Sauerteig der katholischen Kirche

Mehr als eine Wanderbewegung Kritisch gegenüber dem Klerus und in stiller Opposition zum NS-Regime. Vor 80 Jahren wurden die "Sturmscharen" gegründet

Hans Lengersdorf aus Düsseldorf ist fast 90 Jahre alt, beim Laufen muss er gestützt werden, sein Augenlicht hat er fast verloren. Sein Geist aber ist hellwach, wenn er über seine Zeit als "junger Kerl" spricht. "Das erste Mal bin ich mit der Geheimen Staatspolizei in Kontakt gekommen als ich noch keine 16 Jahre alt war. Da hab´ ich dem Vernehmer gesagt: Ich habe gar nicht gewusst, dass es in Deutschland eine Regierung gibt, die vor Kindern Angst hat", erinnert sich Lengersdorf. Insgesamt elf Mal wurde er zur Gestapo gebracht. Sein Vergehen: Er war Mitglied in den katholischen Sturmscharen.

Die Ursprünge der Organisation lagen in der deutschen Jugend- und Wandervogelbewegung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die Jungen wollten sich nicht - wie etwa die kaisertreuen Pfadfinder - von Erwachsenen und ausgedienten Militärs kommandieren lassen. Es galt das Prinzip "Jugend für Jugend" und die Autonomie der jeweiligen Ortsgruppen. Was alle miteinander verband, war der Wunsch, aus der Stadt zu fliehen, die bürgerliche Ordnung hinter sich lassen und gemeinsam wandern und singen zu können.

Auch im katholischen Milieu entstanden zur Zeit der Weimarer Republik autonome Wandergruppen innerhalb der Pfarreien, vor allem im Rheinland und in Schlesien. 1928 schlossen sie sich unter dem Titel "Sturmscharen" zusammen. Sie verstanden sich selbst als eine Art katholische Elite.

Diszipliniert und hierarchiekritisch

"Das heißt nicht etwa, dass die Sturmscharen arrogant waren. Sie stellten aber hohe Anforderungen an sich selbst. In der Familie, in der Gruppe, in der Kirche und im Staat wollte man Verantwortung übernehmen und sich als Mann bewähren. Später wollte man ein guter Vater und Ehemann sein. Es galt die katholische Disziplin im alltäglichen Leben und in der Glaubenspraxis", erklärt Maria Wego, die das Archiv des Jugendhauses in Düsseldorf hütet. Die Sturmscharen hatten hier bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges ihren zentralen Sitz. Heute beherbergt es den BDKJ, den Bund der Deutschen Katholischen Jugend.

Innerhalb von nur drei Jahren wuchs die katholische Wanderbewegung der Sturmscharen im Deutschen Reich auf bis zu 30.000 Mitglieder in etwa 1.000 Wandergruppen an. Der heilige und kämpferische St. Michael wurde ihr Schutzpatron. Längst nicht jeder wurde in die Jungenschaft (wo sich die Altersgruppe zwischen 14 und 18 traf) beziehungsweise die Jungmannschaft (ab 18 Jahren) aufgenommen und durfte die Kluft aus schwarzer Kniebundhose und silbergrauem Fahrtenhemd oder gar das Christusbanner tragen. "Wir wollen ein Leben in Christus führen. Wir stählen und üben unseren Körper und halten fern von uns, was schädlich ist. Wir leben schlicht und wahr, in enger Verbindung mit der Natur", hieß es im Gesetz der Schar. Alkohol und Nikotin waren ebenso tabu wie Mädchen. Obwohl die Sturmscharen sich immer als Teil der römisch-katholischen Kirche verstanden, wollten sie als bündische Jugend unabhängig und autonom bleiben.

Es war eine Eigenständigkeit, die dem Klerus nicht unbedingt willkommen war. "Die Sturmscharen waren sofort zu erkennen, was manchen Pfarrern vor Ort nicht gefiel. Wenn eine Sturmschargruppe geschlossen zur Kirche kam, soll es Pfarrer gegeben haben, die ihnen die Kommunion verweigerten", weiß Wego. Die Gruppen gehorchten nur bedingt der katholischen Hierarchie, ganz abgesehen von staatlichen Bevormundungen, wie sich nach 1933 zeigen sollte. "Die zentrale Frage, die sofort von der Kirche kam, war: Wem untersteht ihr? Wem gehorcht ihr? Die Sturmscharen hatten ihre eigene Führung, ihr eigenes Haus in Düsseldorf. An erster Stelle stand der Wunsch nach Autonomie und Eigenständigkeit der Gruppe", erklärt der Essener Jugendforscher Wilfried Breyvogel.

