Mit Voltaire zu den Seeräubern von heute

Sachbuch Prof. Erhard Schütz präsentiert in seiner Kolumne „Sachlich richtig“ einmal im Monat Bücher, die man unbedingt lesen sollte. Dieses Mal geht es um Geschichte vor und nach 1945 sowie eine Zeit, in der Theorie eine Lebensform war
Sein Traktat über die Toleranz, das 1763 erschien, schrieb Voltaire selbstbewusst, sei „kein Zugvogel, sondern für alle Jahreszeiten gedacht“. Na dann
Sein Traktat über die Toleranz, das 1763 erschien, schrieb Voltaire selbstbewusst, sei „kein Zugvogel, sondern für alle Jahreszeiten gedacht“. Na dann

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Im Jahr 1694 geboren, 1778 gestorben – also kein Jubiläum, zu dem diese Biografie François-Marie Arouets alias Voltaire erschienen ist. Es sei denn, man dächte an das 60-jährige Bestehen des Frankfurter Clubs Voltaire, Mutter aller weiteren – und in seiner Mischung aus Politik, Speisen und Lustbarkeiten keine schlechte Verkörperung dessen, wofür der Namensgeber steht, allem voran naturellement Toleranz. Sein Traktat über die Toleranz, das 1763 erschien, schrieb Voltaire selbstbewusst, sei „kein Zugvogel, sondern für alle Jahreszeiten gedacht“. Das ist es über die Jahrhunderte geblieben. Wenn es 2015 infolge des islamistischen Terrors gegen Charlie Hebdo und den Club Bataclan zu einem der meistverkauften Bücher in Frankreich wurde, zeugt das von seiner Aktualität und noch immer von seiner Ohnmacht.

Anders als seine bissig-kritischen Abhandlungen erscheint sein Plädoyer sogar höchst duldsam gegenüber den Mächten der Intoleranz. Voltaire schmeichelt Kirche wie König für die von ihnen erlangten Fortschritte in Toleranz. Es liest aber auch, wer zu lesen versteht, im vermeintlichen Lob die Bankrotterklärung christlicher Ansprüche angesichts Kirchlicher und weltlicher Wirklichkeit.

Voltaire war, das zeigt dies Buch in allen seinen Facetten, nicht leicht zu greifen und festzulegen, das hat zum Beispiel der heftig um ihn werbende preußische König Friedrich II. erfahren. Volker Reinhardts Biografie zeichnet eine Figur aus der Fülle des Lebens. Voltaire als Spieler, Rhetoriker, geschickter Kapitalvermehrer – und eben unermüdlicher Agitator gegen die Infamie der Intoleranz. Darüber hinaus bietet das Buch vorzügliche Darstellungen seiner wichtigsten Werke.

Wie viele „Deutsche Geschichten“ inzwischen! Allein im Blick auf das 20. Jahrhundert. Golo Mann, Hans-Ulrich Wehler, Thomas Nipperdey, Ulrich Herbert, Ute Frevert nicht zu vergessen. Radikaler noch als Nipperdey und Frevert pointiert Michael Wildt für die Zeit von 1918 bis 1945 Diskontinuitäten, Brüche, Zerrissenheit. Eine auch für den Historiker „zerborstene Zeit“. Er beschreibt sie in Jahresschichten und entlang von Wahrnehmungen der Zeitgenossen, die so zu – auch kritisch befragten – Zeitzeugen werden, Willy Cohn, Joseph Goebbels, Harry Graf Kessler, Victor Klemperer, Klaus Mann, Luise Solmitz, um nur einige aus der großen Zahl zu nennen. Man merkt, dass Wildt einer der besten Kenner des Nationalsozialismus ist. Aber auch zur Zeit davor bietet er eine hervorragende Darstellung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen Verhältnisse, fokussiert immer wieder im Alltag der damals Lebenden und darüber Schreibenden. Man wünscht dem Buch viele ältere Leserinnen und Leser, die es jüngeren schmackhaft zu machen verstehen.

