Satan Lebenslauf

Jugend Gehetzte Sklaven der Wettbewerbsgesellschaft: Junge Leute von heute sammeln Praktika, engagieren sich aus Berechnung und vergessen dabei, zu leben

Ich bin 17 Jahre alt und Abiturientin. Seit Beginn der elften Klasse hat etwas von mir Besitz ergriffen, was mittlerweile das Leben nahezu aller Jugendlichen meines Alters dominiert. Meine Generation wird von einem weißen Blatt Papier beherrscht. Dieses Blatt ist trotz seiner Farbe nicht unschuldig, es ist ein Teufel. Und es verliert sein dämonisches Angesicht erst, wenn es randvoll gefüllt ist.

Es ist der Lebenslauf.

Lauernd bestimmt er nicht nur mein Dasein, sondern die Existenz aller 15- bis 25-Jährigen, die es schaffen wollen, die ihr Lebensglück auf eine Karriere bauen wollen. Wie ein mittelalterlicher Satan führt er einen jederzeit in Versuchung, sich ihm zu unterwerfen.

Früher, so hat man mir erzählt, soll es einmal einen anderen Lebensstil gegeben haben. Junge Menschen lebten in den Tag hinein und bemühten sich dann, das Erlebte für den Lebenslauf attraktiv klingen zu lassen. Heute hat sich das rigoros umgedreht: Junge Menschen existieren nun für den Lebenslauf. Darum herum versuchen sie, sich ihr Leben attraktiv zu gestalten. Sie leben aber nicht, sie vegetieren ­– getrieben von der Angst vor dem leeren Blatt.

Und auch ich kann mich nicht entziehen: Satan Lebenslauf hat von mir Besitz ergriffen. Er hat mich bei meinem Ehrgeiz gepackt. Und auch meine Angst zu versagen, treibt mich voran. Jetzt lebe ich für den Lebenslauf. Er ist die höchste Instanz meiner Entscheidungen, er nickt ab, er verbietet: „Nein, in den Sommerferien keinen Urlaub. Praktikum musst du machen.“

Ich wimmere erschöpft: „Ich habe das ganze Jahr geschuftet, 14 Stunden am Tag. In meiner Freizeit habe ich mich nur um meine Berufswünsche gekümmert, ständig Bewerbungen geschrieben und Weiterbildungen besucht. Ich kann nicht mehr, ich bin müde.“

Zwei Seiten sind nicht genug

Das akzeptiert er nicht: „Das ist nicht genug. Pausen hast du verdient, wenn du etwas erreicht hast. Deine zwei Seiten Lebenslauf im Alter von 17 Jahren sind nicht annähernd ausreichend, egal, mit wie vielen Arbeitsproben du aufwartest, egal, ob du denkst, dass du nicht mehr kannst. Du weißt, dass du in diesem Praktikum nicht viel lernen wirst. Unwichtig! Du hast kein Mitspracherecht, es ist gut für deinen Lebenslauf.“

So lockt der Satan mich mit Erfolg, quält mich weiter, sorgt für Panik und Zukunftsangst. Mittlerweile hat er es geschafft und ich spreche nicht mehr nur einfach so mit Menschen. Es klingt surreal, aber ich beginne, jedes Gespräch auf seinen Wert hin abzuwägen. Bei Kongressen darf es für mich keine Gespräche über Privates geben, höchstens als gezielten Smalltalk-Einstieg. Um zunächst das Eis zu brechen, um dann am Erfahrungsschatz der Kollegen teilzuhaben. Kein zielloses Geplänkel, bloß keine Zeit verschwenden. Ich könnte eine wichtige Information versäumen. Etwa eine Information über Praktika, die ich so dringend brauche, um meinen Lebenslauf mit weiteren Zeilen zu füllen.

In den Schulpausen sitze ich am Computer und verbessere Bewerbungen, recherchiere im Netz nach Möglichkeiten zur Weiterbildung, werde taub für die Hinweise meiner Mitschüler, ich würde mich kaputt machen. Und ich schaue zu den Rechnern neben mir und sehe Schicksalsgenossen, die ebenso gehetzt sind. Ich höre, sehe, spüre sie. Nicht als Mitleidende, sondern als Konkurrenten. Weitermachen, hämmert es in meinem Kopf, sonst kommen sie dir zuvor. Weitermachen. Immer weitermachen.

Nicht einfach nur Gutes tun

Willkommen in der Realität einer Generation, die keine ehrenamtlichen Tätigkeiten mehr ausübt, um einfach Gutes zu tun. Um etwa Senioren ihren Lebensabend angenehm zu gestalten oder um Hunden aus dem Tierheim Ausgang zu gewähren. Willkommen in einer Generation, die so etwas nur macht, um die Sparte „Ehrenamtliche Tätigkeiten“ in ihrem Lebenslauf um drei Zeilen zu verlängern.

Immer, wenn ich sie treffe, die anderen Praktika-Jäger und Lebenslauf-Sklaven frage ich mich: Ist unser Leben nur eine Art Vorarbeit, um sich später weich zu betten? Warum können wir Jugendlichen nicht die Ferien einfach damit verbringen, am Baggersee zu liegen?

Ich weiß nicht, wann es genau passierte, aber irgendwann habe ich den Sinn dafür verloren, etwas nur aus Freude und Spaß in der Freizeit zu tun. Etwas, was mir nichts nutzt, sondern nur Glück verschafft. Es gibt ihn noch, diesen Sinn, irgendwo tief in mir. Aber er wartet auf Erlösung. Und diese Erlösung kann nur einer bringen: der Erfolg. Das ist mein Lichtblick, darauf hoffe ich.

Meine größte Angst ist allerdings derzeit nicht, dass der Erfolg nicht kommen könnte. Ich schaffe es schon, noch ein bisschen so weiter zu machen – in der Hoffnung, dass es sich irgendwann auszahlt. Meine Furcht ist vor allem, dass der Erfolg irgendwann kommt, aber mich nicht erlöst – und ich für immer so bleibe. Infiziert und vergessen, eingeliefert und nicht behandelt. Wie der Wahnsinn, der meine Generation gepackt hat. Der nicht behandelt wird, sondern geschürt. Durch Professoren und Personalchefs, die unrealistische Ziele als Minimum darstellen und Anforderungen setzen, welche ohne Selbstaufgabe nicht erreichbar sind. Die Gesellschaft beschützt einen, wenn es ihr zu nutzen scheint. Sie schützt vor Drogen, denn die Behandlung Drogensüchtiger ist teuer, vor dem Rauchen, damit die Krankenkassen nicht durch Raucherlungen überlastet werden. Doch die Gesellschaft schützt unsere Generation nicht vor ihrer Getriebenheit, denn wir nutzen ihr nur in unserem Eifer und unserer Angst.

Wir sind Sklaven dieser Wettbewerbsgesellschaft. Und der Satan unserer Generation kommt nicht mehr mit Pferdefuß und Hörnern daher, sondern als tabellarischer Lebenslauf.

Teresa Pfützner, 17, bloggt als Amira auf freitag.de. Sie wohnt in einer sächsischen Kleinstadt in der Nähe von Dresden und macht nächstes Jahr ihr Abitur. Danach möchte sie studieren und Journalistin werden

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17:30 24.06.2009

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