Schäumendes Wasser im Canyon

Durch den Staatenbund aus Serbien und Montenegro Noch ist nicht entschieden, wohin die Reise geht

Das Attentat auf Djindjic war eine Tragödie", meint Ivan Vejvoda. Als Politologe hat er den im März erschossenen Premierminister in der Außenpolitik beraten wie heute dessen Nachfolger Zivkovic. "Aber eine Tragödie", fügt er hinzu, "die auch einen Keim neuer Hoffnung in sich trägt. Es gibt ein Aufwachen - in den Institutionen wie auf der Straße. Man schaut nicht mehr weg, endlich werden die bekannten schwarzen Autos gestoppt ..."

Optimistisch und eloquent philosophiert er über einen serbischen Pragmatismus, den man brauche, um der Europäischen Union näher zu kommen. "Es wird noch 2003 entschieden, ob Serbien im Bund mit Montenegro oder allein in Richtung Europa geht." Eine "Mini-Regatta zwischen zwei Staaten" nennt er das während unseres Gesprächs im Café des berühmten Belgrader Hotels Moskau.

Deutlich weniger Zuversicht übermannt den Historiker Aleksa Djilas beim Durchforsten der Zukunft. Der Sohn des jugoslawischen Dissidenten Milovan Djilas (1911-1995) glaubt, dass Serbien sehr lange wie ein Provisorium leben wird, er zeichnet ein eher düsteres Bild. Überstürzt sei in den Wochen nach dem Attentat auf Djindjic verhaftet worden. "Rache fand man häufiger als Recht." Ein neuer Personen- und Totenkult breite sich aus, schon plane man, Straßen und Plätze nach Djindjic´ zu benennen. "Manchmal ist diese ganze Europa-Rhetorik auch nur eine andere Form von Chauvinismus. Warum kümmern wir uns nicht zuerst um das Verhältnis zu sämtlichen Nachbarn? Für die meisten heißt Europa ohnehin nur: bequemere Wohnung, schönere Kleidung, schnellere Autos, besser leben."

Wer nicht wie die Eliten des Staatenbundes das Flugzeug nach Podgorica nehmen kann, sondern mit dem Auto, dem Linienbus oder der Eisenbahn quer durchs Land in die Hauptstadt Montenegros fährt, dem fällt ein erschreckendes Nord-Süd-Gefälle auf - vom ungarisch-österreichisch geprägten Norden Serbiens bis zum muslimischen Sandzak. Nach den weitläufigen Ebenen um Belgrad werden die Landschaften hügliger, wilder, reizvoller - die Dorf ärmer. Auf maroden Traktoren fahren Bauern über karge Felder. Nur in wenigen der rostzerfressenen Fabriken wird gearbeitet. Und im Sandzak - dem Dreiländereck aus Serbien, Montenegro und Bosnien - stechen aus Elendsquartieren Glitzer-Minarette in den Sommerhimmel.

An verloren vor sich hindämmernden Bus-Bahnhöfen wird gehalten zur Kaffeepause. Bezahlt wird nicht mehr in Dinar, sondern in Euro. Montenegro ist das einzige Land, das nicht zur EU gehört und doch den Euro als Landeswährung führt. Das nährt die kapriziösen Hoffnungen der Anhänger einer Unabhängigkeit ohne Wenn und Aber. Würden die sich durchsetzen, wäre Montenegro der kleinste Staat Europas, aber ein Staat, der fast alle Landschaften vorweisen könnte, die der Kontinent zu bieten hat - Mittel- und Hochgebirge, Bergseen, das Meer, Fjorde, Schluchten, Wälder, Flüsse, weite Ebenen.

Die Weiterfahrt führt über kühn geschwungene Brücken und in den Fels gesprengte Straßen, wahre Meisterwerke der Ingenieurskunst kann der Reisende bestaunen. In den Felsschluchten brodelt das Wasser der Tara - unweit der Hauptverkehrsstraße soll sie die nach dem Colorado River tiefste Schlucht der Welt in den Kalkstein gewühlt haben. Später öffnet sich wie in einem Amphitheater die Landschaft zu einer Hochebene. Das aufbrausende Wasser des Canyons fließt ruhiger, der Fluss umspült nun bizarre Inseln aus Geröll und verfaulendem Holz; absterbende Bäume krallen sich in die kärgliche Erde am Ufer, dann aber wird die Tara erneut in das enge Becken einer Schlucht gezwungen. Das Wasser kommt wieder in Trab, schaumgekrönte Wellen zeigen es an.

Im Bus spielt ein alter Mann auf einer Guslar - einem traditionellen, einsaitigen, gitarrenähnlichen Instrument. Der Schaffner setzt sich zu ihm, blinzelt durch das verdreckte Fenster. Wilde Autofriedhöfe am rötlich-grauen Skutari-See, einem der Nationalparks, ziehen vorbei. Bereits 1992 hatte sich Montenegro per Verfassung zum "Ökologischen Staat" erklärt. Der gute Vorsatz konnte der Realität bis heute wenig anhaben. Wie auch?

Hinter den Bergen und jenseits der Pinienhaine stehen die Büsche am Straßenrand ganz still, nur der Alte spielt noch auf seiner Guslar. Der Bus schleicht durch Dörfer, die sehen aus wie von Krieg und Frieden verlassen, teilweise zerfallen, aber noch bewohnbar. Wäsche tropft von der Leine, Kinder rennen über Schutthalden und winken dem Bus. Männer schlagen Zeit tot durch Herumstehen, Rauchen, Palavern und starren dem Gefährt hinterher wie dem verlorenen Tag. Aber da zieht schon der Straßenstaub seinen Vorhang, und sie verschwinden.

