Schärfe aus Empathie

Sachlich richtig Vielleser Erhard Schütz empfiehlt nicht nur Gerichtsreportagen von Uwe Nettelbeck, sondern, sieh an, auch Rolf Dobellis Fragebuch
Erhard Schütz | Ausgabe 23/2015

Das sind Kriminalfälle – und zwar spektakuläre – aus den neuen Bundesländern, ältere und neuere Fälle, einer sogar noch nicht abgeschlossen, die Cornelia und Jürgen Schwenkenbecher da beschreiben. Sie ragen deutlich aus den allfälligen, offenbar hinreichend beliebten einschlägigen Ostverbrechenssammlungen heraus. Nicht so sehr der Spektakularität wegen, sondern in der Weise, wie sie dargestellt sind: nüchtern bis kühl protokollierend, Sachverhalt an Sachverhalt. Dabei dramaturgisch höchst versiert – und nur ganz gelegentlich blitzt eine Wertung oder Parteinahme auf. Das hält die Ungeheuerlichkeiten, die Unfassbarkeiten und das menschlich Abgründige auf Distanz. Und bringt es doch gerade so zur Wirkung. Aufsteiger, Absteiger, Zugezogene, Goldgräber, Neuanfänger. Das Spektrum ist breit. Der rosa Riese, Schmökel, der Maskenmann, Hochstapler Postel, Sabine H., die neun Babys entsorgte, zum Beispiel. Was ist daran dann aber Osten, außer dass es dort geschah, wie bei dem durchreisenden Dänen, der seine Kinder im Brandenburgischen verbrannte?

Die scheinbar ungerührte Kälte, noch in der Wut der Gewaltexplosionen, ist man mit Blick auf einige dieser zu sagen geneigt. Oder darauf, dass drei Neonazis einen Jungen zu Tode quälen, dass in Sonderhausen satanisch gemordet wird, aber es geht nicht auf. Denn Felix etwa, der junge, kaltschnäuzige Doppelmörder im mecklenburgischen Tessin, war aus Hamburg zugezogen. Und aus ordentlichem Hause obendrein. Man mag also darüber grübeln und daran zweifeln. Unbezweifelbar aber ist die Prägnanz all dieser Falldarstellungen, für die man gern jeden von Schirach drangibt.

Von den Lebensläufen Zerstörter berichtet auch Uwe Nettelbeck. Nur sind das – gegen Ende der 60er Jahre – allermeist Schicksale, die aus dem Krieg und unmittelbaren Nachkrieg herrührten, Ost und West. Auch er berichtet von mörderischer Kaltschnäuzigkeit, von katastrophaler Hilflosigkeit, vermeintlicher Gerissenheit und Abgebrühtheit. Schicksale in einer unendlichen Trostlosigkeit. Seinerzeit prominente, aber auch randständige Fälle. Gerade deren Vergangenheit lässt umso mehr den Autor hervortreten, obwohl er alles dafür tut, sich nicht auf Kosten der Opfer und Täter zu profilieren, sondern sie zu ihrem Recht kommen zu lassen. Nicht zuletzt ein Anrecht auf Sprache, die sie nicht haben. Der 2007 verstorbene Filmkritiker, Gerichtsreporter und Schriftsteller Nettelbeck, geschult an der Denk- und Sprachschärfe von Karl Kraus, eine Schärfe, die aus äußerster Empathie kommt, leiht ihnen die seine. Vor allem gegen jene, die über Sprache gebieten, es jedenfalls sollten, und die über sie zu Gericht sitzen. Zwangsläufig entsteht daraus Justizkritik. „Er litt mehr unter der Verhandlung, als daß er sie leitete.“ Dieser Satz über einen inkompetenten Richter ist noch einer der mildesten. Es schreibt hier aber kein fanatischer Justizfeind, sondern einer, der ein äußerstes Gespür für Gerechtigkeit hat. Und so lobt er auch, wo es zu loben gilt. Etwa jenen Richter, der gegen den Türken, gegen den alles spricht, gar nicht erst ein Ressentiment aufkommen lässt. Der Band endet mit dem Prozess gegen die Frankfurter Kaufhausbrandstifter Baader, Ensslin und Konsorten. Nettelbeck lässt zwar keinen Zweifel daran, dass er die Aktion nicht billigt, formuliert indes recht süffisant, „dass sich das Entzünden eines Feuers in einem Kaufhaus als Mittel der politischen Auseinandersetzung schon darum nicht empfiehlt, weil es sich dabei um eine strafbare Handlung handelt, die in jedem Falle den Menschen gefährdet , der sie begeht (...) Es gibt Gesetze, deren Übertretung weniger gefährlich und doch politisch wirksamer ist.“ Im Bericht über den Prozess gegen den Demonstranten Boblenz zieht Nettelbeck noch einmal Bilanz über das Elend einer autoritätsfixierten Justiz, „deren endliche Humanisierung noch immer aussteht“. Dem entschieden schlichter gewirkten, aber obrigeren Theo Sommer war das Anlass genug, Nettelbeck aus der Zeit zu vergraulen.

