Schadenshöhe mal Eintritts-Wahrscheinlichkeit

Verhaltensforschung Der Freiburger Umweltpsychologe Josef Nerb über die wissenschaftliche Messung von Umweltverhalten

Der Umweltpsychologe Dr. Josef Nerb forscht am Institut für Psychologie der Universität Freiburg. Unter der Leitung von Professor Dr. Hand Spada hat er das Computermodell ITERA mitentwickelt, das Vorhersagen darüber machen soll, wie Menschen auf Umweltkatastrophen reagieren. Josef Nerb ist Träger des Förderpreises "Umweltpsychologie".

FREITAG: ITERA ist ein von Ihrem Institut entwickeltes Computermodell. Es soll dabei helfen, menschliche Reaktionen auf Natur- und Umweltkatastrophen verständlich zu machen. Welcher Gedanke liegt dem Modell denn zugrunde?
JOSEF NERB: Grundlage unseres Computermodells ITERA ist eine Emotionstheorie, die sogenannte Appraisal-Theorie: Sie besagt, einfach gesprochen, dass Menschen eine Umweltkatastrophe zunächst kognitiv bewerten, also verstandesgemäß analysieren. Von dieser "Analyse" hängt es ab, welche Emotionen das Umweltereignis bei ihnen auslöst. Und je nach Art der Emotion werden bestimmte Verhaltensweisen gezeigt oder aber unterdrückt. Diesen innerpsychischen Ablauf wollen wir mit Hilfe des Modells "simulieren".

Welche Faktoren spielen bei der subjektiven Urteilsbildung über eine Katastrophe denn eine Rolle?
In die subjektive Beurteilung fließt vieles ein: Zum Beispiel, ob eine Katastrophe kontrollierbar zu sein scheint oder nicht, ob ein Schadensverursacher ausgemacht werden kann, ob der Schaden durch Menschen verursacht wurde oder ob er ohne menschliches Verschulden zustande kam. Von all diesen Faktoren hängt es ab, wie hoch ein Schaden wahrgenommen wird und welche Emotionen sich mit der Katastrophe verbinden.

Schadenhöhe multipliziert mit der Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens - so berechnen Experten ein Umweltrisiko. Wie kommt denn der Laie zu seinem Urteil über einen Umweltschaden?
Die Bewertung eines Umweltschadens hängt von den "Eigenheiten" ab, die einem Umweltschaden zugeschrieben werden. Das heißt: Die subjektive Bewertung bestimmt sehr stark die Wahrnehmung eines Schadens. Und von der Wahrnehmung des Umweltschadens hängt es wiederum ab, welche Emotion bei einem Menschen dominiert. So entspringt etwa die Bereitschaft, einen Konzern zu boykottieren, aus dem Gefühl des Ärgers. Und allgemein gilt: Aus eindeutig positiv oder negativ gefärbten Emotionen lassen sich menschliche Verhaltensweisen gut vorhersagen. Diese Erkenntnis war auch der Ausgangspunkt unseres Modells.

Ereignisse wie die Flutkatastrophe emotionalisieren in hohem Maße. Können solche Katastrophen denn das umweltbezogene Handeln des Einzelnen verändern? Können sie Anstoß zu einer Verhaltenskorrektur sein?
Emotionen wie Ärger, Traurigkeit oder Mitgefühl sind typische Reaktionen auf Umweltschäden. Diese Emotionen lösen Verhaltensweisen aus wie "Boykott" oder "Spendenbereitschaft". Allerdings wirken sich diese Emotionen nicht auf andere Alltagssituationen aus. Wer damals beim Brent Spar-Konflikt Shell boykottiert hat, hat nicht gleichzeitig zuhause seinen Energieverbrauch reduziert oder seine Fahrten mit dem PKW eingeschränkt.

Es gibt Umweltschäden, die auf den Menschen zurück gehen, so wie das Reaktorunglück von Tschernobyl. Und dann gibt es Schäden, die niemand zu verantworten hat, wie etwa das Erdbeben im japanischen Kobe. Macht es für uns Menschen einen Unterschied, ob eine Verantwortlichkeit vorliegt oder nicht?
Ja, denn Umweltschäden, die von Menschen verursacht werden, lösen besonders starke Reaktionen aus - und werden für besonders schlimm gehalten. Ein und derselbe Schaden wird also für gravierender gehalten, wenn der Schaden "anthropogen" ist. Das ist insofern paradox, als sich ja die vom Menschen verursachten Schäden auch eher durch den Menschen verhindern lassen würden - und somit ein höheres Maß an Kontrollierbarkeit aufweisen.

Wenn ein Schaden eingetreten ist, dann fragt sich jeder sofort, was die Ursache dafür sein könnte. Wie erklären sich Menschen das Zustandekommen eines Umweltschadens?
In unseren Experimenten haben wir eine verblüffende Tendenz festgestellt: Lässt man Versuchspersonen im Unklaren, was die Ursache eines Umweltschadens ist, so neigen sie dazu, menschliches Handeln dafür verantwortlich zu machen. Selbst dann, wenn es objektiv keine Hinweise darauf gibt, dass der Mensch einen Schaden verursacht haben könnte, tendieren Personen dazu, den Schaden für "anthropogen" zu halten. Im Zweifelsfall klagt der Mensch sich selbst an, das heißt die Politik, die Industrie, das Ausland. Man beobachtet das sehr deutlich bei der Flutkatastrophe: Zwar sagt niemand, die Klimaveränderungen haben kausal die Flutkatastrophe bewirkt, aber die Flutkatastrophe wird doch sehr stark in dem Kontext "Klimaveränderungen" diskutiert.

Wie wahrscheinlich ist es denn aus Sicht der Psychologie, dass der Einzelne sein Verhalten zukünftig ändert und schonender mit der Umwelt umgeht?
Die psychologischen Erkenntnisse geben keinen Anlass zu sonderlich großem Optimismus. Die Kluft zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln ist relativ groß. Das hat mit dem zu tun, was wir in der Forschung "Zeitfalle" nennen: Immer dann, wenn der Schaden zeitlich sehr stark vom Nutzen eines Verhaltens entkoppelt ist, zeigt sich empirisch ein nur sehr schwacher Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten. Konkret bedeutet das: Menschen haben eine positive Einstellung zu umweltschonendem Verhalten, aber das heißt noch lange nicht, dass sie sich gemäß dieser Einstellung verhalten.

Das Gespräch führte Nicolas Westerhoff

Das Modell ist abrufbar unter www.psychologie.uni-freiburg.de/signatures/nerb, "projektbewertung von umweltschäden"

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00:00 06.09.2002

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