Samowar von Breschnew, Säbel von Jelzin

Frankreich Einstige Präsidenten der V. Republik lassen durch Museen an sich erinnern, die wegen der zur Schau gestellten Objekte wie gehobene Pfandhäuser wirken
Ausgabe 15/2014
Kein Museum, aber repräsentativ: der französische Élysée-Palast
Kein Museum, aber repräsentativ: der französische Élysée-Palast

Foto: ALAIN JOCARD/ AFP/ Getty Images

Frankreich stach in Europa einmal damit hervor, dass das Amt des Präsidenten eine machtvolle, beinahe monarchische, ja mythisch überhöhte Stellung genoss. Seit Nicolas Sarkozy im Elysée die Bling-Bling-Vulgarität des Parvenüs auslebte und François Hollande nicht mehr mit der Respektierung seines Privatlebens durch die Presse rechnen kann, ist es nicht mehr dasselbe. Bis dahin entwickelte die V. Republik einen bemerkenswerten Kult um ihre Präsidenten.

Teil dieses Gebahren war, dass etliche Staatschefs Museen zu ihrem Andenken stifteten, immer in der tiefsten Provinz. Ich besuchte diese symbolischen Orte, beschränkte mich aber auf die drei Präsidenten, die auch wiedergewählt wurden – auf Charles de Gaulle, von 1959 bis 1969 erster Staatschef der V. Republik, auf den Sozialisten François Mitterrand (1981 – 1995) und den Gaullisten Jacques Chirac (1995 – 2007).

Ich begann in der Champagne, im Dörflein Colombey les Deux Églises, auf dem privaten Anwesen der Familie de Gaulle. Dass der Hausherr keine Komplexe vor der Nationalgeschichte kannte, zeigt der an die „Bosserie“ angebaute Turm – er hat wie Frankreich einen hexagonalen Grundriss. Dort arbeitete der General. Von seinem Schreibtisch blickte er auf ein sanft gewelltes Meer von Wiesen und Wäldern. „Auf der Länge von 15 Kilometern“, schrieb er, „keine einzige Bebauung.“ In den zugänglichen Räumen sind einige Objekte ausgestellt. Eine gotische Pietà von Adenauer, ein Samowar von Breschnew. Schließlich das einfache filzbespannte Tischlein, an welchem der Retter des besiegten und kompromittierten Frankreichs 1970 verstarb. Als ich Colombey verließ, leuchtete hinter mir noch lange das hoch aufragende Lothringer-Kreuz hellrot in die Nacht.

„Der Morvan versteht zu schweigen“, beschrieb ein als „Sphinx“ bezeichneter Präsident das düster-kalte Bergland in Zentralfrankreich. Selbst aus dem Cognac-Gebiet am Atlantik stammend, landete Mitterrand 1946 im Morvan, mittels der Technik des „Parachutisme“: Pariser Spitzenpolitiker suchten sich willkürlich einen Wahlkreis in der Provinz und übernahmen dort politische Ämter. So war Mitterrand jahrzehntelang Bürgermeister von Chateau-Chinon, schaute aber allenfalls an freien Samstagen vorbei.

Ich ging spazieren. Das Bergstädtchen Chateau-Chinon war außerhalb der Essenszeiten tot. Auf dem Rathausplatz ein vom Künstler Jean Tinguely gestalteter Brunnen. Angetrieben vom heftigen Wind, gaben die bunt beweglichen Skulpturen alle zehn Sekunden ein quietschendes Stöhnen ab. Ich stieg auf den nicht weniger windumtosten Kalvarienberg. Bei den drei schlichten Betonkreuzen eine weite Aussicht, die aber kein Korn und keine Reben aufbot, nur Wald, vereinzelt Weiden mit weißen Kühen. Wenn sich einer über vier Jahrzehnte an die Spitze der Nation hochbeißt, muss ihm eine solche Anhöhe als das Dach Frankreichs erscheinen. So leer, dass sie nach Projektionen schreit.

Mitterrand hinterließ ein Museum mit den Geschenken seiner ersten Amtszeit. Es sind 4.700 Objekte, dazu 18.000 Bücher. Ein Samowar von Gorbatschow. Teppiche, symbolische Stadtschlüssel. Eine Riesenvase von Mubarak, ein Riesenteppich mit Sitzgruppe von Hafiz al-Assad, Vater des heutigen Präsidenten. Vom Karlsruher Bürgermeister ein Vorläufer des Fahrrads, eine „Draisine“. In der asiatischen Abteilung Aquarelle, Chinoiserien, Säbel und Messer von arabischen Herrschern und von Boris Jelzin. Im Keller die afrikanische Abteilung – Statuen barbusiger Frauen, geschnitzte Möbel, ausgestopfte Panther und Löwen.

Obwohl am anderen Ende Zentralfrankreichs gelegen, ist die Corrèze dem Morvan verblüffend ähnlich. Kein Meer, kein Wein, nicht das Frankreich von Gott in Frankreich. Nur Kargheit, Menschenleere, Abstraktion, die Einwohnerzahl mancher Dörfer sank innerhalb von hundert Jahren auf ein Zehntel. Die Corrèze, in der auch der politische Fallschirm des jetzigen Präsidenten Hollande aufging, war die Bastion von Jacques Chirac. Seit 1969 besitzt er im Wald das Schloss Bity. Das Gerücht, dass sich im nämlichen Anwesen einst Leo Trotzki versteckt hielt, gilt als widerlegt.

Auch wenn die historische Einordnung Chiracs noch Rätsel aufgibt, ist sein Museum das größte. Allein für die Bücher ein eigener Turm. Im Unterschied zu Mitterrand bekam Chirac deutlich weniger Elfenbein, dafür nehmen die güldenen Säbel, Palmen und Kamele der Scheichs überhand. Sinnig das Geschenk des algerischen Präsidenten Bouteflika, eine Kalaschnikow. Da hat sich Chirac sicher gefreut – er hatte im Algerienkrieg gedient.

Martin Leidenfrost schrieb in dieser Serie zuletzt über die Szekler in Rumänien

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