Sarah, das Phänomen

USA Die Verliererin der Präsidentenwahl 2008 ist zur Ikone des „wahren Amerikas“ geworden. Nun rüstet sie – nicht zur Freude aller Republikaner – für die Wahl 2012

Sarah Palin Anfang April vor 3.000 Begeisterten bei einer Konferenz der Republikaner. Sarah Palin im März bei der Nationalversammlung der Tea Party. Sarah Palin bei Wahlveranstaltungen republikanischer Politiker von Arizona bis Minnesota. Sarah Palin mit 1,5 Millionen „Freunden“ in Facebook. Sarah Palin als Analystin in Rupert Murdochs TV-Sender Fox. Sarah Palin ebenfalls bei Fox als Moderatorin von Real American Stories; über „richtige Amerikaner“, die dank Willensstärke Krisen meistern. Sarah Palin als Moderatorin der neuen Serie Sarah Palin‘s Alaska im Kabelsender Discovery.

Sarah Palin vielleicht auch in John McCains Albträumen. Der altgediente Senator, Kriegsgefangener in Vietnam, ein Mann des republikanischen Adels, hatte 2008 die Politikerin aus dem nördlichen Hinterland zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin ernannt und ins Rampenlicht katapultiert. Das galt als taktisch kluges Manöver, um das Team Obamas zu verunsichern, das mit dem Schlagwort „Wandel“ Wahlkampf machte. Hier, so das Kalkül, komme nun realer Wandel aus Alaska: Eine Frau aus dem Volke, bekannt als Abtreibungsgegnerin, „bibelgläubig christlich“, Mutter von fünf Kindern, der Ehemann Arbeiter in der Ölindustrie. Zumindest würde Sarah die sozialkonservative republikanische Basis mobilisieren. Obwohl es am Ende nicht reichte: Sie hat ihre Schuldigkeit getan.

Grenzen eines Kulturkrieges

Aber hinterher ist sie nicht gegangen und heute die Ikone einer ziemlich weit rechts angesiedelten Strömung im Amerika der weißen Mittelklasse, auch der Arbeiterschicht. Die gegen den afroamerikanischen Präsidenten gerichtete Entrüstung ist explosiv: Die Menschen haben Angst um die wirtschaftliche Zukunft und fühlen sich nicht repräsentiert von der Elite. „Washington“ ist weit entfernt von der Not der Arbeitslosen, den Millionen, die ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können und den fast 40 Millionen, die sich nur noch durch staatliche Lebensmittelhilfe satt essen können. Auch McCains alte Republikanische Partei der Banker und des Nationalen Sicherheitsapparats wird von vielen aus der rechten Basis angefeindet. Sie kann den Verunsicherten wenig Alternativen anbieten.

Sarah – ihre Anhänger nennen sie nur beim Vornamen – kann das auch nicht, aber sie erscheint offenbar Millionen Menschen als glaubwürdig, wenn sie Entrüstung kanalisiert und sich als Vertreterin des „wahren Amerikas“ in Szene setzt. Und wenn sie das tut, ist die Republikanische Partei auf sie angewiesen. Von Ronald Reagan bis George W. Bush instrumentalisierten die Republikaner sozialkonservative Themen und sammelten echte Evangelikale, um genug Weiße aus den unteren Einkommensschichten soweit zu bringen, gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen zu stimmen. Hinterher warf man diesen Wählern ein paar Brocken hin: Rhetorik gegen Abtreibung, gegen die Homo-Ehe und für die Tradition, das heißt weiße Tradition. Viel mehr nicht.

Diese Strategie hat ausgedient. Der Kulturkrieg dürfte die Grenze seiner Nützlichkeit erreicht haben: Die USA werden toleranter, vor allem das junge Amerika hat kein Interesse an der Hetze gegen Schwule. Am schnellsten wächst die „Glaubensgruppe“ der Menschen „ohne Religion“. Kaum lösbar aus konservativer Sicht sind demographische Fakten. Die Vormacht der Weißen bröckelt – die Nicht-Weißen legen dank höherer Geburtenrate schneller zu. McCain hat 2008 die Mehrheit der weißen Stimmen und zwei Drittel der weißen protestantischen Stimmen bekommen und dennoch verloren. Nach Regierungsexpertisen werden etwa 2040 Afro-Amerikaner, Latinos und andere Minderheiten mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung stellen.

Vielleicht kann Palin kurzfristig bei den Kongresswahlen im November 2010 und der Präsidentenwahl 2012 noch einmal die rechte Opposition zusammenkitten: Die Anti-Obama-Aktivisten konzentrieren ihren Zorn auf wirtschaftliche Themen, entrüsten sich etwas schizophren über die Regierung, weil die zu viel Macht an sich reiße und zu wenig tue gegen die Krise.

Ängste der Palinistas

Kulturkrieg spielt keine große Rolle in der Tea Party: Sarah aber wird verehrt von vielen dort und vom konservativen christlichen Amerika angehimmelt: die Madonna mit einem Baby, das an einem Down Syndrom leidet. Sarah ist inzwischen wohl Multimillionärin, die Palin-Reality-Show (Tochter Bristols Schwiegermutter hat illegale Drogen gedealt und Kindsvater Levy sich nackt bei Playgirl ablichten lassen) macht sie irgendwie sympathisch und menschlich greifbar. Da mögen „die Liberalen“ noch so spotten, Palin habe keine Ahnung von Politik. Sie schafft sich ihre eigene Realität. Ihre verbalen Ausrutscher stören die Fans nicht, schließlich sind die bereit, Obama für einen Sozialisten und Faschisten zu halten, der ohnehin nicht in den USA geboren sei.

1980 haben viele Wähler links von der Mitte Ronald Reagan unterschätzt, 2000 viele George W. Bush. 2008 unterschätzten viele Konservative Barack Obama. Möglicherweise könnte sich dieses Phänomen 2012 bei Sarah Palin wiederholen. Während die einen sie verehren, sind die anderen von ihr schockiert. Aber die sozialen Ängste vieler „Palinistas“ haben ihre Wurzeln in einer bitteren wirtschaftlichen Realität.

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11:45 17.04.2010

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