Säuft, flucht, kokst

Ruppig Helen Walshs schwer authentischer Roman "Millie"

Obszönität ist eine beliebte Pose. Wie werbewirksam das Brechen von Tabus ist, bewiesen zuletzt der Sexschockerstreifen Baise-Moi, Michel Winterbottoms Nine Songs oder die Hysterie um die Pornovergangenheit Sebil Kekillis, der Hauptdarstellerin aus Fatih Akins Gegen die Wand. Sex und Kunstanspruch gepaart versprechen Aufmerksamkeit. Auf diese Mixtur setzt auch Helen Walsh mit ihrem Romanerstling: Brass - im Liverpooler Scouse Slang ein Wort für Nutte - ist nun auf deutsch unter dem entschärften Titel Millie erschienen.

Wer bisher glaubte, Charles Bukowski habe keine Erben hinterlassen, den belehrt Helen Walsh eines Besseren. Millie, die Protagonistin ihres Romans, ist seine verloren geglaubte Tochter - eben ein richtiger Kerl: sie säuft, flucht, kokst und vögelt, was das Zeug hält. Old Dirty wäre dabei längst die Puste ausgegangen. Die Selbstironie und Melancholie aber hat er mit ins Grab genommen - Millie ist da anders: "Ich komme zu dem Schluss, dass ich mein Ich liebe, das ein paar stramme Whiskeys hervorzaubern können. Es ist unerschrocken, glücklich und liederlich."

Die Geschichte Millies und die von Helen Walsh auseinander zu halten, fällt schwer. Ihre Vergangenheit liest sich wie die Steilvorlage zum Roman: 1977 geboren, wächst sie in einem Vorort von Liverpool auf, macht in Rave-Clubs ihre ersten Erfahrungen mit Exctasy und verschwindet mit sechzehn nach Barcelona. Dort wirbt sie im Rotlichtmilieu Kunden für Transvestiten an und schlägt sich mit Barjobs durch. Später kehrt sie nach England zurück, zieht zu ihrer Mutter, beginnt Soziologie zu studieren und krönt ihre Läuterung mit einer Arbeit über die schädliche Wirkung von Pornographie. Kein Interview mit der Autorin spart diese biographischen Details aus. Authentizität ist Trumpf!

Ähnlich früh wie Walsh selbst kommt ihr Geschöpf Millie auf den Geschmack: Mit vierzehn verführt sie den Arbeitskollegen ihres Vaters, entdeckt zwei Beziehungen später auch ihre lesbische Seite und treibt sich mit Vorliebe in den Rotlichtvierteln Liverpools herum. Sie ist nun neunzehn und studiert an der Uni ihres Professorenpapas. Eine wirkliche Handlung gibt es nicht, aber immerhin kennt man am Ende des Romans jede Kneipe in Liverpool, weiß, wie man an Koks kommt und trotz Überdosis feiern kann, ohne daran zu krepieren. Millie malträtiert heruntergekommene Huren mit Bierflaschen, findet pubertierende Mädchen "sterbensfickbar" und ist ganz ungehemmt unterwegs auf ihrem Egotrip. Für die Autorin verkörpert sie das Lebensprinzip der Stadt Liverpool: man lebe dort von einem Wochenende zum nächsten, Hedonismus sei dort ein unveräußerliches Recht. Die Stadt ist sexy. "Wohin man guckt nur Muschi."

Im Stereoton wird das Geschehen aus der Sicht Millies und der ihres Busenfreundes Jamie erzählt. Die Spannungseffekte dieser Schnitttechnik - die Dynamik von Missverständnissen, der Zweikampf der Deutungen - sind absehbar, bleiben meist ungenutzt und sind für die von Walsh offenbar angepeilte Drastik ohne Gewinn. Das Hin - und Herspringen zwischen den sich kontrastierenden Stimmen nimmt der Geschichte das Tempo und unterläuft die Unmittelbarkeit des Slangs. So verspielt Helen Walsh das durchaus vorhandene Potential, einer obszönen Existenz zu literarischem Leben zu verhelfen.

Jamie ist der mit Vernunft geschlagene Bremsklotz, das erwachsen gewordene Gewissen Millies. Und mit seiner Hilfe mündet die peinliche Sozialromantik: "Weder er noch einer seiner Freunde haben studiert. Ich meine, Jamie ist irre belesen ... aber sie geben einen Scheiß auf den ganzen Unibetrieb und den dazugehörigen intellektuellen Mist", dann doch nur in eine gutbürgerliche Sexualmoral: "Das Licht, das durch die Vorhänge fällt, sucht sich ausgerechnet die eingetrockneten Herpesbläschen auf ihrer wund gescheuerten Oberlippe. Igitt ... So müssen sich verheiratete Männer fühlen, wenn sie nach einem besoffenen One Night Stand mit irgendeiner Schlampe aufwachen, dieser gallenbittere Mix aus Grausen, Ekel und Gewissensbissen."

Obszönität ist bei Helen Walsh keine Haltung, sondern Mittel zum Zweck. Porno ist chic. Zusammengeschrieben aus dem Vokabular der einschlägigen Literatur - von Henry Miller, über Irvine Welsh, bis Houellebecq - fackelt sie ein kleines Tischfeuerwerk pornographischer Ruppigkeiten ab. Wie viel harte Fakten, wie viel ungeschminkte Sexualität in Bücher passt, haben zuvor schon Nelly Arcan mit Hure oder Christine Angot mit Inszest ausprobiert. Helen Walsh stellt sich nun, etwas verspätet, hinten mit an - eine Spur härter und im Gewand des Authentischen. Literarisch reizlos, bleibt Millie letztlich aber auch pornographisch wirkungslos. Gerade weil das Buch auf den Skandal hin geschrieben ist, dann aber einen Rückzieher macht, scheitert es. Schade für die pornographische Literatur. Obszönität ist eben eine verdammt schwierige Pose.

Helen Walsh: Millie. Roman. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer, Köln 2006, 304 S., 8,95 EUR


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00:00 17.03.2006

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