Sanktionen gegen Russland: China baut Moskwitsch 2.0 in ehemaligem Renault-Werk

Automobilmarkt Chinesische Hersteller nutzen durch die westlichen Sanktionen entstandene Lücken und etablieren sich auf dem russischen Markt
Ein Moskwitsch im Museum: Die Produktion wurde 2006 eingestellt
Ein Moskwitsch im Museum: Die Produktion wurde 2006 eingestellt

Foto: Andrey Smirnov/AFP/Getty Images

Das sind frappierende Zahlen, wie sie die Moskauer Zeitung Kommersant jüngst veröffentlicht hat. Danach fiel der Verkauf von Kraftfahrzeugen im April gegenüber März auf nur noch ein Drittel. Von einem Zusammenbruch zu reden, ist nicht übertrieben. In der Branche kursiert für den Monat das Label vom „schwarzen April“. Doch war der März gleich nach Beginn des Ukraine-Kriegs von den Umsatzzahlen her der schlechteste seit dem Corona-Lockdown zwei Jahre zuvor.

Ob es weiter abwärts geht, ist fraglich. In den letzten Maitagen kam es zu einer leichten Erholung der Nachfrage, was Marktanalysten auf die stark gesunkenen Verkaufspreise zurückführen. Im März hatte es genau die gegenteilige Tendenz gegeben, da für einige Automodelle hauptsächlich aus der Oberklasse der Neupreis um 50 bis 60 Prozent noch oben ging. Mit den Sanktionen kam es zu einem Einfuhrstopp für so gut wie alle westlichen Marken nach Russland. Im Land befindliche Produktionsstätten wie zwei große VW-Filialen wurden nach und nach von der aufbrandenden Boykottwelle erfasst. Jene Minderheit der Russen, für die Geld keine übermäßige Rolle spielt, erkannte die Zeichen der Zeit und sicherte sich vom Wunschfahrzeug schnell noch ein Exemplar, bevor die Preise explodierten. Irgendwann waren die Restbestände von Mercedes oder BMW erschöpft, und der führende Maybach-Luxusimporteur orderte laut Kommersant nur 25 Fahrzeuge pro Monat.

Wer da nicht mithalten konnte, hielt sich mit einem Kauf zurück. Viele Normalverdiener finanzieren schon seit Jahrzehnten ihr Fahrzeug über Kredite. Da die Russische Zentralbank zeitweise ihre Leitzinsen auf bis zu 20 Prozent anhob, um einen Rubel im freien Fall zu verhindern, wurden Darlehen unbezahlbar. Das musste dem Absatz von PKW teuer zu stehen kommen. Ein Preisschub bei Ersatzteilen und Kraftstoff tat ein Übriges, die Kauflaune zu trüben.

Montiert an der Wolga

Doch nicht alle von westlichen Fahrzeugproduzenten aufgegebenen Fabriken haben ihre Fertigung eingestellt. So verließ der Autoriese Renault zwar Moskau, doch ging sein Werk in das Eigentum der Regionalverwaltung über. Hauptstadt-Bürgermeister Sergei Sobjanin steuerte die Erklärung bei, dass die Fabrik nun Fahrzeuge der Marke „Moskwitsch“ verlassen würden. Die ist aus der Ära vor 1989/90 bekannt. Nicht nur für Sowjetbürger wurde dieser Typ des Mittelklassewagens gebaut, er war ebenso in der DDR wie Tschechoslowakei beliebt.

Im postsowjetischen Russland freilich war der „Moskwitschs international“ kaum mehr konkurrenzfähig und musste sich 2006 endgültig verabschieden. Ungeachtet dessen soll ein „Moskwitsch der neuen Generation“ wieder zum Standard werden. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow spricht von einem Fahrzeug, das jeder Russe kaufen wolle, auch Wladimir Putin wäre am „Moskwitsch 2.0“ interessiert. So urrussisch, wie die Marke klingt, ist sie in ihrer neuen Version indes nicht, wenn man der Wirtschaftszeitung Wedomosti Glauben schenkt. Sie gibt preis, für Design und Motor seien chinesische Hersteller zuständig.

Dass die sich exponieren, passt zur Zukunft des russischen Fahrzeugmarktes. Schließlich kristallisieren sich Unternehmen aus China als Gewinner des westlichen Embargo-Furors heraus. Bis zum Krieg firmierten sie – vor allem bei Nutzfahrzeugen – als Nischenhersteller preisgünstiger Ware. In einer Zeit der schmalen Budgets bei russischen Konsumenten – seien es Privatleute oder Betriebe – klingt diese Visitenkarte vielversprechend.

So schreibt die Zeitung gazeta.ru, alle negativen Prognosen würden nicht für chinesische Hersteller gelten, die ihre Absatzzahlen nach oben trieben. Der Fahrzeugexperte Dmitri Smawnow konstatiert gegenüber dem Onlineportal Lenta zudem, chinesische Modelle würden vergleichbaren europäischen Marken in nichts nachstehen. Er rate derzeit Käufern eindeutig dazu, diese Angebote zu beachten.

Wer chinesischen Marken wie „Geely“ oder „Chery“ dennoch misstraut, muss nicht auf jedes westliche Modell verzichten. Die meisten Automobilhersteller sind multinationale Konzerne mit zahlreichen Marken. Wie etwa Renault, Joint-Venture-Partner von Lada und Eigentümer der Marke „Dacia“. Das in Mitteleuropa viel beworbene Modell „Dacia Duster“ wurde bisher in Russland als „Renault Duster“ angeboten. Gegenwärtig ist es unter dem Label „Lada Duster“ zu haben – fast baugleich montiert an der Wolga.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden