Sascha Lobo scheint nett zu sein

Die Ratgeberin Unsere Kolumnisten hadert mit den Fakten
Sascha Lobo scheint nett zu sein
Sascha Lobo fordert mehr Transparenz von Journalisten

Foto: Reichwein/Imago

Wollen Sie wissen, wie die Autorin dieses Textes aussieht? Um die Kolumne besser einordnen zu können? So wie diese Frau aussieht, könnten Sie denken, sind ihre Sätze sicher von Geheiminteressen geleitet. Und wie die schon guckt, könnten Sie denken, und weitere Schlüsse ziehen. Wobei, das mit dem Gucken ist problematisch. Neulich las ich einen erschütternden Artikel über Afrika. Daneben lachte fröhlich der Autor. Den ganzen Tag verfolgte mich sein Foto. Ich überlegte, ob es aufgenommen wurde, bevor der Autor Afrikakorrespondent wurde und wie er jetzt wohl guckt. Oder ob er eine afrikanische Untergrundorganisation unterstützt und aus deren Erfolgen seine gute Laune schöpft. Aber was würde das wiederum über die Stoßrichtung seines Textes sagen? Könnte er dann nicht befangen sein? Man müsste mehr über ihn wissen, um das beurteilen zu können.

Genau diesen Vorschlag machte kürzlich Sascha Lobo für alle Journalisten: Offensive Transparenz. Leser sollen erfahren: Welche Interessen hat der Überbringer der Botschaft? In welche Organisationen, Ideologien und absonderlichen Hobbys ist er verstrickt? Knallhart die Fakten aufzählen. Das war genau das, was viele Leser des Lobo’schen Vorschlags von den Artikeln selbst forderten: Fakten! Sie wollen Fakten! Einfach wissen, was passiert ist. Um Himmels willen nicht noch mehr Einordnung, subjektive Sichtweisen und Meinungen. Oder gar Angaben über Autoren. Warum die schreiben, was sie schreiben. Ich will das auch nicht wissen. Und Sie? Interessiert Sie, warum ich diesen Text schreibe? Ob ich damit dem Lobo eins auswischen will? Ich kenne ihn gar nicht, aber er wohnt bei mir um die Ecke. Das weiß ich, weil er neben seinen Texten immer abgebildet ist. Ich habe ihn rote Handtücher ausschütteln sehen. Ich war Zeugin, als er laut hupend sein Carsharingmobil abbremste, nur um einer älteren Frau zuzurufen, sie habe soeben ihren Handschuh verloren. Er scheint nett. Ha, unendliche Verwicklungen, die auf diesen Artikel ein recht trübes Licht werfen. Kann darin überhaupt noch etwas Allgemeingültigeres als mein Privatinteresse enthalten sein? Und das waren jetzt nur einige wenige Fakten über mich. Auch noch von mir selbst ausgewählt. Wer weiß, was ich alles unterschlagen habe.

Und überhaupt: Sind nicht alle Fakten an irgendeinem Punkt nur Halbwahrheiten, die die ganze Wahrheit komplett ins Gegenteil verkehren können? In den Arbeitsblättern der Medienverlage, mit denen Kindern in der Schule das Zeitunglesen beigebracht wird, ist alles noch ganz einfach: Journalisten trennen Fakten von Meinungen. Die Fakten kommen in die nachrichtlichen Artikel, die Meinungen in die Kommentare und Kolumnen. Um „sinnerschließend zu lesen“, reicht es, das zu beachten. Holla, die Waldfee.

Ein Blogbeitrag zum „kritischen Lesen“ von psychologischen Fachartikeln scheint da schon weiter zu helfen: a) niemals nur einen Artikel zu einem Thema lesen b) niemals eine absolute Wahrheit erwarten c) alle aufgeführten Studien und Zahlen auf Seriosität hin überprüfen d) Zahlen von Auftraggebern mit Intentionen immer anzweifeln e) ebenso alle behaupteten kausalen Zusammenhänge. Wer das beherzigt, kann vielfältige Fakten aus unterschiedlichen und widerstreitenden Blickwinkeln ins Visier nehmen und schließlich zu einer ausgewogeneren Betrachtung gelangen. Dieses „kritische Lesen“ lernt man ganz gut auf handelsüblichen Journalistenschulen. Dort wird es meist Recherche genannt.

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 25.11.2017

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