Sargau ist Irsee

DVD Kai Wessels „Nebel im August“ erzählt als erster Spielfilm vom nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programm
Rebecca Maskos | Ausgabe 10/2017

Erst werden ihm die Haare geschoren. Dann gibt es ein Porträtfoto für die Akte. Verschmitzt, wütend und glatzköpfig schaut Ernst Lossa, 13 Jahre alt, am Anfang in die Kamera des Films Nebel im August. Er wird eingewiesen in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Sargau im Allgäu. Diagnose: „asozialer Psychopath“.

Der Film von Regisseur Kai Wessel begleitet Lossas Zeit in der Anstalt bis zur Ermordung im Rahmen des Tötungsprogramms der Nationalsozialisten. Rund 300.000 Kinder und Erwachsene brachten Ärzte in der NS-Zeit um, weil sie ihnen zu behindert, zu sehr psychisch auffällig oder zu „asozial“ waren. Weil ihr Leben dem Bild des „starken, gesunden Deutschen“ widersprach, sie als Last für das Volksbudget galten. Von 1939 bis 1941 wurden die „Nutzlosen“ noch in den zentralen Vernichtungsanstalten Hadamar, Grafeneck, Bernburg, Sonnenstein, Hartheim und Brandenburg an der Havel durch Vergasung getötet.

Nach Ende der „Aktion T4“, benannt nach der Verwaltungsstelle für die Vergasungen behinderter Menschen in der Berliner Tiergartenstraße 4, ging das Morden in den Kliniken weiter. In der „dezentralen“ oder „wilden Euthanasie“ brachte das Anstaltspersonal die Kinder und Erwachsenen selbst um – mit Morphinspritzen und Luminal, aufgelöst in Fruchtsäften und Tee, später durch gezieltes Verhungernlassen. Als offizielle Todesursache wurden oft Infektionen angegeben – auch im Fall Lossa.

Angelehnt an Vorbilder

Nebel im August beginnt, als Ernst (Ivo Pietzcker) schon Jahre in Kinderheimen hinter sich hat. Er gilt als schwer erziehbar, die Mutter starb, als er vier war. Der Vater war Kirchenrestaurateur und Angehöriger der Jenischen, einer Gruppe „Fahrender“. Den Vater und andere Verwandte steckten die Nazis ins KZ, wo sie später ermordet wurden. Ernst und seine Schwestern kamen ins Heim. Dort befand man, Ernst sei nicht mehr tragbar für die Gemeinschaft.

„Ich gehöre hier nicht hin“, ruft Ernst, als er zum ersten Mal durch die gekachelten Flure der Klinik geführt wird. „Das sagen alle“, bekommt er zur Antwort. In der Kinderfachabteilung Sargau leben behinderte und psychisch beeinträchtigte Kinder. Solche mit Lernschwierigkeiten, gehörlose, blinde und körperbehinderte Kinder. Ernst fühlt sich nicht behindert. Er hilft den Schwestern, schließt Freundschaften, wird Zeuge der Tötungen, muss als Gehilfe des Personals das Sezierbesteck im Leichenkeller putzen. Ernst ist schlau und durchschaut das System des Mordens. Damit wird er zur Gefahr für Anstaltsleiter Walter Veithausen (Sebastian Koch). Ein Fluchtversuch mit seiner Freundin scheitert. Das Anstaltspersonal ermordet ihn kurz darauf.

Der Film nach dem gleichnamigen Jugendbuch von Robert Domes hält sich an die Fakten des Falls Ernst Lossa. Sargau steht in Nebel im August für die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee – und für die gut 35 Kinderfachabteilungen im Deutschland dieser Jahre. Figuren wie Anstaltsleiter Veithausen oder die mordende Kinderkrankenschwester Edith (Henriette Confurius) sind angelehnt an reale Personen. Die Amerikaner hatten nach der Befreiung die Umstände des Todes von Ernst Lossa untersucht und mit ehemaligen Pflegern und Schwestern gesprochen. In Strafprozessen diente der Fall als Beispiel.

