Sanftes Nasepopeln

MEDIENTAGEBUCH Deutschland gegen Ukraine oder Sat.1 gegen ZDF

Auf geht´s, teilte uns die Ruhrgebietsnachtigall Werner Hansch mit, und schon lief über den Privatsender Sat1 das erste Fußballländerspiel seit vier Jahren. Kurioserweise war es 1997 auch gegen die Ukraine gegangen. Und ehe wir vergangenen Samstag noch überlegten, ob es auch in den beiden Halbzeiten Werbeeinblendungen geben würde, schließlich kommt der dezente Hinweis an die Trinkergemeinde von Krombacher auch bei ARD und ZDF vor jedem Spiel und Sport, teilte uns der Reporter bereits ungefragt mit: "Glück für Deutschland - Pfostenschuss". Wenn unser liebes Vaterland doch auch demnächst bei Schüssen anderer Art so viel Glück hätte, wenn es zum Länderspiel nach Afghanistan geht! Fußball haben sie am Hindukusch jedenfalls seit über 30 Jahren nicht mehr gespielt. Wir können uns also voll auf den heimatlichen Bildschirm konzentrieren. Soeben haben die Ukrainer ein Tor geschossen. "Der kleine Subo", wie uns Hansch belehrt, und "ein schneller Bursche". Kaum gesagt, schon hat´s geklingelt. WM ade? Sat.1 erlaubt uns inzwischen einen Blick auf das ukrainische Trainerdenkmal Waleri Lobanowski, der keine Miene verzieht und sich vielleicht innerlich über das Tor seiner Mannschaft freut. Nur ein sanftes Nasepopeln verrät Anspannung des ansonsten steinernen Gastes. Unser Reporter verwechselt derweil die deutschen Spieler, statt Ballack sieht er Ziege am Ball. Ansonsten reitet er auf den vergebenen Chancen des "Flügelflitzers" Schwewtschenko herum und übt sich recht manierlich in der Aussprache so schöner Namen wie Melaschtschenko und Timoschtschuk. Irgendwann schießen auch die Deutschen ihr Tor, obwohl Werner Hansch gerade den unumstößlichen Satz verkündet: "Deutschland ist nicht mehr Weltspitze".

Fast hätten wir es vergessen. So geht der Abend dahin. Sat.1 macht seine Sache auch nicht schlechter als die Öffentlich-Rechtlichen. 90 Leute hatte der Privatsender nach Kiew beordert, 22 Kameras wurden installiert, eine davon im Torpfosten. Mehr Tore hat es deswegen auch nicht gegeben. Aber Sat.1-Sportanchorman Jörg Wontorra (früher Radio Bremen) war darüber so begeistert, als ob er zu Weihnachten eine Eisenbahn geschenkt bekommen hätte. So viel Aufwand ließ das ZDF nicht ruhen und es kündigte für das Rückspiel in Dortmund 30 Kameras an. Die 22 in der Ukraine hatten ja noch irgendeine Symbolik, wenn wir an das Bild von zweimal elf Freunde sollt ihr sein denken. Bei der Zahl 30 erinnert sich der bibelfeste Zuschauer vielleicht an die vielen Silberlinge, die zwischen den Vereinen über den Tisch wandern und zwischen Fußball und Fernsehen. Aber womöglich konnten uns die 30 Kameras auch zeigen, wie es von der Seite aussieht, wenn Lobanowski popelt.

Apropos ZDF. Nachdem schon Wontorra und sein Copilot Köhler unmittelbar nach Spielschluss und einem langweiligen Spiel noch langweiligere Fragen stellten, glaubte das Zweite Deutsche Fernsehen auch in diesem Punkt nicht nachstehen zu müssen. Studiomoderator Rudi Cerne, üblicherweise recht informativ, schläferte die Fußballfreunde mit einer blassen Befragung der WM-Stars von 1990, Pierre Littbarski und Thomas Berthold, erfolgreich ein. Die freundlich grinsenden Boxerintellektuellen Wladimir und Witali Klitsch-K.O. gaben das ihre dazu und mochten sich nicht entscheiden, ob ihnen das Heimatland Ukraine oder der Zahlmeister Deutschland sympathischer sei. Cerne schopenhauerte mit dem Satz "Wer´s jetzt nicht begriffen hat, wird es nie begreifen" die philosophische Dimension eines möglichen Ausscheidens der deutschen Mannschaft in der Weltmeisterschaft 2002 herbei. Und der geneigte Zuschauer war sich wieder einmal bewusst, an einem der zahlreichen Schicksalsspiele der Deutschen teilgehabt zu haben. "Wir wollen zur WM fahren, ganz klar", wurde Teamchef Rudi Völler kurz dazugeschaltet, während sich Bayern-Präsident Franz Beckenbauer die Füße auf Frankfurts Sportlerball steif stand. Auf Cernes Frage, warum er nicht in Kiew gewesen sei, antwortete er, dass er den Termin ja schon vor Monaten zugesagt habe.

Es gibt Wichtigeres als Fußball, so die Botschaft. Vielleicht Werbefernsehen bei Sat.1 und all den anderen Stationen, auf denen wir Beckenbauer in närrischen Szenen sehen? Kicken, die herrlichste Nebensache der Welt? Von wegen. "Durch den Sport wird ein junges Land berühmt", sagt Waleri Klitschko. Vielleicht hat er recht. Bei uns werden durch Fußball Biersorten und Sendeanstalten berühmt. Sat.1 kann es gebrauchen nach den vielen Einbrüchen in jüngster Zeit. Am Sonnabend haben über 13 Millionen zugeschaut. Endlich wieder einmal Quote. Da sitzt man still ergeben in der Halbzeitpause vor dem üblichen Reklameschnickschnack und darf nicht an Günther Netzers und Gerhard Dellings brillante Spielanalysen bei der ARD denken.

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00:00 16.11.2001

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