Kampffrage Wehrsport

In der Frage des Wehrsportunterrichtes, der bereits 1932 per Erlass des Reichspräsidenten von Hindenburg eingeführt wurde, entzweiten sich Basis und Klerus. Generalpräses Ludwig Wolker, der seitens der Bischöfe auch für die Sturmscharen zuständig war, bestand darauf, dass die katholische Seite mit im neu dafür eingerichteten Reichskuratorium für Jugendertüchtigung vertreten war. Die allermeisten Sturmschärler, wie zum Beispiel ihr damaliger Reichsführer Franz Steber, lehnten den neuen Unterricht als vormilitärische Erziehung ab. Als Kinder waren sie noch geprägt von der Zeit des Ersten Weltkriegs. Viele von ihnen wurden Mitglied im Friedensbund Deutscher Katholiken. Sie träumten von der Schaffung einer deutsch-französischen Friedensinternationale auf Basis des katholischen Glaubens. In der Verbandszeitung der Sturmscharen, Junge Front, deren Auflage in Spitzenzeiten so hoch war wie die des Völkischen Beobachters, bevor sie 1936 verboten wurde, fanden heftige Debatten statt: "Wer garantiert uns dafür, dass es nicht eines Tages wieder heißt, wie es 1913 gezüchtete Volksmeinung war: Es muss wieder Krieg geben, eher geht es nicht besser." Und an anderer Stelle hieß es: "Die alte Garde der Offiziere als Jugendpäda­gogen ist sehr vielsagend." Schließlich setzte sich Wolker durch. Die katholische Kirche wurde Mitglied im Reichskuratorium für den Wehrsportunterricht.

Die Sturmschärler kamen fast ausnahmslos aus dem Arbeitermilieu. Von Jugendalter an wartete harte schwere Arbeit auf sie. Die wenige Freizeit hieß für die Sturmschärler aber nicht Müßiggang. "Wir wollten keine Ruhe haben, wir waren sehr unruhige Leute. Einmal in der Woche hatten wir Heimabend, und am Wochenende gingen wir auf Fahrt. Wir waren wissensbegierig. Wir sind zum Beispiel den gesamten Faust durchgegangen. Wir haben über Nietzsche diskutiert, über Kant, über Gott und die Welt", erinnert sich Hans Lengersdorf, der mit 14 Jahren die Volksschule verließ und eine Lehre als Dreher begann.

So war die Sturmschar nicht einfach nur ein Sammelbecken für jugendliche Romantiker im katholischen Raum, sondern auch eine Bildungseinrichtung. Jede freie Minute wurde genutzt, um nicht nur Geist, Seele und Glauben, sondern auch Verstand und Wissen zu stärken. An den Samstagnachmittagen wurden Rechtschreibung und Mathematik geübt. Bei Ausflügen beschäftigte man sich auch mit Architektur und Geschichte der besuchten Sehenswürdigkeiten.

In Opposition zur HJ

Doch nicht nur katholische Elite wollten die jungen Männer sein, sondern auch als Sauerteig innerhalb der eigenen Kirche wirken. Früh drangen die Sturmscharen beispielsweise darauf, die Liturgie auf Deutsch zu gestalten, damit sie von den eigenen Mitgliedern verstanden werden konnte. Daneben experimentierte man mit neuen Formen, etwa Jugendmessen in den Pfarrgemeinden. "Wir sind nur Gast auf Erden wird heute gerne bei Beerdigungen gesungen. In der NS-Zeit war das eigentlich ein Protestlied von Georg Thurmaier, vertont von Adolf Lohmann", sagt Maria Wego.

In die Opposition begaben sich die Sturmschar-Gruppen faktisch schon deshalb, weil sie sich auch nach ihrem Verbot weiterhin illegal trafen. Nach der Machtergreifung wurde die freie Jugendarbeit praktisch unmöglich gemacht. So durften die deutschen Jugendherbergen nur von HJ- und BDM-Mitgliedern genutzt werden. Immer wieder kam es zu Schlägereien mit der HJ. Das Tragen der Kluft war auch bei unbedeutenden Anlässen verboten. Nicht selten verloren die Jugendlichen ihre Lehr- oder Arbeitsstelle, nur weil sie sich weiterhin nach Feierabend in der Sturmschar trafen. Aber obwohl jeder Jugendliche letztlich auf sich allein gestellt war, gab es ein starkes Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Sturmschargruppen.

"Meine Mutter hat immer gesagt, wenn du so weitermachst, landest du im Zuchthaus. Dann kam der Strafbefehl über 150 Mark oder drei bis vier Wochen Gefängnis. Wir waren ja Lehrlinge, und ich kriegte im ersten Lehrjahr 5 Mark 35", erinnert sich Hans Lengersdorf. Er hatte noch Glück, eine Pfarrei in Düsseldorf vermittelte ihm und seinen Kameraden einen kostenlosen Rechtsanwalt, der sie vor Gericht frei bekam.

Dabei hatten die Sturmschärler nie zur offenen Opposition oder gar zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen. Allein ihre Existenz war Grund genug, die Behörden gegen sie aufzubringen. Viele Treffen fanden in geschlossenen Klöstern statt. Die Sturmschar Aachen-Land Süd benutzte versteckt liegende Höhlen in der Nordeifel zu Bezirkstreffen. Ostern 1934 traf man sich vier Tage lang auf einem Rheindampfer, um die Aufnahme der "Deutschmeister", einer weiteren katholischen Jugendgruppe, in die Sturmscharen zu beschließen. Auf dem damals noch internationalen Rhein hatte die Gestapo keine Zugriffsmöglichkeiten. Andererseits umwarb das NS-Regime die Sturmscharführer, denn der rasch wachsenden HJ-Bewegung fehlten fähige Führerfiguren. Doch kaum ein katholischer Junge mochte sich den HJ-Dolch umbinden. Trotz allem äußeren Druck - die Sturmscharen liebten ihre Eigenständigkeit.