Wie in vielen Verfahren zur „Euthanasie“ kamen die Täter hier mit milden Urteilen davon. Pauline Kneissler, Vorbild für Schwester Edith, musste für vier Jahre ins Gefängnis und wurde schon nach einem Viertel der Zeit entlassen. Dabei war sie eine extra angeforderte „Fachkraft“ des Tötens, die schon in Grafeneck und Hadamar hundertfach mordete. Bis zur Rente arbeitete sie weiter als Kinderkrankenschwester. Valentin Faltlhauser, Direktor der Anstalt, wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, die Vollstreckung jedoch wegen angeblicher Haftunfähigkeit aufgeschoben. 1954 wurde er begnadigt. Faltlhauser war der Erfinder der „Entzugskost“, einer Gemüsesuppe, der alle Nährstoffe entzogen wurden, damit die mit ihr Ernährten verhungerten. Die Suppe wurde in Kaufbeuren erprobt und ergänzte dann in den anderen Anstalten das Mordprogramm. Die Opfer von einst kämpfen derweil bis heute um ihre Anerkennung als NS-Verfolgte. Außerdem erlauben es die deutschen Landesarchive und das Bundesarchiv erst seit vergangenem Jahr, ihre Namen öffentlich zu nennen.

Nebel im August macht vieles richtig. Der Film ist nicht überladen mit Nazisymbolen und Hakenkreuzfahnen und vermeidet es so, eine erleichternde Distanz zur Geschichte herzustellen. Auch gibt es keine ungebrochen „bösen“ Charaktere. Geholfen haben Wessel bei der Inszenierung die vielen Komparsen, fast ausschließlich Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen, die am Filmset für ihre Rollen gecoacht wurden. Dass der Film nicht Behinderung von Nichtbehinderten „spielen“ lässt, ist ein großes Verdienst.

Preis der Reichweite

Einen Eindruck von der historischen Atmosphäre lieferten die Wochenschau-Rohfilmaufnahmen aus dem Keller der Anstalt, die Michael von Cranach, ehemaliger Leiter der Klinik und damit ein später Nachfolger von Faltlhauser, als Berater beisteuerte. Von Cranach war es auch, der als Protagonist der Psychiatriereform und engagierter Aufklärer über die NS-„Euthanasie“ in seiner Zeit an der Klinik die Akten aus dem Anstaltskeller holte und besonders die Geschichte von Ernst Lossa bekannt machte.

Indes wurde zum Kinostart auch Kritik laut. Die katholische Ordensschwester Sophia (Fritzi Haberlandt) sei zu einseitig positiv dargestellt worden (im Kontrast zum „schönen Todesengel“ Edith). Heldenhaft dargestellt wird auch Ernst Lossa. Als augenscheinlich nichtbehinderter und intelligenter Junge tut er alles in seiner Macht Stehende, um widerständig zu bleiben und andere Kinder zu schützen. Er ist die Identifikationsfigur im Film. Der Oberpfleger im Film weigert sich zunächst, ihn umzubringen: „Aber der Junge ist doch gesund.“

Das Verbrechen der „Euthanasie“ wird offenbar noch monströser, wenn es einen nichtbehinderten Charakter trifft. Das lässt den falschen Umkehrschluss zu, dass die Tötung der gehörlosen oder körperbehinderten Kinder und der Kinder mit Lernschwierigkeiten vielleicht doch nicht ganz so unrecht gewesen sein könnte. Vielleicht ein Preis, den man dafür zahlen muss, dass der Film die nichtbetroffenen Zuschauer emotional erreicht. Und für die Erkenntnis, dass jeder, auch heute noch, unvermittelt in die Kategorie „Behinderung“ fallen kann, mit all ihren Konsequenzen.

Info

Nebel im August Kai Wessel D 2016, 126 Min., ab 9. 3. auf DVD und Blu-Ray

Bearbeitete Fassung eines Texts, der zuerst in der GID erschien, der Fachzeitschrift Gen-ethischer Informationsdienst

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