Sachbücher im Mai: Dichte Kulturgeschichten der Entkulturisierung

Bücherkolumne Prof. Erhard Schütz liest Bücher über Faschismus, deren Aktualität man nicht eigens hervorheben muss
Ausgabe 21/2024
Die ständestaatliche und klerikalfaschistische Dollfuß- und dann Schuschnigg-Diktatur in Österreich galten als kleineres Übel nach dem misslungenen Nazi-Putsch 1934
Die ständestaatliche und klerikalfaschistische Dollfuß- und dann Schuschnigg-Diktatur in Österreich galten als kleineres Übel nach dem misslungenen Nazi-Putsch 1934

Foto: Imago / United Archives International

Was ist der perfekte Faschist? Einer, der Herrenmenschenmachismo (gegenüber Frauen wie Kolonisierten), bürgerliche Elitenarroganz und Klerikalmoralismus in eine Uniform zu zwängen versteht. Das führt zwangsläufig zu einem Schlingerkurs mit heftigen Kollateralschäden.

Attilio Teruzzi ist einer gewesen. Der Mann mit dem kernigen Bartgesicht kam aus schlichten Verhältnissen, führte als Offizier eine der Legionen beim Marsch auf Rom an, drängte sich der aus reichem Hause stammenden amerikanischen Operndiva Liliana Weinman derart auf, dass sie ihn 1926 unter größtem Pomp heiratete, ging mit ihr als Gouverneur in die libyschen Kolonien. Er hatte so viele Affären, dass er den Spitznamen „der brünftige Ochse des Reiches“ erwarb und seine Frau verlor. Worauf er sie in einem spektakulären Prozess als jüdische notorische Lügnerin zu diffamieren suchte. Doch sie gewann und er konnte sich nicht scheiden lassen. Konnte deshalb seine Tochter nicht legalisieren, die aus einer anderen Beziehung zu einer Jüdin stammte, die er in ein Internierungslager stecken ließ. Daneben aber machte er weiterhin Karriere – bis zum italienischen Kolonialminister. 1945 zu 30 Jahren Haft verurteilt, starb er 1950 kurz nach seiner Amnestierung.

Aus diesem schon für sich bizarren Biografiegerüst nun hat die renommierte Historikerin Victoria de Grazia eine facettenreiche, plastische und – man kann es nicht anders sagen – elegant erzählte Personalgeschichte des italienischen Faschismus gemacht, an der man einmal mehr Bigotterie, theatrale Verlogenheit und Machtrausch des tyrannischen Populismus studieren kann. (Lesen Sie dazu auch das Interview mit Victoria de Grazia auf S. 23).

Neben NS-Deutschland und dem faschistischen Italien gab es seit 1933 in Österreich eine ganz spezifische Variante der Demokratienachfolge: die ständestaatliche, klerikalfaschistische Dollfuß- und dann Schuschnigg-Diktatur. In chronologischer Folge von prägnanten Momentaufnahmen zeigt dieser Band unter dem Stichwort Maskeraden – in Anspielung auf den Titel eines der erfolgreichsten Wien-Filme 1934 (man könnte auch an den Exilroman 1939 von Hans Flesch-Bruningen denken) – den Opportunismus und die Selbstgleichschaltung in den Künsten ebenso wie die staatlichen Pressionen und die wenigen Widerstände.

Zu viele ließen sich – zumal nach dem misslungenen Nazi-Putsch 1934 – auf die Diktatur als das „kleinere Übel“ ein. Die Anpassung von Theater, Rundfunk, Film, die Rumeierei der Künstler, alles das wird plastisch in jeweiligen Miniaturen. Dazwischen der „Gang der Dinge“, die Umstellung vom Links- auf den Rechtsverkehr, der boomende Fremdenverkehr, die Eröffnung der Großglockner-Hochalpenstraße, der erste Opernball. Bis Hitler und von Papen 1938 Österreich „heim ins Reich“ holten … – eine dichte Kulturgeschichte der Entkulturisierung ist hier gelungen, deren Aktualität man nicht eigens hervorheben muss.

Zu Uwe Wittstocks lesenswertem Querschnitt durch das Fluchtjahr 1940 (der Freitag 12/24) liefert die Biografie Lisa Fittkos eine Ausschnittvergrößerung. Wenn man Fittko denn kennt, dann als Scout Walter Benjamins über die Pyrenäen. Mit dem bekannten tragischen Ende. Doch war die 1909 in Transkarpatien Geborene als Widerstandskämpferin und als Fluchthelferin für jüdische oder politische Exilierte in Frankreich kaum minder bedeutend als Varian Fry. Eva Weissweiler hat nun ihre Biografie rekonstruiert, die einer bewundernswert klugen, mutigen und engagierten Frau, ihren Lebensweg von Österreich-Ungarn bis in die USA. Das ist keine der inzwischen allfälligen säkularen Heiligenlegenden, sondern ein gut geschriebener, gewichtiger Beitrag zur Geschichte des Exils.

Diese Chronik des ersten Vierteljahrs von 1989 – ist sie aus der oder in die Zeit gefallen? Sie handelt im Dreieck zwischen Ungarn, BRD und DDR. Handelt von Fehleinschätzern und Rechthabern, Unbeugsamen und Flexiblen. Vom Klammern an die Macht, in Sturheit oder Salamitaktik. Von Staatsverbrechen und individuellem Heldentum. Sie führt öfters zurück in die Herkunft dieser Vergangenheit, in den Terror, zu dem die Idee des Kommunismus wurde.

Die archivalische Komposition aus Stimmen der Opfer und der Opfernden, der Zuschauer und Dreinredner, entfaltet von Tag zu Tag die dramatische Entwicklung damals, die sonst meist vom November her geschrieben wird. Hier aber lernt man, dass ohne die Erosion der KP in Ungarn, ohne den mutigen Freiheitswillen dort – führend einer, der inzwischen all das dem Machtkalkül und der familialen Bereicherung opfert, Viktor Orbán –, vor allem ohne das Begehren, die anonym verscharrten Opfer des 1956 brutal niedergeschlagenen Volksaufstands würdig bestattet zu sehen – dass ohne dies der deutsche November womöglich in weite Ferne gerückt wäre oder in einem Blutbad geendet hätte. Ein Aufschlusswerk zur Zeitgeschichte, ein Klagelied und ein Freiheitsdenkmal zugleich.

Der perfekte Faschist Victoria de Grazia Michael Bischoff (Übers.) Wagenbach 2024, 512 S., 38 €

Maskeraden. Eine Kulturgeschichte des Austrofaschismus Alfred Pfoser, Béla Rásky, Hermann Schlösser Residenz Verlag 2024, 423 S., 38 €

Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin Eva Weissweiler Hoffmann u. Campe 2024, 380 S., 25 €

1989. Das Jahr beginnt Zsuzsa Breier Vandenhoeck u. Ruprecht 2024, 467 S., 45 €

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