Aureliana Sorrento
10.01.2012 | 09:33 3

Sardiniens Waffenparadies

Italien Auf dem Truppenübungsplatz Salto di Quirra ist ­mutmaßlich mit abgereichertem Uran experimentiert worden – ohne Rücksicht auf die Gesundheit der lokalen Bevölkerung

Auf den ersten Blick wirkt Quirra im Südosten Sardiniens wie der Garten Eden. Der Ort besteht aus einigen wenigen, mit der Landschaft vernieteten Häusern, aus Äckern und Weideland. Doch handelt es sich bei dieser Pastorale größtenteils um militärisches Sperrgebiet. Mit 12.000 Hektar Land gilt der „Salto di Quirra“ als größter Schieß- und Übungsplatz Europas. Nicht nur die italienische Armee probt hier den Krieg – Manöver veranstalten auch die Streitkräfte fast aller NATO-Partner. Überdies vermietet die italienische Luftwaffe das Terrain an jeden, der 50.000 Euro pro Stunde zahlen kann, um neuartige Waffen, Ausrüstungen oder Fahrzeuge zu testen.

Davon Gebrauch machen Unternehmen wie FIAT oder die italienischen Rüstungs- und Raumfahrt-Konzerne Finmeccanica und Alenia, die Schweizer Oerlikon Contraves, der Waffenproduzent Thompson, der Transportfahrzeughersteller Iveco sowie das Centro sviluppo materiali (die ThyssenKrupp AG hält hier 15 Prozent der Aktien). Dieses Experimentierfeld erweist sich als sprudelnde Geldquelle für das römische Verteidigungsministerium.

An Leukämie erkrankt

Allerdings hat Anfang 2011 Domenico Fiordalisi, Staatsanwalt der nächstgrößeren Stadt Lanusei, gegen die Betreiber des Areals weitreichende Ermittlungen eingeleitet. Begründung: Es bestehe der Verdacht auf Umweltverseuchung und fahrlässige Tötung, weil das gesamte Gelände nachweislich mit schädlichen, krebserregenden Substanzen kontaminiert wurde. Es wird vermutet, dass auch abgereichertes Uran (Depleted Uranium/DU) dazu gehört. Von diesem Abfallprodukt, das anfällt, wenn spaltbares Uran für Kernkraftwerke gewonnen wird, sollen weltweit etwa 500.000 Tonnen gelagert sein – für die Atomindustrie unbrauchbar, aber radioaktiv und daher schwer zu entsorgen. Man weiß nicht, wohin damit. Die Waffenindustrie freilich fand eine einträgliche Verwendung für abgereichertes Uran – es wurde für Raketensprengköpfe und Geschossspitzen verwendet, die wegen ihrer Durchschlagskraft unter NATO-Militärs lange Zeit als begehrte panzerbrechende Wunderwaffen galten.

Erklärtermaßen verfügen die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien bis heute über Uranmunition. Derartige Arsenale werden nicht zuletzt von der westlichen Allianz bei Militäroperationen jenseits der Bündnisgrenzen eingesetzt. Natürlich bestreitet die NATO, dass mit abgereichertem Uran Gefahren für Mensch und Umwelt verbunden seien. Doch gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass beim Aufprall von Urangeschossen auf Metall Uranteilchen, Uranoxide und Nano-Partikel freigesetzt werden, die – werden sie eingeatmet oder durch Wasser und Nahrung aufgenommen – gesundheitsgefährdend sind.

Im vergangenen Jahrzehnt wurden immer mehr Fälle von NATO-Soldaten bekannt, die von Einsätzen während der Bürgerkriege in Ex-Jugoslawien zurückkehrten und an Blutkrebs erkrankten. Das Wort „Balkan-Syndrom“ ging durch die Medien, und das atlantische Bündnis musste notgedrungen einräumen, im Kosovo und in Bosnien tatsächlich uranhaltige Geschosse als panzerbrechende Munition gebraucht zu haben. Bereits im Irak-Krieg 1991 und bei der UN-Mission (UNOSOM) in Somalia 1993/94 war Uranmunition verwendet worden. Dass sie im vergangenen Jahr bei den NATO-Einsätzen (Operation Odyssey Dawn) während des libyschen Bürgerkrieges nicht zum Einsatz kam, ist höchst unwahrscheinlich.

