Schein-Beschäftigung

Indien Regierungschef Narendra Modi arbeitet an der Abschaffung des Bargeldes, um sich als Robin Hood zu inszenieren
Schein-Beschäftigung
Herr Patkar muss kein Papier mehr zählen

Foto: Julia Wadhawan

Swapnil Patkars Hand greift unter den Ladentisch und zieht das EC-Gerät heraus: schwarz, mit grauen Gummiknöpfen, eine feine Staubschicht bedeckt den Bildschirm. Ob ich damit ein paar Kekse kaufen könnte? Leider nein, „Serverprobleme“, sagt Patkar und steckt das Gerät wieder weg. Ein Moment der Ratlosigkeit, ich halte schon einen Schein in der Hand, da schreitet der Mann neben mir ein. „Wir machen das trotzdem ohne Bargeld!“, ruft Ranjit Savarkar, öffnet eine App auf dem Smartphone. „Ha! Schon bezahlt – cashless!“ lacht er triumphierend. Dann beugt er sich zu mir: „Das Geld können Sie mir geben.“

Willkommen in Dhasai, dem ersten „bargeldlosen Dorf“ im südindischen Bundesstaat Maharashtra. Seit dem 1. Dezember 2016 ist die Stadt zum Pilgerort für Journalisten geworden, mehr als 70 wollen Initiator Ranjit Savarkar und Ladenbesitzer Swapnil Patkar seitdem empfangen haben. Die Reporter suchen nach dem, was Premierminister Narendra Modi von der Regierungspartei BJP seit eineinhalb Jahren als „Cashless India“ bewirbt. Ja, richtig, die größte Demokratie der Welt schafft das Bargeld ab – jedenfalls ist das der Plan. Er ist Teil einer groß angelegten „Digital India“-Kampagne, 2015 ausgerollt von Modis Regierung. Sie will damit die Verwaltung und Wirtschaft des Landes digitalisieren.

Die Zukunft von Dhasai, einem kleinen Dorf 100 Kilometer östlich von Mumbai, zwischen grünen Reisfeldern und Mangobäumen, ist ein weiß-oranger Kastenbau ein paar hundert Meter von Patkars Laden entfernt: Vor den dunklen Wellblechdächern leuchtet die „e-lobby“ der Bank of Baroda. Drinnen glänzende Fliesen, links drei Geldautomaten, an der Wand hängen Listen mit Namen: Neukunden, die bald ihre Bankkarten abholen können. Zwei Männer in hellblauen Hemden stehen im Raum wie vergessen.

Der eine, Pandurang Viche, ist der neue Wachmann. Als Tagelöhner verdiente er mal 300 Rupien am Tag, circa 3,80 Euro, mal nichts. Die Sicherheitsfirma zahlt ihm monatlich 6000 Rupien. Der andere, Kuldip Wagh, 24, eröffnet Konten für Menschen auf dem Land. Er ist Bankkorrespondent. