Schaffe, Häusle baue

Alltag Wie ein schwäbischer Hausbesitzer im Wedding heimisch wurde

Wenn Dietmar Wohlfahrt spricht, sieht es aus, als habe er eben irgendein Werkzeug beiseite gelegt und gönne sich nur eine kurze Pause, um zu reden. Der Rücken ist gerade, die Ärmel hochgerollt. Wohlfahrt sagt: "Am Âfang war´s schwer", und spricht das A von "Anfang" nasal, wie es das nur im Schwäbischen gibt. Er hatte es nicht leicht, als er vor fünf Jahren als Fremder in Berlin-Wedding ein Haus kaufte und dort eine Wohnung bezog. Er kam aus Echingen bei Calw. Die Sprache, sagt er, die Lebensweise. Er ahnte nicht, dass es kaum schwerer sein könnte, zöge man ins Ausland, nach Italien, nach Rom oder Paris.

Dietmar Wohlfahrt, der sich gern Didi nennen lässt, steht breitbeinig in seinem Hof. "Didi!", ruft ihn ein Mieter. "Ja!", brüllt Didi. Er soll dem Mieter zubrüllen, wo eine Kelle liegt. Didi brüllt, sie liege im Hauseingang, neben dem Zement! Es gefällt ihm, dieses vertrauliche Sich-zu-Brüllen im Hof, wenn es ums Handwerken geht. Ein Schwabenklischee sagt, das württembergische Universum drehe sich ums Arbeiten. Wohlfahrt in seinem Blaumann scheint der fleischgewordene Beweis dafür zu sein. Früher war er selbständig als Dachdecker, war fleißig und hatte gespart: für die Kinder, die Rente, für alles, was in der Zukunft lag. Bis ein Freund ihm sagte: Das bringt doch nichts. Denk mal über Immobilien nach! Wohlfahrt überlegte. Der Gedanke an ein Haus gefiel ihm, und während er nach Häusern Ausschau hielt, wurde die Vorstellung zur fixen Idee. Ein Haus. Weil Häuser in Süddeutschland zu teuer für ihn waren, suchte er in Norddeutschland und schließlich in Berlin. Weil Mitte und Charlottenburg seine Mittel überstiegen, fand er ein Haus im Wedding. Ein Miethaus aus der Zeit der Jahrhundertwende mit einem Hinterhof. Das Haus war in schlechtem Zustand. Aber mit ein bisschen Arbeit, dachte er, kriege er das schon hin. Die Straße hatte einen schlechten Ruf - ein paar Jahre noch, dann würde alles ordentlich sein.

Jetzt ist Wohlfahrt da. Doch er scheiterte gleich beim ersten Anlauf, etwas Gutes für sein Haus zu tun. Er wollte Ordnung in das Labyrinth der Keller bringen. Der Kampf um die Kellerbuchten ist ein sensibles Thema in unsanierten Berliner Mietshäusern. Wer hat Anspruch auf welchen Verschlag, wer darf welche zwei Quadratmeter unterirdischer Dunkelheit mit Gerümpel füllen? Und wer muss es wieder beiseite schaffen? Es herrscht Anarchie, und das Recht der Alteingesessenen zählt. Wohlfahrt verschaffte sich einen Überblick über die Kellerverschläge, markierte die rechtmäßig genutzten und die, die ihm herrenlos erscheinen. Als er den ersten herrenlosen aufbrach und begann, den staubigen Unrat nach draußen zu zerren, stand mit einem Mal ein dunkeläugiger Herr hinter ihm, der mit Prügeln drohte. Wohlfahrt stellte sich als Hausbesitzer vor. Den Mieter besänftigte das nicht. Wohlfahrt erklärte sich. Der Mieter wünschte ihn zur Hölle. Wohlfahrt sagte, der Mieter dürfe Didi zu ihm sagen. Er sei Besitzer, aber sei "Mensch bliebe". Der Mieter entgegnete, es sei ihm egal, was für ein Mensch Didi sei.