„Wo sollen sie all die Uran-Raketen getestet haben, wenn nicht im Salto di Quirra, dem wichtigsten Übungsplatz der NATO in Europa?“, fragt Massimo Zucchetti, Kernphysiker und Professor für Strahlenschutz, den Staatsanwalt Fiordalisi bei seinen Ermittlungen als Experten hinzugezogen hat. Der Verdacht, dass auf den drei Schießplätzen Sardiniens – Salto di Quirra, Capo Teulada und Capo Frasca – Waffen mit abgereichertem Uran eingesetzt wurden, kam schon 1999 auf. Damals wurden erstmals Fälle von italienischen Soldaten publik, die nach dem Militärdienst auf Sardinien an Leukämie erkrankt waren – es handelte sich zumeist um Krebsarten, wie man sie zuvor bei Jugoslawien-Veteranen diagnostiziert hatte. Die sardische Bürgerinitiative Gettiamo le basi (Werfen wir die Basen hinaus) reklamierte zudem eine außergewöhnlich hohe Zahl von Krebserkrankungen unter Bewohnern der Ortschaften, die rund um den Schießplatz von Salto di Quirra liegen.

In Anlehnung an das „Balkan-Syndrom“ sprach die lokale Bevölkerung vom „Quirra-Syndrom“. Schon seit den achtziger Jahren waren im Umland des Testgeländes auffallend viele Kinder mit Missbildungen zur Welt gekommen. Folgen des unmittelbaren oder mittelbaren Kontakts mit Uranmunition? „Abgereichertes Uran ist ein radioaktives Material und wie alle Stoffe dieser Art in der Lage, Gen-Mutationen, Tumore und die Entstehung von Neoplasmen zu verursachen“, meint Professor Zucchetti. Den üblichen Einwand, die Radioaktivität dieser Substanz sei zu schwach, um der Gesundheit zu schaden, weist er zurück. „Bei direktem Kontakt mit den Zellen des menschlichen Körpers können diese durch Uran-Partikeln verändert werden und sich in krebsartige Zellen verwandeln.“

Anlass für die Recherchen von Staatsanwalt Fiordalisi sind Untersuchungen, die das Verteidigungsministerium in Rom lange unter Verschluss hielt, bis sie im Januar 2011 zwei Zeitungsredaktionen zugespielt wurden. Laut dieser brisanten Studie sind 65 Prozent der Hirten von Quirra an irgendeiner Form von Krebs erkrankt und in den meisten Fällen verstorben. Die Erkrankungsrate sinkt, je weiter entfernt vom Schießplatz die Schäfer ihre Herden auf das Weideland getrieben haben. Bis Anfang 2011 war es den Hirten erlaubt, für ihre Tiere auch militärisches Sperrgebiet zu nutzen, was auf Betreiben der Staatsanwaltschaft – unter dem Protest der Bevölkerung, die natürlich vorwiegend von der Landwirtschaft lebt – inzwischen untersagt wurde.

Die bisherigen Nachforschungen haben einiges ans Licht gebracht, darunter die Erkenntnis, dass auf dem Salto di Quirra jahrelang ausgemusterte Waffen aus ganz Europa (teilweise stammten sie noch aus dem Zweiten Weltkrieg) gesprengt worden sind. Mit den Detonationen wurden Mikro- und Nano-Partikeln von Schwermetallen freigesetzt, die auf Gärten sowie Acker- und ­Weideflächen herunterfielen. Napalm, Kadmium, Chrom, Kupferverbindungen Quecksilber und Thorium (nicht minder krebserregend als abgereichertes Uran) drangen in die Böden ein.

