Schau mal, was da blüht

Weltwirtschaft 2012 wird die Wachstumsrate noch nicht auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. Doch es gibt Hoffnung – wenn keine Ölkrise ausbricht

Die Ökonomen spüren wieder den Frühling. Wie schon 2010 und 2011 gibt es auch zu Beginn des Jahres 2012 Zeichen, dass das weltweite Wirtschaftswachstum wieder anspringt. In den beiden Vorjahren haben sich diese Zeichen als trügerisch erwiesen.

Doch dieses Jahr könnte zumindest in den USA die Trendwende tatsächlich geschafft sein. In den vergangenen drei Monaten hat die US Wirtschaft 734.000 Stellen geschaffen, so viele wie zuletzt im Jahr 2006. Dadurch ist die Arbeitslosenquote auf 8,3 Prozent gefallen. Positiv entwickelt sich auch der US-Automarkt. Während der Krise ist das Durchschnittsalter der Autos auf Amerikas Straßen auf mehr als elf Jahre gestiegen – ein Allzeithoch. Doch nun scheinen die amerikanischen Konsumenten und Banken wieder Vertrauen gefasst zu haben und kaufen respektive finanzieren neue Autos. So lag die Zahl der Autoverkäufe im Februar 16 Prozent über dem Vorjahr und die Auslastung der US-Autoindustrie nähert sich 90 Prozent. Steigen die Umsätze weiter, müssen die Firmen neue Mitarbeiter einstellen und neue Maschinen kaufen – der Beginn eines selbsttragenden Aufschwungs.

Chinas Regierung steht vor einem Dilemma

Ähnlich sieht es auch im Häusermarkt aus. Eigentlich steigt in den USA die Zahl der Haushalte parallel mit der Bevölkerung. Doch in den Jahren 2008, 2010 und 2011 ist die Zahl der Haushalte trotz wachsender Bevölkerung gesunken. Wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit konnten es sich junge Leute nicht leisten, bei den Eltern auszuziehen. Und damit war auch die Nachfrage nach Möbeln, Fernsehern und Waschmaschinen unterhalb des langfristigen Trends. Doch nun wird es vielen Leuten bei den Eltern zu eng und die Nachfrage nach Häusern zieht wieder an. Damit steigt die Beschäftigung im Baugewerbe und der Industrie, die Arbeitslosigkeit sinkt weiter und immer mehr Menschen haben wieder die Mittel und das Vertrauen, um zu kaufen, kaufen, kaufen. In einer Volkswirtschaft, wo der private Konsum mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, ist dies der entscheidende Faktor.

In Europa ist die Lage weniger rosig. In Griechenland, Italien, Spanien und Portugal wird die Wirtschaft dieses Jahr um mehr als ein Prozent schrumpfen und die Niederlande, Belgien und Frankreich erwarten eine milde Rezession. Damit dürfte die gesamte EU einen leichten Abschwung verzeichnen, da die Wachstumslokomotiven rund um die Ostsee, also Deutschland, Polen und die skandinavischen Länder, den Rückgang in den Mittelmeeranrainern nicht auszugleichen vermögen.

Trotzdem hat sich die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation in Europa aber deutlich aufgehellt. Grund dafür ist die von außen gesehen erfolgreiche Umschuldung Griechenlands. Der „größte Staatsbankrott der Geschichte“ (The Economist) hat zu keinen Verwerfungen an den Finanzmärkten geführt, und auch die Auszahlung der berüchtigten Kreditausfallversicherungen hat noch keinen Emittenten dieser „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ (der Investor Warren Buffet) in Schwierigkeiten gebracht. Selbst die Ansteckung weiterer Problemländer mit dem Pleitevirus blieb weitgehend aus.

Damit haben sich die schlimmsten Horrorszenarien als falsch erwiesen, und das Vertrauen in das Krisenmanagement der europäischen Politiker ist wieder gestiegen. Nachdem Griechenland monatelang die Schlagzeilen dominiert hat, fällt vielen Marktteilnehmern jetzt wieder auf, wie klein das Land ist. Zur Beruhigung der Märkte haben außerdem die beiden Marios beigetragen: Mit Mario Monti als Regierungschef in Rom rückt wieder die solide Industriestruktur Italiens ins Blickfeld, und sein Landsmann Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat Europas Banken mehr als tausend Milliarden Euro an billigen Dreijahreskrediten zur Verfügung gestellt. Dies zeugt zwar nicht von der Solidität des europäischen Bankensystems, trägt aber zumindest vorübergehend zur Entspannung bei, da die EZB damit demonstriert, dass sie eingreifen kann und es auch tut.

Bleibt also Asien. Hier zeichnet sich eine Verlangsamung des Wachstums ab. Wegen des hohen Ölpreises und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Europa haben Länder wie China, Indien, Südkorea und die meisten ASEAN-Staaten ihre Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Ausnahmen sind einzig die Länder Japan und Thailand, wo der Wiederaufbau nach dem Tsunami respektive den Überschwemmungen wie ein gigantisches Konjunkturprogramm wirkt und im Vergleich zum Katastrophenjahr 2011 dieses Jahr mit einem gesunden Wachstum zu rechnen ist.

Besonders schwierig ist die Lage in China einzuschätzen, denn die Regierung in Peking steht vor einem Dilemma: Zum einen hat sich das Wachstum deutlich verlangsamt. Wegen der relativ hohen Inflation verbieten sich zum anderen aber Stimulusmaßnahmen. Gleichzeitig steht dieses Jahr ein Führungswechsel an: Präsident Hu Jintao gibt sein Amt an Xi Jinping ab. Daher hat das kommunistische Regime heuer ein besonders großes Interesse an stabilem Wachstum von mehr als acht Prozent. Dieser Wert gilt als Minimum, um soziale Spannungen zu vermeiden.

Rationale Akteure verzweifelt gesucht

Doch an der Inflationsfront zeichnet sich eine leichte Entspannung ab, und so erwarten Ökonomen, dass China auch dieses Jahr wieder gigantische Beträge in die Infrastruktur des Landes investieren wird. Das Problem: Eigentlich ist die Investitionsquote mit 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu hoch und müsste zugunsten des privaten Konsums zurückgefahren werden. Außerdem ist unklar, ob sich die vielen Großprojekte überhaupt noch rechnen und nicht als Investitionsruinen enden werden. Aber dies dürfte Peking dieses Jahr egal sein, solange nur der Machtwechsel geordnet vonstattengeht.

Trotz der Aufhellung in den USA wird die Weltwirtschaft somit noch nicht auf die Trendwachstumsrate der Jahre 1995 bis 2007 von etwas mehr als vier Prozent zurückkehren. So hat der Internationale Währungsfonds (IWF) im Januar seine Wachstumsprognose für 2012 um 0,75 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent gesenkt. Aber auch diese niedrigere Rate hängt davon ab, dass die Weltwirtschaft keine weiteren Schocks zu verkraften hat.

Eine besondere Gefahr geht dabei von der Entwicklung des Israel-Iran-Konflikts und somit des Ölpreises aus. Mit 125 Dollar für ein Barrel Nordseeöl enthält der Ölpreis bereits heute eine Angstprämie, die bei einer Eskalation im Mittleren Osten schnell weiter ansteigen kann. Wie immer bei Ökonomen beruhen also auch deren Frühlingsgefühle auf der Annahme, dass sich alle Akteure „ökonomisch rational“ verhalten – was im Mittleren Osten aber bekanntlich nicht der einzige Maßstab ist.

Christian Mihatsch lebt und arbeitet in Bangkok. Er bloggt auf

weltinnenpolitik.net

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07:00 29.03.2012

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