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Kehrseite II Als die Feng-Shui-Beraterin das erste Mal meine Wohnung betrat, blieb sie mitten in der Wohnküche stehen, drehte sich langsam ein paar Mal um sich ...

Als die Feng-Shui-Beraterin das erste Mal meine Wohnung betrat, blieb sie mitten in der Wohnküche stehen, drehte sich langsam ein paar Mal um sich selbst und sagte: "Herr Ebeling, kann es sein, dass Sie ein Messie sind?" "Nun ja...", entgegnete ich vorsichtig und blickte ängstlich in das Gesicht der Feng-Shui-Vollstreckerin, das zu einem großen E geballt war. E wie Ekel. Während ich noch überlegte, was ich antworten sollte, holte sie schon Desinfektions-Spray und eine Küchenrolle aus ihrer Tasche. Damit reinigte sie dann einen Küchenstuhl, setzte sich vorsichtig auf dessen Rand, barg ihr Gesicht in den Händen und atmete kopfschüttelnd mehrmals tief ein und aus.

"Das habe ich irgendwie von meiner Oma", erklärte ich ihr, "die konnte auch nichts wegschmeißen."

"Wie dem auch sei", sagte die Feng-Shui-Frau und meinte, dass in meiner Wohnung das Chi nicht nur nicht richtig fließen könne, in dieser Wohnung klebe es regelrecht fest. "Putzen, putzen nochmals putzen, Herr Ebeling! Und werfen Sie um Gottes willen mindestens die Hälfte von Ihrem - ich sag mal Krimskrams - in den Müll! Da bekomme ich ja Durchfall, wenn ich das alles nur sehen muss. Und ihr Klo will ich mir heute lieber erst gar nicht anschauen." "Aber da hängen doch so viele Erinnerungen dran, an all diesen Dingen", sagte ich mit tränenerstickter Stimme. Sie reichte mir ein Blatt von ihrer Küchenrolle und ich schnäuzte umständlich hinein. "Vor allem hängt da eine Menge Staub dran, und der steckt voller negativer Energie!"

Sie holte ein paar weiße Handschuhe aus ihrer Tasche und streifte sie über ihre Finger und mit einem dieser Finger über mein Küchenregal. Dann pustete sie mir den Kubikzentimeter Staub ins Gesicht und fragte gehässig: "Na, Herr Ebeling, können Sie mich noch sehen?" Hustend und Augenwischerei betreibend, wollte ich protestieren, doch sie griff erneut an beziehungsweise in ihre Tasche. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Frau Pusteblum-Schmuckmüller daraus jetzt einen Industriestaubsauger, einen Flammenwerfer und einen Gartenschredder hervorgezogen hätte. Aber sie zauberte aus der Tasche nur so einen Teleskopkugelschreiber und zog ihn zur vollen Länge aus. Als ich fertiggehustet hatte, sagte ich, dass das doch bei mir noch gar nicht so schlimm sei mit Krempel, Staub und Spinngewebe, und ich sei doch Künstler und sie solle sich mal bei meinen Kollegen umgucken, daaaa würde sie sich aber umgucken. Sie ließ sich von meinem Larmoyanto nicht beeindrucken und behauptete, für sie wäre ich bereits ein absoluter Super-SAU. "Eine Super-Sau?", fragte ich beleidigt. "Nein, ein Super-SAU! Schlimmster Anzunehmender Unratansammler." Ich war sprachlos.

"Was ist das?", stutzte sie plötzlich und deutete mit ihrem Teleskopkuli auf ein altes, abgenutztes Klingelbrett. "Das ist das alte Klingelbrett von dem Studentenwohnheim, in dem ich sieben Jahre gewohnt habe", sagte ich stolz und strich zärtlich über die staubigen Klingelknöpfe. "Gewohnt?", moserte Pusteblum-Schmuckmüller, "wohl eher gehaust!" Aber ich hörte sie kaum noch, denn die Erinnerungen kamen zurück wie Zugvögel im Frühjahr: In diesem Wohnheim bat mich zum ersten mal eine Frau, mir vor ihren Augen einen runterzuholen. Vermutlich kam ich dieser Bitte deshalb nach, weil sich zum ersten Mal eine Frau dafür interessierte, was ich den ganzen Tag so machte.

Auf jeden Fall war es mir ein bisschen peinlich und ich schloss deshalb und auch weil ich mich konzentrieren musste, dabei die Augen und so flog mein spermagewordener, jugendlicher Leichtsinn auf einer nahezu göttlich zu nennenden Flugbahn dem über meinem Bett hängenden, kruzifixenden Schreinerbengel direkt in die hölzerne Passions-Visage. Der hysterische Lach-Schrei-Anfall der Zeugin, die auch noch laut die aus Jesu Antlitz auf meinen Bauch fallenden Tropfen des ballistischen Balsams mitzählte, war damals im ganzen Haus zu hören.