Staatsanwalt Fiordalisi hat vorerst gegen sechs Personen wegen Verschmutzung der Umwelt sowie der damit verbundenen Gefahren Anklage erhoben und den Militärbehörden die Auflage erteilt, das Gelände zu dekontaminieren. Der zweite Teil der Ermittlungen – wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung – wird voraussichtlich im Frühjahr 2012 abgeschlossen und zu einer Entscheidung darüber führen, ob es zum Prozess kommt. Dabei dürften auch die Aussagen von Kapitän Giancarlo Carrusci von Belang sein, der behauptet, er sei 1988 auf dem Schießplatz von Quirra an der Erprobung einer deutschen Rakete des Typs Kormoran, die von der Rüstungsfirma MBB hergestellt wurde, beteiligt gewesen. In deren Sprengkopf habe sich nicht zuletzt abgereichertes Uran befunden.

Exhumierung von Hirten

Die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS), der mittlerweile MBB gehört, bestreitet das energisch. Die deutsche Luftwaffe, die laut Kapitän Carrusci in diese Testverfahren involviert war, räumt auf Anfrage zwar ein, zwischen den Jahren 1985 und 1999 auf dem Salto di Quirra mit Raketen des Typs Kormoran experimentiert zu haben, teilt aber gleichzeitig mit: „Die Bundeswehr verfügt und verfügte nicht über Raketen, Lenkflugkörper oder anderweitige Munition, die abgereichertes Uran beinhalten.“ Ein Dementi, das wenig besagt. Es besteht kaum ein Zweifel, dass die Bundeswehr ebenso wie die italienische Armee heute keine Uranmunition mehr besitzt. Doch in den siebziger und achtziger Jahren wurden Uransprengköpfe an fast allen konventionellen Raketen getestet, bis sich nur Flügelraketen (Cruise Missiles) als dafür geeignete Trägermittel erwiesen.

Professor Zucchetti hat in den Knochen eines Lammes, das mit dem Ansatz eines zweiten Kopfes geboren wurde, abgereichertes Uran entdeckt. Da Spuren dieser Substanz in Böden schwer nachzuweisen sind, hingegen im menschlichen Skelett eingelagert werden, hat Staatsanwalt Fiordalisi im Mai 2011 die sterblichen Überreste von 15 an Krebs gestorbenen Hirten exhumieren lassen, um sie auf Uran und andere Schwermetalle untersuchen zu lassen. Weitere Exhumierungen gab es am 6. Dezember, über deren Zweck die Staatsanwaltschaft keine Auskunft geben wollte – es handle sich um laufende Ermittlungen. Die Maßnahme dürfte sie aber nicht von ungefähr angeordnet haben.

Aureliana Sorrento ist freie Autorin, lebt auf Sardinien und schreibt mit diesem Report erstmals für den Freitag

Kommentare (3)

d_r 10.01.2012 | 18:26

Endlich mal jemand, der aus Italien über italienische Angelegenheiten berichtet! Der Umgang mit gefährlichem Müll, radioaktiven Abfällen und sonstigen Giften wurde allzu lange in der italienischen Öffentlichkeit verschwiegen.
Hier ein Bericht aus der Wochenschrift “L’Espresso” über chrombelastete Hochofenschlacken als Bett für die neue Autobahn in Veneto und der Lombardei, um zu zeigen, dass illegale Entsorgung nicht nur Süditalien betrifft und nicht ausschließlich von der Camorra betrieben wird:
espresso.repubblica.it/dettaglio/quell-autostrada-%C3%A3%C2%A8-una-discarica/2170938
Die Italiener haben sich zwar zweimal mittels einer Volksbefragung gegen Atomenergie entschieden, die Abfälle der italienischen ausgeschalteten AKWS haben noch keine Endlagerung gefunden.
Empörung auszulösen, kann bloß der erste Schritt sein, jetzt heißt es, die Öffentlichkeit zu mobilisieren: Die Probleme meiner Nation werden nicht nur durch den Rücktritt Berlusconis gelöst. Eine neue, von den Bürgern getragene politische Kultur muss her.