Sammler alter Synthesizer

Pop The Divine Comedy machen Musik gegen das Wachstum. Ein Doppelalbum wäre vielleicht nicht nötig gewesen
Marc Peschke | Ausgabe 27/2019

Das Kammermusikalische, die Liebe zum musikalischen Tand, zum raffinierten Detail, zur vollendeten Verfeinerung, das ist ein wichtiger Strang der britischen Popmusik, der weit zurück reicht. Zurück bis in die 1960er. Als die Beatles und die Kinks begannen, die Popmusik zu veredeln.

Auch Neil Hannon ist ein Goldsucher. Und er ist einer der talentiertesten englischen Songwriter. Nicht wenige halten ihn gar für ein Genie. In jedem Fall ist er ein Mann, für den Pop mehr ist, als ein paar Akkorde. Und er ist ein Künstler, der sich nicht davor scheut, altmodisch zu erscheinen. Daran hat sich auch auf dem inzwischen schon zwölften Album Office Politics von The Divine Comedy nichts geändert – 29 Jahre nach ihrem Debüt Fanfare for the Comic Muse.

Noch immer gelingt es dem Dubliner mit dem kraftvollen Bariton, Songs zu schreiben, die opulente Filmmusik, Barmusik und melodramatischen Kammer-Pop verbinden. Songs, die oft so anders klingen als die Themen, die sie verhandeln. Um Entfremdung in der heutigen Arbeitswelt geht es unter anderem auf diesem Doppelalbum. Oder um die große Liebe des alternden englischen Ehepaares Norman und Norma – zu einem feinen Klavierstück verdichtet.

Heute Nacht fliegen wir

Andere Stücke sind experimenteller, spielen mit Sounds, spinnen Ideen fort und zitieren Synthie-Pop der 80er, klassische Musik, Funk oder Glam-Rock, um sich gerne auch einmal um sich selbst zu drehen. Diese Band mit dem besonderen Witz und Glamour war schon immer eine Gruppe für wenige. Man höre etwa Philip And Steve’s Furniture Removal Company, eine kauzige Soundschleife, eine fiktive Sitcom über Philip Glass und Steve Reich, die in Hannons Text gemeinsame Besitzer einer New Yorker Spedition sind. Oder The Synthesizer Service Centre Super Summer Sale: ein Stück für Liebhaber und Sammler alter Synthesizer.

Hannon sagte kürzlich, er sehe das Überleben der Menschheit gefährdet, wenn wir an der Idee ständigen Wachstums festhielten – und das neue Album der Band liefert einen entsprechend kapitalismuskritischen Soundtrack. Der Mensch? Der ist in dieser Welt eine Büro-Marionette, die sich morgens mit der Stechuhr unterhalten darf. Auf dem Cover ist eine Bürowelt um 1990 dargestellt – der Gründungszeit der Band.

Stücke wie Absolutely Obsolete, You’ll Never Work In This Town Again oder Queuejumper, vor allem aber auch das grandiose When The Working Day Is Done gehören zu den besten, die Hannon in den letzten Jahren geschrieben hat. Gleich ein Doppelalbum aufzunehmen, das wäre dann vielleicht doch nicht nötig gewesen. Andererseits: Musikalisch war Neil Hannon schon immer ein Verfechter des mehr ist mehr. Vor allem mehr Synthesizer gibt es auf diesem Album zu hören – und einmal rappt Hannon auch.

Fans kaufen das Album sowieso, allen anderen sei es uneingeschränkt empfohlen: auch als Eintrittskarte in die wunderbar kauzige Welt von The Divine Comedy, die zu erkunden auch nach 30 Jahren immer wieder fasziniert. Hat man diese Band einmal für sich entdeckt, hat man jemals Klassiker wie Tonight We Fly, At The Indie Disco oder Something For The Weekend ins Herz geschlossen, dann bleibt sie: für immer.

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Office Politics The Divine Comedy PIAS

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