissene sind, man läge damit immerhin noch richtiger als sie mit ihren Illusionen. Nun sind da noch andere, viele, die sich gleichwohl erwählt dünken, in denen sich das monomane Denken heruntertransformiert und zugleich auflädt zu Handlungsanweisungen und Machtmitteln – ob in Thinktanks, Politzirkeln oder Bruderschaften. (Auch das gehört dazu, dass es kaum Schwestern unter ihnen gibt.) Schließlich Figuren wie Berlusconi, Trump, Orbán, bei denen man solche Gedankenlinien, anders als, wenngleich abstrus, bei Putin etwa, nicht einmal in homöopathischen Dosen findet. Sie alle sind Demagogen der Antimoderne, die zugleich Schmarotzer von Demokratie und Zivilisiertheit sind.

Karl-Heinz Ott nun versucht, sie alle zusammenzubringen, ruft gut lesbar das Werk von Schmitt oder Strauss ins Gedächtnis, setzt sich mit Nietzsche, Heidegger oder Foucault kursorisch auseinander, streut eher assoziative Bezüge ebenso dazwischen wie Querverweise auf Adorno, Lukács oder Habermas. Das wirkt gelegentlich fast so, als wolle er es den Tugend-Manichäern mit Sprunghaftigkeit und Unübersichtlichkeit heimzahlen. Gleichwohl lohnt die Lektüre.

Einer der triftigen Gründe, den Spiegel zu lesen, war Christian Schultz-Gerstein. Kurz vor seinem tragisch frühen Tod 1987 hat er bitter mit dem Spiegel abgerechnet. Klaus Bittermann hat noch im selben Jahr eine Auswahl seiner Porträts, Essays, Reportagen und Glossen herausgebracht. Nun ist die in einer stark erweiterten Ausgabe neu erschienen.

Das ist mehr als nur gut so. Denn zum einen hat man es mit einer Jüngstzeit-Archäologie der Mentalität(en) der sich ausschleichenden alten Bundesrepublik zu tun, zum anderen mit Musterstücken einer Haltung unbedingten Eigendenkens, uneitler Konformitätsscheu und Mut, ohne Risikoversicherung gegen den Strich nicht nur der böswilligen Reaktion, sondern auch der gutmeinenden Redaktoren zu lesen und zu schreiben. Ob über Botho Strauß oder Rainald Goetz, Bernward Vesper, Günter Grass oder Peter Zadek, das sterbende Liverpool oder den Versuch, mit Rauchen aufzuhören – das ist im Ton unverwechselbar und im Urteil unheimlich hellsichtig. Nur einen Satz von so vielen merkenswerten zitiert: „Wenn Neo-Nazis gefährlich sind, dann in ihrer Eigenschaft als Verlierer, die Verlierer hassen.“

Info

1922. Wunderjahr der Worte Norbert Hummelt Luchterhand 2022, 414 S., 22 €

Smyrna in Flammen. Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa Lutz C. Klevemann Aufbau 2022, 381 S., 24 €

Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens Karl-Heinz Ott Hanser 2022, 431 S., 26 €

Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten. Porträts, Essays, Reportagen, Glossen Christian Schultz-Gerstein Edition Tiamat 2021, 447 S., 26 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare