Sanierungs-Patriotismus

Schwarz-Rot-Gold Der Rausch ist nicht weit entfernt vom Katzenjammer, wie schon einmal - nach 1989

Wer aus unentwegter Gewohnheit die Ohren auf Durchzug stellt, wenn vom Neuen Patriotismus die Rede ist, hat jetzt eine ruhige Zeit. Es scheint nämlich so, als interessierten sich die Landsleute für nichts anderes mehr. Dabei ist die Sache ziemlich alt. 1991 forderte der Historiker Ernst Nolte einen "defensiven Nationalismus" und meinte damit, die Deutschen sollten, ohne aufzutrumpfen, sich zu ihrem Eigenen bekennen. Er kam bald aber dahinter, dass dann auch das Verhältnis zur Vergangenheit 1933-1945 geklärt werden müsse, riet zur Verstocktheit und wurde zur Strafe in die Ecke gestellt.

Merkwürdigerweise bemühte die neue linke Oppositionspartei, als sie auch im Westen ankommen wollte, sich zeitweise sehr um ihr Verhältnis zur Nation. Das war harmlos. Aggressiv trat dagegen die CDU mit ihren Parolen von Patriotismus und Leitkultur auf.

All dies konnte man noch als eine Art Selbstbeschäftigung des Feuilletons und der politischen Klasse abtun. Als die Kanzlerkandidatin 2005 erklärte, sie wolle "Deutschland dienen", klang das so komisch wie Horst Köhler. Allerdings spürte man den Ernst einer beharrlichen Inszenierung, die im Dezember fortgesetzt wurde: Zu Weihnachten wünschte sich der Bundespräsident, die Bundesrepublik solle Fußball-Weltmeisterin werden, und die Kanzlerin bekräftigte das zu Silvester.

Tatsächlich scheinen die Volksmassen jetzt die patriotischen Vorgaben umzusetzen. Sie malen sich Schwarz-Rot-Gold auf die Backen und schwenken Fahnen, die von der Volksrepublik China wohlfeil geliefert werden. Ob tatsächlich damit endlich unten angekommen ist, was oben schon so lange vorgedacht wurde, ist nicht ganz sicher. Immerhin ist das Ganze ja vor allem karnevalesk. Dies aber gilt schon wieder als ein Stück erwünschter Normalisierung. Wahr daran ist, dass sich das deutsche Fahnenschwenken und Hymnensingen vom brasilianischen und niederländischen nicht unterscheidet. Im Sommer hängt fast vor jedem dänischen Ferienhaus der Danebrog - weißes Kreuz auf rotem Grund -, und in Finnland wird die Fahne hochgezogen, wenn jemand einen besonderen Privatgeburtstag hat. Dort ist das allerdings kein Fasching, sondern hat etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Käme derlei auch hierzulande in Mode, bliebe angesichts einer völlig anderen deutschen Geschichte zwar der Beigeschmack von Dreistigkeit, aber der Zentralrat der Juden hat hierzu gerade jetzt einen Begleittext veröffentlicht: In einem Volk, das meint, sich inzwischen genug erinnert zu haben, könnte das ständige Hinweisen auf den Holocaust kontraproduktiv wirken. Für heute Zwanzigjährige (in Deutschland, besonders aber weltweit) sind diese Dinge tiefstes 20. Jahrhundert, weit vor ihrer eigenen Zeit.

Die FAZ schreibt, das gegenwärtige Fahnenwesen beziehe seine Legitimation aus dem Jahr 1989, hätte aber hinzufügen sollen, dass es zwischendurch wieder ziemlich abgeschlafft war und seine Erneuerung im Zeichen des Fußballs zumindest den nationalen Pathetikern fast schon wie Blasphemie erscheinen müsste.

Mitten ins Flaggenschwenken und Liedersingen hinein sprach die Kanzlerin den Satz, Deutschland sei ein Sanierungsfall. Vor dem Bundestag äußerte sie sich dahingehend, dass sich in der Begeisterung über die Vorrunden- und Achtelfinal-Erfolge der Nationalmannschaft auch Beifall für die Zumutungen äußere, die sie als Reformen bezeichnet. Renate Künast antwortete geschickt: Die Regierung sei in ihrem Verantwortungsbereich bisher die Tore schuldig geblieben, die die Fußballer auf ganz anderem Feld geschossen hätten.

Dem Publikum auf Straßen und Plätzen ist aber offenbar nicht nach Blut, Schweiß Tränen zumute, sondern es will feiern. Was in der Berliner Fanmeile und den Ersatzstadien abgeht, erinnert an den "kollektiven Freizeitpark", gegen den einst Kohl anredete und dem Köhler und Merkel bisher ebenfalls nichts abgewinnen wollten.

Als der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einen heroischen Vorstoß gegen die Nationalhymne abpfiff, sagte er Besseres als Präsident, Kanzlerin und regierungsnahe Presse: Im Singsang äußere sich (neben der Unterstützung einer Fußballmannschaft) Lebensfreude. Das ist andererseits aber schon mehr, als die große Koalition auf Dauer bieten kann.

Für Hartz IV-Empfänger und schlecht Entlohnte sind die Stunden vor den Breitwänden inmitten jubelnder Mitbürgerinnen und Mitbürger kostenfreier Konsum, wie er ihnen sonst fast nie geboten wird. Ihre Sorgen werden dadurch nicht weniger, aber ohne Fußball ginge es ihnen ja auch nicht besser. Also sind sie gern dabei. Unter Patriotismus werden diejenigen, die ihn schon seit Jahrzehnten aufpusten wollten, sich vielleicht doch etwas anderes vorstellen.

Der jetzt so heftig angesungene Nationalstaat hat sozial- und wirtschaftspolitisch wenig zu bieten und eignet sich insofern wenig zur Identifikation. Müntefering hat es 2005 ja selber gesagt: Heuschrecken fräßen das heimische Gemeinwesen auf und hüpften dann globalisiert weiter. Benneter, der damalige SPD-Generalsekretär, bezeichnete deutsche Unternehmer, die zu Hause keine Steuern mehr zahlen und Arbeitskräfte ins Ausland verlagern, als unpatriotisch. Diejenigen unten, die von denen da oben auf solche Weise geschädigt werden, haben vom derart geschwächten Vaterland dann ja wohl nicht viel zu erwarten. Ihre Zuneigung wäre dann eher eine Art Phantomschmerz, so ähnlich wie Nostalgie, in der noch einmal etwas gefühlt wird, was längst weg ist. - Ein solcher Rausch ist nicht weit entfernt vom Katzenjammer. Wie schon einmal: nach 1989.


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00:00 30.06.2006

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