Auf nach Rom

Was viele Sturmschargruppen Wochenende für Wochenende im Kleinen vollbrachten, schaffte die Sturmscharleitung um Franz ­Steber auch reichsweit - die große Romfahrt zu Ostern 1935. Aus heutiger Sicht eine logistische Meisterleistung: 1.500 Sturmschärler in mehr als 80 Bussen nebst etwa 300 St.-Georgs-Pfadfindern und Mitgliedern der katholischen Studentenorganisation NeuDeutschland fuhren quer durch Deutschland gen Süden und demonstrierten katholische Eigenständigkeit - ein Affront für das Regime. Bei der Rückfahrt folgte die Strafe. Durch die Berichterstattung der Weltpresse mit Bildern der in voller Kluft durch Rom marschierenden Sturmscharkolonnen fühlten sich die Nationalsozialisten blamiert. Direkt hinter den Alpen wurde den Sturmschärlern von der Gestapo alles abgenommen: Banner, Zelte, Fahrtenhemden, Fotoapparate, Musikinstrumente. Für die Jungen ein riesiger materieller Verlust.

Die Sturmscharen sollten daraufhin endgültig zerschlagen werden. 1936 wurde ihre Reichsführung wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe in Untersuchungshaft genommen. Die Strafen waren drakonisch. Franz Steber kehrte krank und fast erblindet aus der Haft zurück. Für den Essener Soziologen Wilfried Breyvogel stehen die Sturmscharen damit auch in einer Linie mit anderen bündischen Jugendgruppen, die - wie die (am 1. 11. 1929 gegründete Deutsche Jungenschaft) dj 1.11. oder die Edelweißpiraten - ebenfalls in Opposition zum Regime gerieten.

Der Anspruch einer starken katholischen Jugendbewegung war auf Dauer aber nicht mehr aufrecht zu erhalten. Aus der einheitlichen Kluft wurde zunehmend "Räuberzivil", aus Gruppentreffen wurden persönliche Begegnungen in Familien oder bei bekannten Bauern. Zur Tarnung nahm man nun auch Mädchen mit. Auch die Umbenennung im November 1937 in Gemeinschaft St. Michel brachte keine neuen Freiräume mehr. Bei Kriegseintritt wurde die Sturmschar-Zentrale in Düsseldorf zwangsweise aufgelöst, die meisten Sturmschärler wurden Frontsoldaten.

Tod und Vergessen

Für manche brachte die Einberufung zur Wehrmacht eine gewisse Erleichterung, wurde man nun doch von der Gestapo erst einmal in Ruhe gelassen. Hans Lengersdorf erinnert sich, dass an aktiven Widerstand damals keiner dachte. Aber in nicht wenigen Sturmschargruppen wurde diskutiert, ob der Tyrannenmord aus christlich-ethischer Verantwortung zu rechtfertigen sei. Den Mut, es zu versuchen, brachten dann freilich andere auf. Etwa 40 Prozent der Sturmschärler sind im Krieg gefallen oder in Kriegsgefangenschaft umgekommen. Nur etwa 17.000 haben überlebt.

Heute sind die Sturmscharen fast vergessen, selbst unter den katholischen Jugendverbänden wird der Vorgänger kaum noch gedacht. 1947 wurde der BDKJ als Dachverband gegründet, 1954 das "neue" Jugendhaus in Düsseldorf geweiht. Die Sturmscharen waren nicht mehr dabei. Offensichtlich war das autonome Prinzip der Wanderbewegung, das bündische Konzept "Jugend für Jugend" dem Klerus grundsätzlich ein Dorn im Auge. Nun sollte das Prinzip der Pfarrjugendarbeit unter der Aufsicht der Bischöfe gelten.

Hans Lengersdorf hat während des Krieges auf einem Marineboot gedient, danach eine Familie gegründet. Der Kontakt zu den anderen Sturmschärlern ist über Jahrzehnte nie abgerissen. Noch heute treffen sie sich manchmal, die wenigen, die noch am Leben sind.

"Die Zeit ist vorbei. Es ist ja ein allgemeinkatholischer Jugendverband entstanden für Jungen wie Mädchen, und das find­´ ich richtig. Für uns waren die Sturmscharen damals die richtige Vereinigung und der richtige Bund. Ich bereue keine Sekunde, dass ich da mitgemacht habe und dass ich da drin war", sagt der alte und in seinen Erinnerungen doch so junge Sturmschärler Hans Lengersdorf.

Zum Weiterlesen:Sie hielten stand - Sturmschar im Katholischen Jungmännerverband Deutschlands. Verlag Hans Altenberg, Düsseldorf.

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