Barbara Streidl
07.04.2011 | 08:00 2

Schade, was das Netz so verpasst

Fremdklicken Wer nur Blogs von kräftigen, weißen Jungs lesen will, kann sich an den deutschen Blogger-Charts orientieren. Für alle anderen gibt’s diesen Text

Online-Deutschland 2.0 ist jung, weiß, strotzt vor Kraft und ist eher männlich. Es gibt rund 14 Millionen Webseiten mit der Endung .de; 72 Prozent der Deutschen sind online, so der (N)Onliner-Atlas 2010. Und sie werden täglich mehr, die Menschen, die über Breitbandanschlüsse ins Internet gehen. Nur schade, dass in den gängigen deutschen Blogcharts, die nach Kriterien wie Vernetzung, Seitenabrufe oder Stammpublikum die deutschen Top-Blogs küren, die Themen Technik, Medien, Netzpolitik so omnipräsent sind. Weswegen die Attraktivität der deutschen Blogosphäre der einer grauen Krawatte auf grauem Anzug gleicht – von außen betrachtet. Doch abseits des Jungen, Kräftigen, Blonden gibt es schöne, bewegende und wichtige Blogs, die zwar nicht mehr Aufmerksamkeit benötigen, sie aber verdienen. Fünf Surftipps für all jene, die keine Lust mehr haben, nur der Herde zu folgen.

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Entgegen der Annahme, das Netz sei vor allem von Jugendlichen bevölkert, steht der statistische Befund, dass jeder zweite Deutsche ab 50 online ist. Eine aus dieser Generation, die mehr als lesenswerte Blogs betreiben, ist die 1945 geborene Brigitte Kube aus Berlin-Marzahn. Seit sechs Jahren schon schreibt sie als „Blog-Oma“ Erinnerungen und gerade Erlebtes auf. Zum Beispiel, warum sie ihre Mutter zu ihrem ersten Bewerbungsgespräch mitnahm, auf welche Schwierigkeiten sie beim Kauf neuer Schuhe stößt und was die Herz-Operation ihres Mannes mit ihr macht. Brigitte Kobe, die seit dem Teenageralter Tagebuch schreibt, sucht den Austausch mit den Kommentatoren ihres Blogs. Ihr Ziel ist es nicht, Skandale zu enthüllen oder medienpolitische Erkenntnisse zu verbreiten, sondern sie hält mit ihren Einträgen Erinnerungen fest – schließlich verblassen nicht nur Fotos.

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Längst analysiert nicht nur der Stammtisch oder das Sportfernsehen Fußballspiele; daneben haben sich längst Blogs als ernst zu nehmende Orte für die Exegese von Toren etabliert. Ein Paradebeispiel: das Projekt „Spielfeldschnitte“. Seit gut zwei Jahren beweisen die beiden Hamburger Theaterwissenschaftlerinnen Mayte und Rosa, wie sich humorvoll und mit Gespür fürs entscheidende Detail über Frauenfußball schreiben lässt. Zum Design des neuen Trikots der Frauen-Nationalelf fragt das Duo beispielsweise: „Finden es alle gut, dass man das Trikot fast nicht mehr in die Hose stecken kann und bauchfreie Szenen somit vorprogrammiert, wenn nicht sogar explizit herbeigeschneidert wurden?“

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Die Hamburgerin Kathrin Weßling nennt das Schreiben über ihre Krankheit „eine Art Buchstaben gewordenes Schreien“. Die 25-Jährige hat seit Jahren Depressionen, die sie mit Medikamenten behandelt. Ihre Einträge im Blog „Drüberleben“ sind keine Selbsttherapie, sondern Notizen eines Alltags, der sich von dem der meisten anderen Menschen unterscheidet, etwa wenn sie den Tag in der Notaufnahme verbringt, „darauf wartend, dass jemand Tabletten reiche gegen die Angst und gegen das Zittern.“ Das ist nicht ohne Risiko. Sie muss es hinnehmen, wenn jemand unter ihre Erklärung, sie führe ein „Leben zwischen Dispo, Psychiatrie und Disco“, postet: „ah ja, immerhin … in die disco gehtse also“. Doch unangebrachte Kommentare sind selten. Meist wird ihre Offenheit mit überwältigend positiver Resonanz belohnt.

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Es wird viel über sie gesprochen und geschrieben, doch in der deutschen Blogosphäre erheben sie selbst die Stimme: Menschen mit Migrationshintergrund. Kübra Gümüsay ist 22, hat einen türkischen Vater und studiert in Hamburg. Ihr Blog „ein fremdwoerterbuch“ befasst sich mit Politik, Gesellschaft, dem Islam und den Medien. Gümüsays Blickwinkel ist besonders: Sie ist praktizierende Muslimin, verheiratet und trägt aus Überzeugung ein Kopftuch. Sie ist also eine jener jungen Frauen, die leicht in die Schublade „Opfer des Islam“ befördert werden.

Doch dieser Kategorisierung setzt sie etwas entgegen: Kübra Gümüsay schreibt offen über ihren Alltag, ihre Erlebnisse und Erkenntnisse in Sachen Integration, etwa auf einer Reise nach Wien: „Herzlich empfängt mich die Mutter des Hauses... Weil wir unter Frauen sind, hat sie ihr Kopftuch locker nach hinten gebunden und trägt ein T-Shirt. Wir unterhalten uns auf Türkisch über Gott und die Welt. Ich fühle mich wohl zu Gast bei türkischen Wienern. Dann, plötzlich, klingelt ihr Handy, sie spricht fließend Deutsch. Also österreichisch. Oder Wiener Deutsch. Vielleicht Ostmittelbairisch. … Ich bin baff. So einfach ist das also. Ein Dialekt war es, was mir in meinen 22 Jahren Integrationsbemühung fehlte. Ich Hamburgerin eierte mit meinem Hochdeutsch durch die Gegend und mischte mich in Integrationsdebatten ein, dabei fehlte mir nur das Hamburgische.“

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Fern aller Blogger-Charts können selbst einzelne Postings bedeutsame Spuren hinterlassen. Als die Chinesin Liu Xia Ende Februar für wenige Minuten über einen alten Computer online ging, berichtete sogar die Washington Post darüber: Liu Xia steht in Peking unter Hausarrest, seitdem ihr Mann Liu Xiaobo im Oktober den Friedensnobelpreis erhielt. Sie fühle sich elend, schrieb sie ins Netz hinaus. Auch Zeng Jinyan, Ehefrau des chinesischen Dissidenten Hu Jia, hat immer wieder nach der Verhaftung ihres Mannes über ihr Leben unter Hausarrest gebloggt. Da geht es etwa um Treffen mit ihrem an Bauchschmerzen leidenden Mann in Haft oder Steuerprüfungen. Zeng Jinyans schreibt nur sporadisch. Aber ihre und Liu Xias Online-Veröffentlichungen ermöglichen es, einen unzensierten Blick in ihr Leben zu werfen. Ihre Blogs sind Beispiele dafür, was Weblogs für Menschen bedeuten können, die gezwungen sind, hinter Mauern zu leben: Brücken zur Welt.

"Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt", heißt das Motto des Berliner Medienkongress von taz und Freitag. Alle Infos gibt es hier:

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