In der folgenden Zeit bekam Didi zu spüren, dass er sich als Mensch tatsächlich stark von seinen Mietern unterschied. Er hatte eine 3-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss bezogen, um Miete zu sparen und um vor Ort zu sein. Schritt für Schritt wollte er sein Haus auf Vordermann bringen. Um fremden Firmen kein Geld in den Rachen zu werfen, machte er das meiste selbst. Als Dachdecker konnte er fast alles: Mauern ziehen, Dielen legen, Putz erneuern. Es gab viel zu tun, und Wohlfahrt hatte Ehrgeiz. Er wollte das Schmuddelhaus zum Schmuckstück herausputzen. Dafür begann er am Morgen, "wenn das Licht angeht", und legte die Flex erst weg, wenn die Sonne hinter den Stadthäusern versank. Die Bewohner seines Hauses dagegen waren in der Mehrzahl "auf dem Hartz", hielten sich viel im Hof und auf der Straße auf, tranken Bier am Stromkasten vor dem Haus. Sie sahen Herrn Wohlfahrt befremdet beim "Schaffe" zu und fragten, weshalb er das tue. "I ben so erzogâ", antwortete er. Und schaffte weiter.

Seine Mieter, so stellt es Wohlfahrt zumindest dar, seien irgendwann so irritiert gewesen, dass sie begannen, ihm zu helfen. Sie halfen, den Hausflur zu streichen. Ein ehemaliger, jetzt arbeitsloser Stuckateur mischte den Farbton fehlender Kacheln neu an. Moosgrün, wie das Original. Sie bemalten weiße Gipsbüsten im Hausflur - üppige Frauen, die die Decke zu tragen scheinen. Jetzt bekamen sie goldblondes Haar, meerblaue Augen und Münder in Feuerwehrrot. Der Stuckateur war glücklich, einmal nicht bei seiner Frau zu sein und kein Bier zu trinken. Wenn er arbeitete, trank er nicht.

Zuerst ersetzten Wohlfahrt, die Mieter und der Stuckateur den fehlenden Stuck. Dann klebten sie auch dort Stuck an, wo vorher keiner gewesen war. Dann gossen sie weitere Büsten aus Gips, die den vorhandenen glichen. Es wurden immer mehr üppige Frauen mit goldblondem Haar. Schließlich gossen sie noch zwei Gipslöwen, die sie links und rechts neben dem Hauseingang platzierten, ein dritter thront auf einem Balkon und blickt auf die Straße herab.

Die Mieter nennen Wohlfahrt jetzt Didi, so wie er es mag. Sie finden ihn immer noch seltsam, aber sie schätzen ihn. Er hat einen Unterstand für Fahrräder im Hof gezimmert. Im Garten hat er zwei Grillhäuschen gemauert: eins für seine deutschen Mieter, die gern Fettiges vom Schwein grillen, und eins für die türkischen Mieter, die auch gern grillen, nur auf keinen Fall Schwein. Da sitzen sie an warmen Sommerabenden und garen Bratwurst und Köfte. Die Zeit vergeht und Wohlfahrt lebt sich ein. Und weil er nun mal da ist und ein durch und durch positiver Mensch, bekennt er sich zu seinem "Kiez". Wie oft bei Zugezogenen, geschieht das entschieden und in erklärter Opposition zum gängigen Vorurteil, der Wedding sei schlecht, schmuddelig, gefährlich. Einen "Babb" nennt er die Mär, "dass dâ viel passierâ däd" - bei seinem Schwäbisch bleibt er. Er hat es mitgenommen wie ein Erbstück, das die eigene Wurzel markiert und in der Fremde umso wichtiger wird. Er, Wohlfahrt, sei in diesem Jahr 38 geworden, doch er sei jung im Kopf, er lasse sich nicht einschüchtern und denke ständig über neue Sachen nach. Am besten denken könne er nachts. Dann läuft er die Straße auf und ab. Dort, in dieser Gegend, die man den "hintersten" Wedding nennt, kurz bevor die Schrebergärten beginnen, sei es wunderbar ruhig, und nur selten störe ein Auto seine Gedanken. Es sei fast so still wie auf dem Dorf, aus dem er stammt.

