Scham für alle

Streaming Die Obamas produzieren jetzt Gutgemeintes: „American Factory“
Peter Kuras | Ausgabe 38/2019 1

Alle meine Freunde, die sich als Jugendliche vorgenommen haben, die Welt zu verbessern, bereuen zumindest gelegentlich die Form ihres jetzigen Engagements. Die, die sich in der Politik engagieren, beklagen, dass sie hässliche Kompromisse eingehen müssen, um überhaupt etwas bewirken zu können. Sie beneiden diejenigen, die etwas Konkretes tun – etwa Ärzte, die in Kriegsgebieten arbeiten oder Rechtsanwälte, die sich für Geflüchtete einsetzen. Diejenigen wiederum, die auf diese konkrete Weise helfen, haben oft das Gefühl des Ungenügens: Behandelt der Arzt einen Patienten, weist er damit einen anderen zurück; gewinnt der Rechtsanwalt einen Fall, verliert er gleichzeitig zwei andere. Sie sehnen sich nach der Möglichkeit, Strukturen zu verändern.

Der Film ist nicht mal schlecht

Den Obamas scheint es ähnlich zu gehen. Sie haben die Spitze der politischen Welt erreicht, nur um zu erleben, wie die Veränderungen, die Barack Obama so leidenschaftlich versprach, einem bitteren Albtraum den Weg bereiteten. Nun haben sie sich anscheinend die Weisheit Andrew Breitbarts zu Herzen genommen: „Politics is downstream from culture,“ sagte der reaktionäre Publizist in Anlehnung an linke theoretische Vorarbeit, die Politik ergebe sich aus der Kultur. Die Obamas sagen, dass ihre Entscheidung, in die Filmproduktion einzusteigen, Teil ihres Vorhabens sei, die „Welt für die Kinder und Enkel ein kleines bisschen besser zu machen.“

Nun ist der erste Film, den ihre Firma angekauft hat, auf Netflix zu sehen – und er ist tatsächlich gut. Das sollte niemanden überraschen, am allerwenigsten die Obamas, die in das Projekt erst eingestiegen sind, als der Film schon auf dem Sundance Film Festival gelaufen war, wo er den Regie-Preis gewann. American Factory wurde von Stephen Bognar und Julia Reichert gemacht, die für ihren The Last Truck: Closing of a GM Plant von 2009 bereits eine Oscar-Nominierung erhielten. Ihr neues Werk handelt von der Übernahme einer US-amerikanischen Fabrik durch Fuyao, einen chinesischen Autoglashersteller. In einigen Kritiken war zu lesen, dass der Film die Unterschiede zwischen der amerikanischen und chinesischen Arbeitskultur schildere.

Aber tatsächlich geht es nur sehr oberflächlich darum. Man lernt zwar, dass der chinesische Arbeitgeber die Zusammenarbeit als Wettkampf gegen die Amerikaner gestalten und dass die Amerikaner mehr Wert auf Sicherheit bei der Arbeit legen. Dass Vorgesetzte ihre Arbeiter zum Wettkampf animieren, ist wohl eher eine Eigenschaft des Kapitalismus als der Chinesen. Und dass amerikanische Arbeiter sich trauen, bessere Arbeitsbedingungen zu verlangen, ist weniger Teil der US-Kultur als vielmehr ein Erbe der internationalen Arbeiterbewegung. Dass chinesische Arbeiter bereit sind, mit minimaler Sicherheitsbekleidung einen Haufen Glasscherben zu sortieren, sagt weniger etwas darüber, wie sie lieben, lachen, glauben oder trauern, sondern darüber, wie es um die Arbeiterbewegung in China bestellt ist. So sieht man im Film zwar, wie die chinesischen Arbeitgeber ein höchst durchdachtes Spektakel für die Mitarbeiter organisieren. Aber würde man einen Firmenevent bei VW oder Siemens als stellvertretend für die deutsche Kultur betrachten?

Überall auf der Welt organisieren Manager Aktivitäten, von denen sie behaupten, sie würden den Teamgeist fördern. Das mag ihnen mehr oder weniger gelingen, was sie aber mit Sicherheit erreichen, ist zu demonstrieren, dass sie ihre Mitarbeiter zum Überschreiten von Schamgrenzen anstiften können. Wenn die Chinesen in diesen Inszenierungen besser wegkommen als die Amerikaner, dann sagt das wiederum weniger über die chinesische Kultur aus, als über die Tatsache, dass die chinesischen Arbeiter an solche Aufführungen mehr gewöhnt sind. Eine Kultur, die etwa Ai Wei Wei wiedererkennen würde, sieht man im Film nur ansatzweise, zum Beispiel wenn die chinesischen Arbeiter sich zum gemeinsamen Essen sammeln.

Viele verstehen ihn falsch

Neben der Pseudokultur der Konzerne, auf die der Film viel Aufmerksamkeit richtet, sind die wenigen Momente, in denen tatsächlich so etwas wie Volkskultur zum Ausdruck kommt, um so stärker. Etwa als einer der amerikanischen Arbeiter während eines Protests gegen die miserablen Arbeitsbedingungen zu singen anfängt. Zunächst überrascht die klare, helle Stimme, mit der er singt: „When the union‘s inspiration through the worker‘s blood shall run.“ Bald fallen auch andere mit ein. Beim inszenierten Tanz für die Vorgesetzten wirkten sie noch ungeschickt, nun singen sie stolz und entschieden: „But the union makes us strong.“

Das ist mithin der Kulturkonflikt, den der Film inszeniert: Die authentische Kultur einer Arbeiterbewegung stellt sich gegen die Macht einer industriellen Pseudokultur. In einem Gespräch mit den Obamas stellt Regisseurin Reichert die Frage, warum sie unter den Millionen von Filmen ausgerechnet ihren ausgesucht haben. Die Obamas antworten, sie wollten Gemeinsamkeiten finden, „Common Ground“ soll auch ihre Produktionsfirma heißen. Das kann sich nur auf solche Momente beziehen wie die spontane Performance des Gewerkschaftslieds „Solidarity Forever.“ Gemeinsam ist uns, dass wir unter einem ausbeuterischen ökonomischen System leiden. Ob dieses ein weißes oder ein asiatisches Gesicht hat, ist eher unwichtig.

Die Obamas hegen offenbar die Hoffnung, dass nun kulturelle Arbeit die Veränderung bringt, die sie schon immer bewirken wollten. Aber auch Kulturarbeiter wünschen sich oft, sie hätten sich eine andere Form des Engagements ausgesucht. Denn Missverständnisse – wie das, dass American Factory eine Doku über kulturelle Differenzen sei – sind ständiger Bestandteil kultureller Arbeit.

Info

American Factory Steven Bognar, Julia Reichert USA 2019; 115 Minuten. Auf Netflix

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