Als ich aus meiner postejakulativen Hodenstarre erwachte und das ganze als eine Art Gottesbeweis verarbeitet hatte, las Miriam inzwischen in meiner Bibel, kauerte auf meinem Bett, und ihr paradiesapfelgleicher Po erinnerte mich daran, dass Frauen nicht nur dazu da sind, einem dabei zuzusehen, wie man durch geschicktes Betasten des Penis den Körper bei seinem Selbstreinigungsprozess unterstützt. Ich bat sie, mir laut aus der Bibel vorzulesen. Sie schien beim Dritten Buch Mose angelangt zu sein, denn sie las aus der Auslegung der zehn Gebote durch Mose: "Wenn jemand ein Weib nimmt und dessen Mutter dazu, den soll man mit Feuer verbrennen!" "Ja", schrie ich und erkannte sie von hinten wie ein Pygmäe seine Pygmalion. Sie stöhnte auf und wollte die Heilige Schrift eilig zur Seite legen. Nein, lies weiter, du Hohepriesterin des aronitischen Schlangenkultes!", befahl ich. Schwer atmend las sie weiter: "Wenn jemand beim Vieh liegt, der soll des Todes sterben, und das Vieh soll man erwürgen!" "Ja, so sei es!", schrie ich und erwürgte ihre Taille. Miriam bekam kaum noch Luft. "Wenn jemand seine Schwester nimmt, seines Vaters Tochter oder seine Mutter, oder wenn jemand die Blöße aufdeckt seines Vaters oder seiner Mutter, Bruder oder Schwester, der tut einen Greuel und muss sterben!" "Ja", kreischte ich im Takt meines Tuns: "Sterben sollen alle Mutterficker, Gott will es so. Lies weiter!" Auch Miriam schrie jetzt: "Wenn ein Mann beim Weib schläft zur Zeit ihrer Krankheit und entblößt ihre Scham und deckt ihren Brunnen auf, und sie entblößt den Brunnen ihres Blutes, sie beide sollen ausgerottet werden von ihrem Volk!" Miriam brach nun über dem Wort Gottes zusammen und ich keifte: "Recht so, alle ausrotten, diese Menstruationsficker! Die alten Juden werden schon gewusst haben, wie kosher Koitus geht. Alles heilig, das ganze Blut!"

Ich aber rammelte mich in Rage. "Der Herr segne dich, Miriam!", begann ich meine Benedeiung und fickte nun freihändig weiter, um die alttestamentliche Gebetshaltung einnehmen zu können. "Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse leuchten sein Antlitz über dir, der Herr erhebe sein Angesicht - hm - auf dich - hm - und - hm - gebe - oh - dir - hm ah, gebe dir uuuuoooooaaaa Frieden." Bei dem Wort "Frieden" ließ ich ab von Miriam und alles auf ihren durchgeschwitzten und wie das Angesicht Addonais (hochgelobt sei er) leuchtenden Po (hochgelobt sei er) fließen, denn Miriam hatte eine - so behauptete sie jedenfalls - eine Samenallergie, und ich wollte mir nicht wieder stundenlang danach ihre Litanei wegen Jucken und Brennen in ihrem Tal des tapferen Tigermädchens anhören müssen. Auf jeden Fall ergab das Ganze wohl eine nicht ganz alltägliche Geräuschkulisse für die anderen frommen Studenten, sodass ich fortan von den übrigen Hausbewohnern ehrfurchtsvoll und hinter vorgehaltener Hand nur noch "Der Exorzist" genannt wurde.

Ja, das alles fiel mir zu dem Klingelschild ein. Frau Pusteblum-Schmuckmüller fiel aber nur eins ein: "Weg damit, Herr Ebeling! Schmeißen Sie das alte, verrottete Ding weg. Wenn Sie erfolgreich sein wollen, müssen Sie nach vorne schauen, nicht zurück!"

Sie hatte dann noch auf einige Gegenstände getippt und verächtlich: "Weg damit!" gesagt, dann ihre unergründliche Tasche gepackt und zum Schluss, im Türrahmen sich noch einmal mir zuwendend, gedroht: "Ich komme wieder, Herr Ebeling, ich komme wieder!"

Sie ging und mit ihr fast mein ganzes Monatseinkommen, und ich ging an die Arbeit. An meine Siffifusarbeit. Ich würde in den nächste Tagen ein kleiner ängstlicher Siffifus sein, der einen riesigen Stein ins Rollen bringen musste.


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00:00 10.12.2004

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