Eines Nachts hat er eine Idee: Er will einen Verein gründen und im Ladenraum seines Hauses, für den er ohnehin keinen Mieter findet, ein Vereinslokal einrichten. Nachbarschaftliche Aktivitäten schweben ihm vor, auch im Winter könnte man beieinander sitzen, wenn es zu kalt zum Grillen ist. Er beginnt, das Ladenlokal herzurichten. Wieder hilft der Stuckateur, der früher auch einmal als Bühnenmaler gearbeitet hat. Diesmal übertrifft er sich selbst. Er malt ein gigantisches Wandbild: Delphine vor Sonnenuntergang, die aus dem Wasser heraus und dann wieder ins Wasser hinein springen. Damit, sagt Wohlfahrt, sei das Motto des Vereins klar gewesen: Kunst. Am Schaufenster wird ein Schild angebracht: "Kunst und Kultur" haben sie darauf gepinselt. Drinnen steht vor dem Orange des Sonnenuntergangs ein Eigenbautresen, das Licht ist etwas kalt. Der Kaffee kostet nur 50 Cent, und meist sitzt eine Handvoll Menschen im Lokal.

Fünf Jahre sind nun vergangen, seit Wohlfahrt hierher gezogen ist. Ordnung ist nicht ins Haus gekommen. Jedenfalls nicht eine solche Ordnung, wie sie dort herrscht, wo er groß geworden ist. Der Stuckateur trinkt wieder. Vielleicht, weil er seine Aufgabe abgeschlossen hat. Manches ist Wohlfahrt fremd geblieben. Aber er bleibt. Zumindest bis alles geschafft ist, was er am Haus noch verschönern und verbessern will.

Wenn er am Abend seine Ruhe haben möchte, sieht er im Wohnzimmer seiner Erdgeschosswohnung fern. Manchmal sitzt er vor der Wohnung. Die Wohnungstür öffnet sich zum Innenhof. Er hat sich einen Stuhl dorthin gestellt, auf dem genießt er dann die letzten Strahlen der Abendsonne. Der Eigentümer vor seinem Haus. Dort, wo er herstammt, sagt er, sitzen die Leute gern am Abend auf der Feierabendbank, und es sei so friedlich, dass mancher sogar die Haustüren offen lässt. Eines Abends hat Wohlfahrt im neuen Haus im Wedding vergessen, die Wohnungstür zu schließen. Er hat nicht nur versäumt, den Schlüssel herumzudrehen, er hat vergessen, die Tür hinter sich zuzuziehen. Sie hing in ihren Angeln wie eine Einladung, die dunkle Wohnung zu betreten. Die halbe Nacht. Irgendwann reißt es Wohlfahrt aus dem Schlaf, weil eine Stimme brüllt: "Didi! Was ist los? Lebst du noch? Hast du was?" "Wieso?", fragt Wohlfahrt und reibt sich die Augen. Er reckt sich und macht den Fernseher aus - er ist vor einem Spätfilm eingeschlafen. Der entsetzte Mieter brüllt weiter, weil ihm der Schreck noch in den Gliedern sitzt, er brüllt: "Mensch, bist du wahnsinnig, da könnte jeder ´reinlaufen, in deine Bude, der könnte Gott-weiß-was machen", das sei hier eine Großstadt und kein schwäbisches Dorf. "Jetz bisch du rei g´loffâ", entgegnet Wohlfahrt. "Mensch, Didi!", sagt der Mieter, knipst das Licht an und setzt sich auf die Couch.

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