Vertrieben von Barbarenheeren, /Entrisset ihr den letzten Opferbrand / Des Orients entheiligten Altären / Und brachtet ihn dem Abendland.“ – so Schiller im Gedicht Die Künstler. Deutsche Barbarenheere, aber nicht nur sie, opferten, was abendländisch sein sollte, überall, wo sie hinkamen. Abendländisch – deutscher Holocaust und Völkermord, der europäische Kolonialismus. Dennoch wurden nach 1945 nicht nur in Deutschland, sondern allenthalben abendländische Werte gegen die vorausgegangene (und im Osten angeblich drohende) Barbarei ins Feld geführt. Erweitert zur christlich-abendländischen Zivilisation, suchte man Stabilisierung der ruinierten Verhältnisse innen wie außen. Ob um die drohende Gefahr eines Atomkriegs, ob im Umgang mit den vor allem afrikanischen Kolonien von England, Frankreich und Portugal zeigt er die Janusköpfigkeit des Zivilisierungsanspruchs, wie aus diesem selbst Widerspruch erwuchs, in Europa, vor allem in den europäisch geprägten Eliten Afrikas, in denen der Anspruch auf Verwirklichung der Behauptungen überging in autochthone Gegenentwürfe. Dabei wurde der europäische Menschenrechts- und Zivilisationsanspruch – über UNO und UNESCO zum Beispiel – universell. Was freilich nicht schon bedeutete: Realität. Hier erfährt man exemplarisch die verwickelten, reziproken Verhältnisse von universellem Anspruch und partikularen Wirklichkeiten.

1973 haben Florian Vaßen und ich ein Heft der Zeitschrift alternative zu den ästhetiktheoretischen Schriften Lu Märtens herausgegeben. Insofern könnte bei der umfassenden Untersuchung ebendieser Zeitschrift zutreffen, was Siegfried Kracauer über eine Arbeit schrieb, die unter anderem von ihm handelte: Alles Ausgegrabene stimme, aber nichts trug sich so zu, wie darin berichtet. Doch sind wir hier nur Anlass zu einer Fußnote. Für mich Provinzler war die Möglichkeit, dort zu publizieren, wie ein – Achtung: contradictio in adiecto – linker Ritterschlag. Zumal die Hefte über Brecht und Benjamin, zu Lukács, Eisler oder auch Carl Einstein, zu Literatur und Psychoanalyse, zur französischen Theorie zwischen Lucien Goldmann, Tel Quel, Althusser und Strukturalismus zu gläubig durchforschten Katechismen wurden. Theorie war eine Lebensform. Eine andere war Pädagogik, für Kinder wie Erwachsene. Später kam es zum Schisma der Unorthodoxen. 1982 war Schluss. Nun kann man das alles in hintergründiger Detailliertheit als Rekonstruktion eines Epochensegments nachlesen.

Dank Ali Mitgutschs einschlägigem Wimmelbuch konnte mein Enkel das Wort „Piraten“ eher aussprechen als „Großvater“. Wahrscheinlich wird er Piraten auch als Erwachsener mehr verehren denn fürchten. Zu verlockend ist, was mit ihnen assoziiert wird – Freiheit als Abenteuer, Raub als Sozialleistung, Bandenbildung als Nation Building. Da ist dies schmale Bändchen ein Antidot. Nicht nur die derzeitigen Räuber- und Erpresserbanden vor den Küsten Afrikas und Asiens sollten der Sozialromantik die Illusionen nehmen, meint Siegfried Kohlhammer, sondern die historischen Fakten, die er kompakt rekapituliert.

Von den kilikischen der Antike über die vandalischen, sarazenischen (muslimischen), maltesischen (christlichen), wikingischen, karibischen, britischen und so fort Piraten verfolgt er deren Totenkopf-Ausflaggung bis in den letzten Campingplatz-Wimpel – in Fakten wie in Zuschreibungen, um ihre sozialistische bis feministische, antirassistische und obendrein noch ökologische Indienstnahme Kapitel für Kapitel zu destruieren. Bis am Ende nicht mal mehr treibende Rumfässer von deren Abwrackung zeugen. Indes: Piratenkostüme und Piratenfilme dürfen, falls wir zwischen Fiktionen und Wirklichkeit zu scheiden gelernt haben, meint er, ruhig bleiben.

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

Info

Voltaire: Die Abenteuer der Freiheit Volker Reinhardt C.H. Beck 2022, 607 S., 32 €

Zerborstene Zeit. Deutsche Geschichte 1918 – 1945 Michael Wildt C. H. Beck 2022, 638 S., 32 €

Ruin und Erneuerung. Die Wiedergeburt der Europäischen Zivilisation 1945 Paul Betts Bernd Rullkötter, Jan Martin Ogiermann (Übers.), Propyläen 2022, 624 S., 39 €

Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift „alternative“ 1958 bis 1982 Moritz Neuffer Wallstein 2021, 415 S., 36 €

Piraten. Vom Seeräuber zum Sozialrevolutionär Siegfried Kohlhammer zu Klampen! Verlag 2022, 165 S., 16 €

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