Christine Keilholz
Ausgabe 1217 | 05.04.2017 | 06:00 4

Sachsens Drama

Extremismus Im Freistaat finden rechte Einpeitscher offenbar die bestmögliche Bühne. Dabei gibt es auch kleine Zeichen des Wandels

Sachsens Drama

Es gibt auch andere sächsische Verhältnisse: Mehr als 2.000 Menschen protestierten in Leipzig gegen einen Neonaziaufmarsch

Foto: Jens Schlueter/Getty Images

Christian Worch hatte schon bessere Zeiten. Wie sehr 40 Jahre rechtsextremen Straßenkampfs an die Substanz gehen, zeigte sich am Wochenende in der Leipziger Südvorstadt. Worchs Stimme will nicht mehr so. Auch der Himmel über Leipzig verweigert sich der Show, die der 61-jährige Neonazi abzieht. Dicke Wolken donnern aneinander, Regen peitscht auf.

Als Worch am Bayrischen Platz zum Mikro greift, ist die Luft schon raus. Er steht Auge in Auge mit der versammelten Bürgerschaft, die ihn hier nicht haben will. Die 120 Leute in seinem Schlepptau indes klatschen pflichtschuldig wie eine Betriebsversammlung. Stunden später wird ein erleichterter Polizeisprecher verkünden, die Stadt sei „kein Ort der zügellosen Gewalt“ geworden. Die paar Rechten, die da marschierten, machten keinen Eindruck mehr.

Das war mal anders. Leipzig hat Worch viele Jahre lang große Auftritte gesichert. 2000 Anhänger zog er früher an. Das war in den Zeiten, als Dresden an jedem Bombardementgedenktag zum Aufmarschplatz von Europas Rechtsradikalen wurde.

Sachsens Städte ziehen seit den 1990ern die streunernden Glatzen irgendwie magisch an. Woran das liegt? Weil Sachsen grundsätzlich viele Menschen anzieht. Sie kommen aus Brandenburg, aus dem Ostsee-Hinterland oder aus Bielefeld zum Studieren oder für den Job. Und sie finden hier gut Anschluss, auch die Deppen. Sachsen ist dichter und dynamischer als der Rest der neuen Länder. Die aufstrebenden Großstädte und der attraktive Arbeitsmarkt sind hier. Früher hatte Sachsen die großen Fabriken, geblieben sind davon triste Arbeiterwohnblocks, in denen es gärt.

Ungeheuerliche Taten

Dass da Frustpotenzial brach lag, bereit zu ungeheuerlichen Taten, erfuhr die Republik im September 1991 aus Hoyerswerda, als hunderte Rassisten Unterkünfte von Vertragsarbeitern belagerten und attackierten. Hoyerswerda hat die Marke Sachsen geprägt. Durch Bilder, die die Nachwende-Probleme alle zusammen zeigten: Betonwüsten, verängstigte Ausländer, hilflose Polizei und einen wütenden Mob. Das Bild ist meist schon komplett, bevor etwas passiert. Auch dann, wenn sich etwas ändert. In Heidenau etwa im August 2015 griffen Sachsen einen Baumarkt an. Die Kanzlerin war da, der Ministerpräsident – aber diesmal ein CDU-Bürgermeister, der klare Worte fand, als der Mob brüllte.

In Bautzen im März 2016 war kein Mob mehr da, um den Bundespräsidenten zu empfangen. Stattdessen viele, die einfach guckten, und nicht mitmachten, als ein paar Jungs „Volksverräter“ brüllten. Der Bürgermeister von Bautzen machte hinterher in den Talkshows eine ganz gute Figur. Die Stadt gilt trotzdem als braunes Nest. Das ist Sachsens Drama. Geschichten von braunen Nestern finden mehr Gehör als Geschichten von einem Land, das sich in 25 Jahren gut entwickelt hat. Die Anführer der Rechten hatten das schnell raus, wenn sie etwas Großes aufziehen wollten, dann in Sachsen. Wenn sie in die Tagesschau wollten, meldeten sie die Demo in Sachsen an.

Das funktioniert meistens, Beispiel Worch: In seiner wechselhaften Karriere als Einpeitscher und als Wortführer immer wieder neuer rechter Kleinparteien nutzte er Leipzig gern als Bühne. Wenn es nur noch mau für ihn lief, konnte er hier mit ein paar Dutzend Lonsdale-Brüdern etwas reißen. Dass er nun, wenige Jahre vor dem Renteneintritt, das Bürgermeisteramt in der badischen Gemeinde Au am Rhein erwerben will, wissen nur verschreckte Einheimische. Damit löst er keine große Welle aus. Aber wenn er wieder durch Leipzig marschiert ist, reicht das, um in die Medien zu kommen. Freilich funktioniert der Zünder Leipzig immer schlechter – diesmal konnte Worch keine Gegengewalt aus dem linken Lager provozieren.

Die üblichen Erklärungsmuster, warum Sachsen so ein attraktives Pflaster ist für Rechtsextreme, greifen in Leipzig nicht. Die Stadt ist traditionell so sozialdemokratisch wie der Freistaat konservativ. Hier gibt es eine starke linke Szene, darunter auch gewaltbereite Gruppen, die sich mit Böllern in friedliche Demos mischen.

Entsprechend hatte die Stadt für den Sonnabend mit dem Schlimmsten gerechnet, mit brennenden Mülltonnen und zerkloppten Polizeiautos, mit Barrikaden und entglasten Schaufenstern. Die Polizei stand mit 2.500 Einsatzkräften aus sechs Ländern bereit, plus Bundespolizei. Worch durfte nicht durch das linksalternative Szenequartier Connewitz laufen, er musste vorbei an Tierkliniken und Studentenwohnheimen. Durch Straßen ohne Schottergleisbett, das zum Steinewerfen einladen würde.

Der Sprecher der Polizeidirektion, Andreas Loepki, produzierte im Vorfeld einen Aufreger mit der Ansage, wo Steine fliegen, „kann es keinen friedlichen Protest an gleicher Stelle geben“. Das aber ist falsch. Denn es gibt immer friedlichen Protest – obwohl auch Steine fliegen. Immer sind die aktiven Bürger, Gewerkschaften, Lokalpolitiker da. Und die paar, die gerne irgendwas in Schutt und Asche legen wollen. In Leipzig stellen sich beide Gruppen gemeinsam gegen die Nazis – im Rest von Sachsen nicht.

Wie Kaugummi am Schuh

Als sich im Herbst 2014 in Dresden Pegida formierte, kam der Gegenprotest nicht in Gang. Das lag zum einen daran, dass Dresdner Bürger nicht in einer Reihe stehen wollten mit Demo-Kids, die „Deutschland muss sterben“ rufen. Zum anderen liefen auch CDU-Mitglieder bei Pegida mit – und auch solche der Linken.

Sachsen war lange ein mehrheitlich konservatives Land mit einem Protestwählerpotenzial von um die zehn Prozent. Das griff mal die NPD ab, mal die FDP, jüngst die AfD. Problembewusstsein für Rechtsextremismus passt nicht zur konservativen Lebensart. CDU-Landesvater Kurt Biedenkopf erklärte seine Sachsen für „immun“ gegen die braune Gefahr. Seinem Nachfolger Stanislaw Tillich klebt der Satz wie Kaugummi am Schuh – auch dann, wenn er deutlich wird. Nach Clausnitz rief Tillich „alle Demokraten“ dazu auf, gemeinsam „die widerlichen und immer wieder stattfindenden rechtsextremen Umtriebe in unserem Land zu bekämpfen, zurückzudrängen und zu stoppen“.

Wie seine Vorgänger redet Tillich lieber über anderes. Anfang März bemühte sich die CDU, bei ihrer größten Basisveranstaltung im Dresdner Flughafen ein seriöses Bild abzugeben. Bei dieser hoch angebundenen „Denkfabrik“ gaben Minister und Bundestagskandidaten Auskunft zu allem, was sie so bewegt: Handwerk, Digitalisierung, ländlicher Raum, die soziale Marktwirtschaft in der Tradition von Ludwig Erhard. Das drängendste Problem hat die Regierungspartei lieber umschifft.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/17.

Kommentare (4)

Hermann 05.04.2017 | 16:16

Sehr geehrte Frau Keilholz, was wollen Sie denn mit diesem Artikel sagen? Der ist weder Beschreibung der vielfältigen Strömungen in Sachsen noch Analyse der Problemlage

Es würde zu weit gehen, Ihren Beitrag Wort für Wort auseinander zu nehmen. Ich will nur Ihren letzten Satz kommentieren: „Das drängendste Problem hat die Regierungspartei lieber umschifft.“ (Sie meinen vermutlich den Rechtsextremismus.) Ich bin weder ein Anhänger der CDU und erst recht nicht von Herrn Tillich, aber in dem Punkt handelt die Sächsische Landesregierung richtig. Nie kämpft man erfolgreich gegen… sondern immer nur für, z.B. den Erhalt gut bezahlter Industriearbeitsplätze, Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse auch in abgehängten Randgebieten (z.B. Bautzen) oder eine hochwertige Schulausbildung.

harsdorfer 05.04.2017 | 21:50

Sowohl die sächsische Staatsregierung als auch und ganz besonders die Stadt Dresden haben völlig falsch gehandelt.

Als hier bei uns Anfang 2015 ein PEGIDA-Ableger demosntrieren wollte, haben der OB, Bürgerinitiativen und die religiösen Vereinigungen einschl. jüdischer sowie muslimischer Gemeinden zu einer Gegenkundgebung aufgerufen, bei der das 10-fache an Teilnehmern zusammen kam. Umgehend war Schluß mit dem Spuk.

Aber nicht nur die Politik trägt Schuld. Auch die Kirche. Im Juni 2015 sagte Cars­ten Rentzing, Sachsens evangelischer Landesbischof über PEGIDA: "Solange eine Demonstration den Regeln dieser Gesellschaft folgt, gibt es auch kein Recht, das zu kritisie­ren."

Kurzum, die Autorin hat Recht. In Sachsen sind die Probleme hausgemacht.