Scham und Schuld

Zeitschriftenschau Kolumne

Auf Umwegen bin ich in den Besitz von drei Nummern der seit 2002 in Wien erscheinenden Zeitschrift Volltext gelangt, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte. Überrascht hat mich zunächst das handliche Zeitungsformat, in dem Volltext alle zwei Monate um die 40 Seiten stark herauskommt und billig über die Kioske verkauft wird, in einer für Literaturzeitschriften schwindelerregenden Auflage von 55.000 Exemplaren. Wobei mir allerdings gleich ein anderes, ebenfalls aus Österreich stammendes Organ im Zeitungsformat einfiel, das sich Gegenwart nannte und vor einigen Jahren eingestellt werden musste.

Überraschend auch die Qualität einzelner Volltext-Beiträge, die Kompetenz der Redaktion (Thomas Keul), die meist gelungene Mischung aus belletristischen Arbeiten, Essays, Besprechungen und Gesprächen. Gegenstand ist die gesamte Gegenwartsliteratur, die man - ähnlich wie die konkurrierende, dem Zeitgeist unverhohlener huldigende Monatsschrift Literaturen - einem größeren Publikum durch eine verständliche Sprache und eine übersichtliche Gliederung zugänglich machen will.

Kennzeichnend für Volltext - und darin unterscheidet sich diese Zeitung deutlich von Literaturen, aber auch von den Feuilletons der Tages- und Wochenpresse - ist der Raum, den literarische Texte im engeren Sinn einnehmen, gleichsam als Titelgeschichten, worauf wohl auch der (eigentlich unschöne) Name anspielen soll. In der Nummer 3 aus dem Jahr 2006 füllt eine skurrile Poetik-Vorlesung von Andreas Maier, in welcher der junge Autor sich zu Gott, dem Evangelisten Matthäus und Dostojewski bekennt, mehrere Zeitungsseiten. In der Nummer 1 aus dem laufenden Jahr findet man lange Vorabdrucke aus neuen Romanen von Georg Klein und Peter Kurzeck. Und in der jüngst erschienenen Nummer 2 wird sogar ein ganzer Roman von Alban Nikolai Herbst vollständig abgedruckt. Das vier Jahre lang verbotene Buch Meere (Freitag 6/2007) nimmt zwei Drittel der Zeitung ein, was nicht allen Lesern zusagen dürfte. Und wie nebenbei wird einem zugeraunt, dass der kraftmeierische Herbst, geboren 1955, ein Großneffe von Hitlers Außenminister sei und eigentlich Alexander von Ribbentrop heiße, als ob das literarisch bedeutsam wäre.

Volltext setzt Schwerpunkte, etwa auf "Biographik". Neuerdings gibt es eine Rubrik Die gefällige Kritik, die mit dem Versteckspiel der "Freundschaftsbesprechung" aufhört und hemmungsloses Lob gestattet, ja verlangt. Im Vorfeld des alljährlichen Bachmann-Wettlesens werden sämtliche Teilnehmer vorgestellt mit poetologischen Selbstkommentaren oder durch exemplarische Texte, fast ausschließlich Prosaarbeiten. Gedichte, also schwer Verkäufliches, findet man in dieser Zeitung für Literatur so gut wie keine.

In einer kleinen Zeitschrift aus Sachsen-Anhalt mit dem poetischen Namen Ort der Augen ist ein Aufsatz des Weimarer Lyrikers Wulf Kirsten über den vergessenen Schriftsteller Walter Bauer zu lesen, der vermutlich in einem so strikt auf die aktuelle Verlagsproduktion und deren Verkauf fokussierten Blatt wie Volltext keinen Platz gefunden hätte. Bauer, 1904 in Merseburg geboren und plebejischer Herkunft, sei - so Kirsten - "aus der Tiefe der Armut aufgestiegen" und vor allem in seinem Frühwerk, das ihn rasch bekannt gemacht habe, "ein wortmächtiger Anwalt der Unterprivilegierten" gewesen. "Genauigkeit bis ins kleinste Detail" sei Bauers Stärke. Der Gedichtband Stimme aus dem Leunawerk (1930) und der Roman Ein Mann zog in die Stadt (1931) sind geprägt vom Pathos Walt Whitmans und vom Geist der Arbeiterdichtung der zwanziger Jahre. Bauer hing auch der Großstadtpoesie des belgischen Lyrikers Emile Verhaeren an. Enge Freundschaft verband ihn mit Stefan Zweig.

Das Jahr 1933 bedeutete für Walter Bauer einen jähen Bruch. Sein Frühwerk wurde verboten, doch er blieb im Land und konnte weiterhin Bücher mit unverfänglicher Thematik veröffentlichen. Nach dem Krieg geriet er in eine Krise und steigerte sich, so Kirsten, "in Scham- und Schuldgefühle". 1952 wanderte der Dichter nach Kanada aus, wo er sich vom Tellerwäscher zum Germanistik-Professor hocharbeitete. Auch im "nachgeholten Exil" kam er von der deutschen Sprache nicht los. 1954 erschien der Gedichtband Mein blaues Oktavheft, 1957 Die Nachtwachen des Tellerwäschers. Bauer starb 1976 in Toronto. Postum kam 1981 sein Erinnerungsbuch Geburt des Poeten heraus, ein Werk, das nach Kirstens Ansicht "in den Kanon der Prosa des 20. Jahrhunderts gehört."

Volltext: Nr. 1 und Nr. 2, 2007 (Lothringerstraße 3, A-1010 Wien), jeweils 2,50 EUR

Ort der Augen: Nr. 1, 2007 (Forellenweg 5, 39291 Möser), 4,90 EUR


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00:00 18.05.2007

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