Und noch einmal DDR. Ein billig effektheischender Titel, aber ein sehr gutes, informatives, zum Nach- und Nochmalsfragen anregendes, so gar nicht sommerliches Buch, zentriert um das Jahr 1965 in der DDR. Wer zunächst nach dem Mauerbau glauben konnte, nun werde es in der DDR toleranter und offener zugehen, sah sich spätestens 1965 vor mehr als nur Ahnungen gestellt, dass das ein Trugbild war. Mehr als den weggebügelten Klassen- fürchtete die alte Garde einen Generationenkonflikt, die Ungeduld und die Forderungen der Jungen. Wolfgang Kohlhaases Film Berlin um die Ecke, 1965 gedreht, ist da besonders exemplarisch. Denn er warb, durchaus mit Verständnis für die Alten (Fragt einer den anderen besorgt: „Denkst du nie, dass das alles noch einmal verloren gehen könnte?“), dafür, die diversen Konfliktlinien nicht zu leugnen und zu unterdrücken, sondern sie austragen zu lassen, vor allem jugendliche Regelverstöße nicht gleich zur Systemkritik aufzublasen. 1966 wurde der Film verboten wegen antisozialistischer Darstellung von „Oberflächlichkeit der Gefühle, Anarchismus in der Arbeit, Unfähigkeit Verantwortlicher“. Erst 1990 wurde er uraufgeführt. Auf diesen Film geht Gunnar Decker zwar nicht ein, aber sonst kommen – in Schlaglichtern und pointierten Porträts – so ziemlich alle vor, die üblichen Verdächtigen wie Wolf Biermann, Volker Braun und Christa Wolf, dazu auch von Hermann Kant bis zur Klaus-Renft-Combo, von Fritz Cremer bis Benno Pludra – und naturgemäß das gesamte Polit- und Kulturpolitpersonal. Decker hält sich, was Abneigungen angeht, nicht bedeckt, so wird Margot H. sarkastisch in ihrer Spießigkeit aufgespießt, wie überhaupt der kleinkarierte Funktionärsmuff. Hier kämpft einer noch einmal für die Unterlegenen und gegen die Unterdrücker und Ungerührten.

Ein paar Fragen des Lebens allgemein zum Schluss, 777 an der Zahl. Schon 2007 einmal gestellt, jetzt aber wieder da. Rolf Dobelli hat, gewissermaßen in Erneuerung der gesellschaftsspielenden Fragebögen des 19. Jahrhunderts, der proustsche schon wegen der seinerzeitigen Wiederaufnahme in der FAZ wohl der bekannteste, indiskrete Fragen zusammengestellt, zu Denken und Sex, Lügen und Karriere, Alter, Gott, Tod und vielem anderen. Unbefangene, aber verfängliche, geradezu heimtückische Fragen wie: „Was fällt Ihnen einfacher: zu denken oder nachzudenken?“, „Glauben Sie an die sittliche Kraft des Kapitals?“, „Wie lang würden Sie es aushalten, wenn ihr Lebenspartner unfehlbar wäre?“ – und dergleichen noch Perfideres. Wenn man damit spielt, dann sicherheitshalber allein. Denn wer ließe sich schon gern dabei zusehen, wie er sich für sich selbst fremdschämt?

Info

Mord am Pferdemädchen und zwölf weitere authentische Kriminalfälle aus dem Osten Cornelia und Jürgen Schwenkenbecher Bild und Heimat 2015, 240 S., 12,99 €

Prozesse. Gerichtsberichte 1967 – 1969 Uwe Nettelbeck Suhrkamp 2015, 188 S., 19,95 €

1965. Der kurze Sommer der DDR Gunnar Decker Hanser 2015, 496 S., 26 €

Wer bin ich? 777 indiskrete Fragen Rolf Dobelli Diogenes 2015, 176 S., 16,90 €

Erhard Schütz, geboren 1946, war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er regelmäßig die Sachbuchkolumne Sachlich richtig

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06:00 17.06.2015

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