Schau mich überhaupt mal an

Im Kino In "Schau mich an" von Agnès Jaoui grassiert die Übellaunigkeit, es kommt dennoch zum Happy End

Wer im Kino bereits den Trailer von Schau mich an gesehen hat, wird einen ganz anderen Film erwarten. Die ungewöhnlich aufwändige Vorschau besteht aus drei Teilen mit den vermeintlich besten Szenen aus Agnès Jaouis Spielfilm. Man muss den Eindruck einer flotten, sarkastischen Komödie gewinnen. Das hat der Film nicht nötig. Denn weder ist er eine Komödie, noch sonderlich schnell erzählt. Vielmehr handelt Schau mich an vom falschen Leben und seinen Zumutungen, und davon, dass nur darin bestehen kann, wer am falschen Leben teilnimmt, ohne aufzuhören, vom richtigen zu träumen. Peter Sloterdijks "aufgeklärtes falsches Bewusstsein" gibt in dieser mit leichter Hand inszenierten Gesellschaftssatire den deprimierten Grundton an. Dementsprechend laufen alle Beteiligten mit einem latent schlechten Gewissen herum. Das ist sicherlich ironisch angelegt, aber nicht sonderlich lustig und vergnügt.

Bekanntlich verleiht uns Zuschauern der Anblick fremden Leids eine gewisse Erleichterung. Man kann damit sympathisieren, aber der Charakter einer kognitiven Triebabfuhr ist eben auch nicht zu leugnen. Nur so ist die Übellaunigkeit der Protagonisten in Schau mich an zu ertragen. Die 20-jährige Lolita (Marilou Berry) leidet unter einem beachtlich negativen Selbstbild. Schon äußerlich ist sie das blanke Gegenteil von Nabokovs junger Heldin, eher unscheinbar, pummelig und schüchtern - klare Handicaps in einer grellen Welt. Als Tochter des einflussreichen Schriftstellers und Verlegers Etienne Cassard (Jean-Pierre Bacri) beschleicht sie fortwährend das Gefühl, nicht um ihrer selbst willen geliebt, sondern als Mittel zum Zweck benutzt zu werden. Ihre Verehrer begehren nicht sie, so ihre Überzeugung, sondern die Protektion ihres Vaters. Niemand schaut sie an.

Das trifft Lolita um so stärker, als ihr Vater jedem seine Aufmerksamkeit zu schenken bereit ist, nur nicht ihr. Seit Wochen liegt ein Tonband mit Chor-Aufnahmen, an denen sie mitgewirkt hat, in seinem Bücherregal herum, ohne dass er sich die Mühe machte, einmal hineinzuhören. Wenn die beiden aufeinander treffen, schaukelt sich ihre schlechte Laune jedes Mal gegenseitig hoch, und es kommt schnell zum Eklat. Lolita fühlt sich vom Vater ignoriert und missachtet, und der empfindet sie als "herumlaufenden Vorwurf", dem er sich nicht gerne stellt, sondern lieber aus dem Weg geht. Eindringlich fängt der Film die Mechanismen einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung ein, nach der die falsche Wahrnehmung einer Situation ein Handeln hervorruft, das jenen Eindruck wahr werden lässt. Nicht nur von ihrem Vater wird Lolita so behandelt, wie sie es ihm ohnehin unterstellt: als Bündel und Last. Dass sie überdies den Eindruck anderer, bloß Tochter eines einflussreichen Vaters zu sein, selbst noch nährt, indem sie damit ihre eigenen Interessen verfolgt, macht ihren Defätismus nicht gerade erträglich.

Hiermit steht sie allerdings nicht die allein da. Schau mich an präsentiert einen Reigen missgestimmter Leute, die ständig Kompromisse eingehen, sich den Mächtigen beugen und innerlich nur schwer dafür gerade stehen können. So gelangt etwa der Nachwuchsschriftsteller Pierre (Laurent Grevill) über seine Frau Sylvia (von der Regisseurin Agnès Jaoui dargestellt), Lolitas Gesangslehrerin, an Etienne Cassard heran, der ihm ein hoch dotiertes Angebot für sein nächstes Buch unterbreitet und Pierre veranlasst, sich von seiner alten Verlegerin, die ständig Unheil wittert, zu trennen. Im Gegenzug muss Pierre sich der durchsetzungsfähigen Arroganz von Etienne unterordnen, die gleich in der Anfangsszene demonstriert wird, als Lolita sich gegen einen brummigen Taxifahrer nicht recht zu wehren vermag. Ihr auf dem Weg dazu stoßender Vater hingegen weiß ihn sofort mit einigen scharfen Worten zur Räson zu bringen.

Das Netz von Verstrickungen und Abhängigkeiten, Machtdemonstrationen und Willfährigkeiten, das diesen Gesellschaftsreigen umreißt, lässt sich anscheinend nicht auflösen. Regisseurin Agnès Jaoui, deren erst zweite Regiearbeit Schau mich an ist, hat sich bei ihrer präzisen und doch sensiblen Analyse der menschlichen Widersprüche für einen vielleicht etwas naiven Perspektivenwechsel entschieden. Die grassierende Selbstbezogenheit und Missachtung des anderen wird von Sébastien (Keine Bouhiza) durchkreuzt, an dem Lolita Selbstlosigkeit praktizieren kann und dieselbe dann auch von ihm zurück erhält. Ein naturwissenschaftliches Gesetz lässt sich daraus nicht ableiten. Vielleicht aber eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Das richtige Leben im falschen zu führen, ist dann möglich, wenn das notwendige Einverständnis mit der Welt sich seiner Lüge gelegentlich selbst überführt. Ohne dieses Fazit und mit etwas größerer Freiheit beim Überzeichnen wäre aus Schau mich an eine rabenschwarze Komödie geworden. Aber auch ein anderer Film.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 19.11.2004

Ausgabe 23/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare