Salto mortale für zwei Leben

Doppelbedeutung Carola Sterns Autobiographie "Doppelleben"

Autobiographien sind für Leser fast immer eine spannende Lektüre, bedienen sie doch das Bedürfnis nach Klatsch ebenso wie das nach scheinbar authentischer Information über vergangene Ereignisse in definierter, das heißt überschaubarer Zeit. Je enger Zeitläufe und berichtende Person verknüpft sind, desto größer der Lesegewinn. Eine Sicht der Dinge. Je subjektiver, desto aufschlussreicher.

Die Frage, die sich Carola Stern am Beginn ihrer Autobiographie Doppelleben stellt, lautet "Wer bin ich"? Ein empfehlenswertes Spiel für Jedermann in diesem Land, vor allem für die neue politische Gesellschaft der Bundesrepublik. Um die geht es der Autorin zwar erst in zweiter Linie, aber immerhin liefert sie den einen oder anderen Ausgangspunkt, von dem Personen der Jetztzeit in die Politik starteten. Sie prüft zunächst sich selbst, listet ihre drei Leben auf: Als Erika Assmus von der Insel Usedom, als Agentin eines amerikanischen Geheimdienstes in der SBZ/ DDR, als Journalistin und Autorin, die in den vielen Jahren ihrer Berufstätigkeit mit beinahe allen wichtigen Leuten der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft in Berührung kam. Sie sucht weder Schuldige, noch verteidigt sie Unschuldslämmer. Sie berichtet über sich selbst. Motive ihrer Entscheidungen liefert das eigene Leben. Auf Legitimation aus der Zukunft für Handeln in der Vergangenheit verzichtet sie. Ohne wirklich Einzelheiten preiszugeben, gibt sie zu, im Auftrag der Amerikaner eine Rolle im Kalten Krieg gespielt zu haben, allein das unterscheidet sie von anderen. Und: Sie stellt die Frage nach der eigenen Identität rasch und ohne Rückversicherung. Doppelleben ist deshalb alles andere als ein Thriller aus dem deutsch-deutschen Agentenmilieu. Die historischen Ereignisse mögen manchmal ein wenig fleischlos daher kommen, gelegentlich wünschte sich der Leser mehr Kommentierung und einen Einblick in die Gefühlswelt dieser Frau (den gibt es erst im letzten Kapitel). Sie ist immerhin Mitbegründerin von Amnesty international in Deutschland, war mit den Heinemanns, Raus, Brandts, Bölls, mit den Grass´, Kopelews und Bahrs befreundet - eine beeindruckende Galerie großer Frauen und Männer - das Spiegelbild der gebremst kapitalistischen Bundesrepublik mit sympathisch moralischen Prinzipien. Alles scheint glatt, einfach, sehr direkt zu funktionieren, bis hin zur steil nach oben führenden Karriere innerhalb der SED und später im WDR. Zu glatt vielleicht. Nur die wenigen Passagen, in denen die Autorin sich als mögliches Entführungsopfer der Stasi beschreibt, fallen heraus, enden in Flucht und Zusammenbruch. Dann setzt sich das ruhige Gleichmaß fort.

Das Buch ist im Frühsommer dieses Jahres erschienen. Damals hätte man es als uneitle Bilanz eines Lebens zwischen Ost und West gelesen und wegen der Passagen über den Nachkrieg, die fließenden Übergänge vom Antifaschismus zur Diktatur in der DDR, der Auseinandersetzungen im Kalten Krieg mit Spannung gelesen. Jetzt, im Herbst, entwickelt es noch eine andere Dimension.

"Belustigt verfolge ich als alte Frau die gesetzten Reden und eindrucksvollen Karrieren ehemals wüster Schreier, die in hohen Regierungsämtern nun für Maß und Mitte sorgen", schreibt die Autorin. Es geht ihr also auch um Doppelleben schlechthin, das der damals jungen Wilden zum Beispiel, die - so das Buch - dafür sorgten, dass unter der Regierung Willy Brandts Grabenkämpfe an der Tagesordnung waren. "Es stritten ›Linke‹ gegen ›Rechte‹, Alte gegen Junge, ›Kanalarbeiter‹ gegen Marxisten ..." Eine Aufzählung, die an so ziemlich alles erinnert, an die SPD von heute erinnert sie nicht. Aber sie belegt, wie wandelbar Überzeugungen sind, wie nahtlos Übergänge vom Leben vor der Macht in das mit Macht sein können, wie selbstverständlich sie Menschen zugestanden werden, vorausgesetzt, sie bleiben nicht zu dicht an dem, was sie als junge Leute einmal vehement vertreten hatten. Ein Salto mortale muss ein Salto mortale sein.

Das hat SPD-Kanzler Schröder den verbliebenen "Scheinwilden" in der eigenen Partei und bei den Bündnisgrünen mit dem Erpressungsmanöver "keine Macht ohne Kriegseinsatz" deutlich gemacht. Wer regieren will, muss auf so etwas wie Prinzipien pfeifen. Doppelleben also, eins für die Wähler und die Seele und eins für die Macht. Sie haben mit ihrem Ja zur Beteiligung der Bundeswehr an militärischen Einsätzen in Nahost, Afrika oder Asien per Vertrauensfrage vollendet, was zu Gründungszeiten der Grünen nicht einmal gedacht werden konnte. Eine neue Version des Täter-Opfer-Täter-Prinzips. Wer in den Siebzigern die Nachrüstung nicht verhindern konnte, darf im Jahr 2001 den Satz "Krieg darf nie wieder Mittel der Politik sein" auch umkehren. Belustigend ist das sicher nicht, aber zur Ehre von Carola Stern sei gesagt: Der Satz entstand, bevor über Militäreinsätze entschieden wurde.

Böll, Gollwitzer, Kelly, Bastian - die Autorin beschreibt es - bildeten damals die Spitze einer machtvollen, wenn auch nicht wirklich erfolgreichen Friedensbewegung. Heute gibt es eine Erklärung von Intellektuellen und Einzelpersonen gegen den Beschluss "Bundeswehr zu Kampfeinsätzen", Franz Xaver Kroetz befürchtet sogar, die Bundesrepublik sei "auf dem Weg zurück ins Kriegsverbrechergeschäft", die Gegenerklärung anderer Intellektueller folgte auf dem Fuße. Eindruck bei der politischen Klasse hinterließen sie alle nicht. Die Zeiten, als alternative Parteien gerade deshalb wichtig erschienen, weil ein ganz anderer Politikansatz für die Zukunft unverzichtbar sein sollte, scheinen nur noch die grüne Basis zu tangieren. Doppelleben - die Existenzform der Grünen. Der Weg von den in Carola Sterns Buch notierten Anfängen hin zum kompletten Paradigmenwechsel schafften sie in etwa zwanzig Jahren. Beleg für die Distanz zwischen der Bundesrepublik der siebziger, achtziger Jahre und des beginnenden neuen Jahrtausends. "Im Saarland" heißt es an anderer Stelle "machte mich der christdemokratische Ministerpräsident auf eine ›besondere politische Begabung‹ aufmerksam, den Oberbürgermeister von Saarbrücken. Doch stehe dieser in seiner Partei so weit ›rechts‹, daß mit einer weiteren Karriere nicht zu rechnen sei. Der Mann hieß Oskar Lafontaine." Das mit der weiteren politischen Karriere ist inzwischen Realität, die SPD samt Koalitionspartner stapfte in Höchstgeschwindigkeit am gepriesenen Talent vorbei.

Der von Carola Stern gewürdigte, basisbestimmte Demokratieansatz ist weitgehend versandet. An einem hat sich allerdings nichts geändert: dass die Politik "den Hauptproblemen unserer Zeit ... nicht gewachsen ist. Im besten Fall wird kurzfristiges Krisenmanagement (betrieben), langfristige Krisenbewältigung hingegen (ist) nicht erkennbar." Und das alles ohne signifikante Proteste.

Carola Stern: Doppelleben. Eine Autobiographie. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2001, 320 S., 39,90 DM

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00:00 23.11.2001

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