So schmal die Straßen im Norden Montenegros auch sein mögen, dem Verkehrsstrom kann das wenig anhaben: Lastzug reiht sich an Lastzug - Transporte aus Deutschland und Österreich überwiegen. Einige halten das UN-Protektorat Kosovo am Leben, andere Montenegro. Westliche Waren werden teuer verkauft im Land der schwarzen Berge. Während die eigene Landwirtschaft darbt, gibt es deutsche Billigbutter zu horrenden Preisen. Insider wie Ivan Vejvoda gehen sogar soweit, diese Export-Import-Geschäfte als das einzige wirtschaftliche Fundament Montenegros zu bezeichnen. "Deshalb müssen wir ja zusammen gehen", meint der Berater der serbischen Regierung, "einzeln sind wir zu schwach."

"Der serbische Nationalismus spaltet noch immer", hält Milan Popovic von der Universität in Podgorica dagegen. Die serbische Akademie hier sei nach wie vor ein "Hort der Nationalisten" und Slobodan Milosevic bei Umfragen unangefochten. Popovic plädiert für die Unabhängigkeit und fühlt sich vom Westen hingehalten. Erst habe man Montenegro mit der D-Mark und später dem Euro in Richtung Eigenständigkeit gelockt, dann aber den Staatenbund mit Serbien erzwungen. "Wir wollten unsere Souveränität und müssen nun sehen, wie wir durch Javier Solana und die EU im Stich gelassen werden. Im Grunde genommen paktiert Brüssel mit den alten Kadern."

Soviel steht fest, eindeutige Mehrheiten gibt es weder für die Unabhängigkeit noch den Staatenbund, der zwischen zwei höchst ungleichen Partner gestiftet wurde. Allein von der Einwohnerzahl her ist Serbien 15 Mal größer als Montenegro. So führt die Gleichheit der zwei Ungleichen zu einer absurden Verzerrung des demokratischen Leitmotivs "Eine Person - Eine Stimme".

In den City-Cafés von Podgorica, aus denen lauter Pop dröhnt, regt das keinen auf, hier trägt man Designerbrillen auf der Stirn und dünne schwarze Lederjacken, schon Montagvormittag ist die Flaniermeile der Stadt gut besucht. Ein kleines Bier kostet doppelt so viel wie ein großes um die Ecke, jenseits der blasierten Blässe. In der City treffen sich die Kinder der Neureichen, die ihr Geld zumeist durch - siehe oben - Import-Export machen und dabei sein wollen beim langen Marsch ins Schlaraffenland Europa. Manche verschulden sich und leben in Abrisswohnungen, um das Geld für Designerchic und Kneipenauftritt zu sparen - Opfer müssen sein.

Auch Roma-Clans, die wie Grillen ihre Flügel verschenkt haben, um in Podgorica sesshaft zu werden, versuchen ihr Glück. Es hat sie an die Ausfallstraßen verschlagen, die Kinder betteln aggressiv Passanten an, eine Frau mit einem schlafenden Baby fleht ihre Bitte um Geld leise und hingebungsvoll hinterher, eine Alte sitzt auf einem Mauervorsprung, im Schoß eine Schale mit Münzen. Und drei Jungen sind da noch, die versuchen, bei Ampelrot die Scheiben wartender Autos zu putzen. Natürlich dürfen die Männer, die Familienoberhäupter, nicht vergessen werden, die halten sich abseits und haben alles im Blick. Nur manchmal lässt der Wind ein bisschen Staub am Straßenrand fallen und legt den Männer seine Hand auf die Schulter, um sie in ihrer Ruhe zu stören, aber auch das geht vorbei.

An seiner Endstation angekommen, hält der Überlandbus in Bar, der größten Hafenstadt des Staatenbundes. Besonders die Adriaküste nährt die Hoffnung auf eine Renaissance des Tourismus. Die meerumspülte Altstadt von Budva und die Ferieninsel Sveti Stefan, der palmenumsäumte Fjord von Kotor und die Sandstrände nahe Ulcinj - man erinnert sich allmählich wieder der montenegrinischen Küste, die in den achtziger Jahren viele Westeuropäer anlockte mit ihren lichten Stränden und dunklen Altstädten. Im nächsten Jahrzehnt sollen hier Hotels und Strände dank westlicher Investoren ausgebaut werden. Unterstützt wird das Großprojekt durch einen vom deutschen Tourismusexperten Johann Friedrich Engel initiierten Masterplan. Doch noch zögern europäische Reiseunternehmen, in Größenordnungen einzusteigen, und beschränken sich auf wenige Enklaven wie die von Seeräuberromantik durchwehte Insel Sveti Stefan. Das Spekulationsgeschäft mit lukrativen Grundstücken und Gebäuden blüht. Mehr denn je werden die Claims zwischen den verschiedenen Seilschaften der montenegrinischen Geschäftswelt abgesteckt.

Vom Hafen in Bar führen verschiedene Routen in die Welt; das verarmte Albanien liegt gleich nebenan, aber auch eine Überfahrt nach Bari in Italien, ins Gelobte Land Europa, beansprucht nicht sonderlich viel Zeit.

00:00 13.06.2003

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