Schau dich an!

Tatort "... es wird Trauer sein und Schmerz" heißt der "Tatort" aus Hannover. Trotz kleiner Widersprüche und selten paranoider Verdächtiger eine durchaus gelungene Folge

Dieser Tatort will sehr viel und schafft sehr viel. Und doch führt er sich dabei selbst etwas vor. Was für ein Thema! Das Gaffen! Kühn in der Dimension und kühl in der Optik setzt sich der Tatort aus Hannover unter dem Titel ... es wird Trauer sein und Schmerz mit der menschlichen Oberflächlichkeit auseinander. Dass er dabei selbst viele Randgeschichten aufmacht und offen lässt – allen voran die zart angedeutete Liebesgeschichte zwischen der Walküre Lindholm (Maria Furtwängler) und dem zweifelnden Recken Bergmann (Sven Lehmann) – verwundert. Ist das nicht auch eine Form von Voyeurismus, wenn Großes nur um des Entblößens Willen kurz entblößt wird?

Vielleicht sind die offenen Randgeschichten bloß Geschöpfe mehrfacher Drehbuchkürzungen. Vielleicht wollten die Macher nur zu sehr einen Psychothriller in einen Tatort pressen. Zwar gelingt es ihnen die Spannung bis zum Schluss zu steigern, aber die falschen Verdächtigen geraten allzu psychotisch: Niemand legt einen Nagelschussgerät so umständlich hin wie Bäcker Wetzel, wenn jemand wie Kommisarin Lindholm eine Waffe auf ihn richtet. Früher oder später werden auch diese Figuren noch jemanden umbringen. Stoff für eine weitere Folge ist fraglos da.

Erfolgreich bemüht sich der Regisseur die Paranoia der Beteiligten auf den Zuschauer zu übertragen: Bedrohliche Details kommen oft in Großaufnahme, Videomaterial ersetzt den Film sobald Gaffer ins Spiel kommen, Fehlzündungen eines Autos werden zu Schüssen verfremdet, und die Handkamera bewegt sich gelegentlich so schnell, dass es im Bauch des Zuschauers rumort. Dabei wird immer wieder auf das Thema Voyeurismus angespielt: Der Zuschauer kriegt schnelle Bilder und allzu schnelle Schlüsse präsentiert. Der aufgebrachte Autobahn-Polizist könnte doch überschnappen und zum Serienmörder werden. Schießen kann er von Berufs wegen, und die Adressen der Opfer findet er im Polizeicomputer. Als wenig später der echte Schütze erkannt ist, und der gar nicht mal so unrealistische Ermittlungsleiter Kohl (Felix Vörtler) schon ein Geständnis vom Autobahn-Polizisten erzwungen hat – da tritt etwas Betretenheit beim Zuschauer ein. Stimmt, der kleine Polizist war es ja gar nicht.

Traurig und bedeutungsvoll ist die Geschichte des Snipers selber. Obwohl Kommissarin Lindholm nach etwa zehn Minuten Film feststellt, dass die Opfer nicht willkürlich gewählt wurden, ist ganz Niedersachsen in Aufruhr. Der Sniper, der keiner ist, schafft das, was er beseitigen möchte: die Gaffer. Und nur wegen der Gaffer gibt es ihn. Wer jetzt weiter denkt, muss sich fragen, inwieweit der Sniper an sich nicht ein Produkt des allgemeinen Voyeurismus ist. Für den im Film erwähnten echten Sniper aus Washington kommt diese Tatort-Folge jedoch zu spät. Er wurde am vergangenen Mittwoch hingerichtet. Die Geschichte des Tatort-Snipers wird endet als die Figur ihr Soll erfüllt hat.

Auch in den Randgeschichten begegnet einem Voyeurismus. Da ist der verzweifelte Hinterbliebene Klein, der mit schamlosem Gaffen sein Unglück selbst auslöst. Ob er beim tödlichen Autounfall fotografiert hat? „Ja, klar! Ich bin Fotograf!“ Schnell lügt er noch, dass überall Benzin am Boden war. Denn er weiß um seinen Fehler. Die menschlichen Abgründe anderer ziehen ihn zur Unfallstelle wie den Fernsehzuschauer zum Tatort. Am stärksten verdichtet ist das Thema in der Figur Lindholms Mitbewohners Martin Felser (Ingo Naujoks). Der Krimi-Autor mit Schreib-Blockade saugt den Fall des Niedersachsen-Sniper wie ein Schwamm auf. Die Bedeutung des einzelnen Leides verschwindet völlig hinter dem Unterhaltungswert. Das ist der Kommissarin natürlich zu viel.

Immer lustig: Flip-Charts von Polizisten

Immer lächerlich:

Bösewichte, die in aller Ruhe ihr Gewehr aus der Sporttasche holen, ausklappen und weitergehen, während ein Polizist auf sie zielt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

21:45 15.11.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2