Schaukampf um die Lehrerin

Iran Eine Dozentin wird zur "Top-Spionin". Die 24-jährige Clotilde Reiss gerät in das Mahlwerk der iranisch-französischen Feindseligkeiten

Das iranische Regime manövriert sich immer mehr ins moralische Abseits. In einem Brief des Präsidentschaftskandidaten Mehdi Karrubi an den Ex-Präsidenten Abkar Hachemi Rafsandshani klagt der Verfasser das herrschende Regime an, Verhaftete zu foltern: "Und eine gewisse Zahl von ihnen hat bestätigt, dass junge Frauen und junge Männer grausam misshandelt und vergewaltigt wurden. Einige davon so brutal, dass Ärzte Verletzungen und Wunden im Genitalbereich festgestellt haben", heißt es wörtlich.

Hossein Mussawi, der andere unterlegener Bewerber bei der umstrittenen Wahl vom 12. Juni, ist vorsichtiger und spricht von "mittelalterlicher Behandlung" von Gefangenen. Als selbst konservative Parlamentarier dagegen protestieren, dass im berüchtigten Gefängnis Kahrizak drei Menschen zu Tode gefoltert wurden, lässt Revolutionsführer Chamenei die Einrichtung vor Wochenfrist schließen. Der Polizeichef Esmail Ahmadi Maghadam und drei seiner Mitarbeiter werden entlassen, nachdem sie öffentlich "Fehler und Exzesse" eingestehen müssen.

80.000 Euro Kaution

Wie er innere Druck auf das Regime gewachsen ist, belegt ein hilfloser Ablenkungsversuch. Um gegenzusteuern, werden "ausländische Kräfte" beschuldigt, sie hätten es darauf abgesehen, den Iran zu destabilisieren. Seit dem 1. August laufen mehrere Schauprozesse, die das belegen sollen. Am 8. August präsentierte der 15. Revolutionsgerichtshof die 24-jährige französische Lektorin Clotilde Reiss als Drahtzieherin und Organisatorin von Massenproteste. Sie arbeitet erst seit fünf Monaten an der Universität Isfahan und wird am 1. Juli verhaftet, als sie den Iran auf dem Luftweg verlassen will.

Mit ihr angeklagt sind Nazak Afshar, die seit 18 Jahren in der Kulturabteilung der Botschaft Frankreichs in Teheran arbeitet, und Hossein Rassan, ein Analyst der britischen Botschaft. Nach Protesten von Außenminister Miliband gegen ein solch "inakzeptable Verhalten" wird Rassan gegen 80.000 Euro Kaution freigelassen.

Nicht jedoch Clotilde Reiss und Nazak Afshar, mit denen härter verfahren wird. Die Vorwürfe des Chefanklägers Abdulreza Mohabati – besondere gegen Reiss – wirken grotesk. Die Dozentin soll "einen Plan zum Sturz der Regierung" verfolgt haben, der Teil eines "internationalen Komplotts" sei. Vor Gericht räumt die Angeklagte ein, sie habe an zwei Demonstrationen teilgenommen, außerdem Fotos verschickt, die mit ihrem Handy entstanden seien. Schließlich "gesteht" sie, einen etwa einseitigen Bericht an das französische Forschungsinstitut, das der Kulturabteilung der Botschaft angegliedert ist, gesandt zu haben.

Der Auftritt der fließend Farsi sprechenden Lektorin vor Gericht erinnert an eine übliche Inszenierung – es gab die in Schauprozessen gebräulichen "Geständnisse", das Einräumen von Fehlern, Reue sowie die Bitte um "Verzeihung" und "Gnade", die sowohl das "iranische Volk" als auch das "iranische Gericht" erweisen mögen. Die reine Farce: Verteidiger fehlen oder kommen nicht zu Wort. Zugelassen sind allein die regierungsnahe Presse und das Staatsfernsehen mit seinen Live-Übertragungen.

Hardliner Sarkozy

Dass die Teheraner Justiz mit der Lektorin einen kleinen Fisch als Top-Spionin präsentiert, hat wohl auch etwas mit den Spannungen zwischen Frankreich und Iran zu tun. Der Vater von Clotilde Reiss arbeitet als Ingenieur im französischen Kommissariat für Atomenergie. Seine Tochter legt das "Geständnis" ab, sie habe ein Praktikum in der Behörde des Vaters absolviert und eine Studie zur Nuklearpolitik des Irans verfasst. Außenminister Kouchner bestreitet das und hält Clotilde Reiss für "völlig schuldlos". Dass sie in geheimdienstliche Operationen eingebunden war, ist möglich, aber bisher durch nichts bewiesen.

Dass es zwischen Paris und Teheran gewaltig knistert, lässt sich bei diesem Prozess kaum überhören. Präsident Sarkozy gibt gern den Hardliner, wenn es um Sanktionen gegen das Atomprogramm der Mullahs geht. Um so mehr empfindet die Regierung Ahmadinedschad französische Pläne als bedrohlich, in Abu Dhabi neben zwei Kernkraftwerken eine Militärbasis zu errichten. Den Vertrag dazu gibt es freilich schon seit Januar 2008, wie sich überhaupt der strategische Wert dieser Bastion schwer beurteilen lässt. Offenbar will Sarkozy damit weniger den Iran bedrohen, als den USA und Israel sowie Russland und China signalisieren, dass er mitreden wolle, sollten irgendwann Militärschläge gegen das Atomprogramm des Iran erwogen werden.
Nach heftigen Protesten aus Paris gegen die Haft von Clotilde Reiss wird in Teheran eine "schnelle Lösung" in Aussicht gestellt. Offen bleibt: Warum waren die Proteste der Franzosen so flau, als nach dem 12. Juni zunächst "nur" Iraner verhaftet wurden?

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07:00 12.08.2009

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