Saure Elefanten

Ans Herz Carol O’Connells poetisch verdrehte Romane huldigen dem einstigen Spirit New Yorks
Saure Elefanten

Foto: Ben Zank aus der Serie „Suits“. Mehr Infos: siehe unten

Wenn Kathy Mallory ein Herz hat, dann das einer Diebin. Sie sieht umwerfend gut aus, trägt hervorragend geschnittene Blazer und fährt einen Sportwagen, den sie sich niemals von ihrem Gehalt leisten könnte. Sie ist purer, auf Hochtouren laufender Verstand. Mallory, die Maschine. Sie lächelt wie eine Katze, die eine Maus zwischen ihren Zähnen hält und gleich zubeißen wird. Das Lächeln reiner Freude. Vor ihr erstarren Vollpfosten zu Salzsäuren. Mallory ist Detective bei der New Yorker Polizei, und besonders zugetan sind ihr die alten Kumpane ihres verstorbenen Adoptivvaters, des einstigen Polizeichefs von New York. Die Pokerrunde des Lou Markowitz umsorgt sie so zärtlich wie ein Katzenjunges. Alle anderen entwickeln Schlangenphobie.

Kathy Mallory ist eine der schillerndsten Heldinnen, die das Krimi-Genre hervorgebracht hat. In Blind Sight lässt die amerikanische Autorin Carol O’Connell sie bereits zum zwölften Mal ermitteln, und es ist ein großes Rätsel, warum ihre Reihe um diese famose Ermittlerin in Deutschland noch immer wie ein Geheimtipp gehandelt wird. Vielleicht kann man Trost daraus schöpfen, dass Mallory das Marketing kapitulieren lässt.

An der St. Mark’s Place verschwindet eines Morgens ein blinder Junge. Fast im selben Moment wird eine Nonne getötet. Und kurz darauf werden vier Leichen im Garten des Bürgermeisters gefunden. Ihnen allen ist das Herz entnommen. Mallory findet schnell heraus, dass der entführte Junge der Neffe der Nonne war, und dass Schwester Michael auf den Babystrich ging, bevor sie sich aus Angst um ihr Leben ins Kloster flüchtete. Fraglich bleibt, was der Bürgermeister wusste, wer wen um welche Millionen prellte und was Pater DuPont, die rechte Hand des Kardinals, dem Mädchen angetan hat. Oder agiert hier ein Auftragskiller im Dienst eines Serienmörders?

Ganz wie ihr Vater ist Mallory eine Spielerin, und am liebsten setzt sie gegen die Respekt gebietenden Institutionen der Stadt: die Stadtverwaltung, die katholische Kirche, die Börsenaufsicht, die Damen und Herren Investoren aus den alten Familien. In einer grandiosen Szene lässt sie den ganzen New Yorker Gesellschaftszoo in ihrem Büro aufmarschieren. Elefantenparade im Polizeirevier von SoHo. „Geld macht die Menschen böse. Und der plötzliche Verlust von Geld macht sie bitterböse.“

Wie alle in der Wolle gefärbten New Yorker huldigt natürlich auch die 1947 geborene O’Connell dem unverbrüchlichen Spirit der Stadt, am schönsten in ihrem Meisterwerk Kreidemädchen, und natürlich ruft sie dazu auf, den örtlichen Buchhändler zu unterstützen. In Blind Sight erlaubt sie sich allerdings einen Hauch Nostalgie, wenn selbst ihre Polizisten das coole, gefährliche East Village vermissen, wo einst die Marihuana-Schwaden so dick hingen, dass man selbst keinen Joint brauchte, um high zu werden. Heute ist dort selbst die Luft gentrifiziert, und es stapfen nur noch Touristen durch die Straßen, in denen einst Künstler und Hausbesetzer tanzten: „St. Mark’s Place war kein Straßenname. Es war eine Epoche.“

O’Connells vertrackt angeordnete Romane verlangen allen Beteiligten echten Sportsgeist ab, denn die Autorin treibt ihre LeserInnen durch eine labyrinthische Romanwelt kunstvoll bizarrer Exzentrik. Hin und wieder kippt die Heiterkeit ins Überdrehte, wird der Witz mutwillig. Ihren großen Zauber entfalten ihre Romane jedoch durch die Zärtlichkeit, mit der O’Connell die Vielfalt menschlicher Unzulänglichkeiten zeichnet. Je heller Kathy Mallory strahlt, desto mehr wachsen einem all ihre Kollegen ans Herz, die dieses grässliche Exemplar an Perfektion so tapfer ertragen.

Info

Blind Sight Carol O’Connell Judith Schwab (Übers.), btb Verlag 2018, 512 S., 10 €

Bilder des Spezials

Ben Zank wurde 1991 geboren, er lebt in New York City. Mit 18 entdeckte er die Fotografie, als er auf dem Dachboden seiner Großmutter eine Pentax ME Super fand. Eigentlich ist er Journalist, aber oft findet er mit der Fotografie besser zu seiner Sprache. Anzüge, das sind kühle Bilder voll monochromatischer Spannung, die ein diffuses Gefühl von Intrigen, Verlassensein und Ereignis hervorrufen. Die Figuren sind gesichtslos, anonym, ihre Aktionen choreografiert und undurchsichtig. Zank ist inspiriert vom Surrealismus René Magrittes, er verwendet die Symbole der Epoche – einen Hut mit breiter Krempe oder ein Fahrrad. Zu sehen ist eine Noir-Traumlandschaft, die Fragen nach der Art der eingesetzten Symbole aufwirft: Sind sie eine Allegorie? Zank sagt: „Jedes Bild ist ein eigener kleiner Roman, den jeder auf seine Weise lesen kann.“ Mehr Information auf benzank.com

06:00 25.11.2018

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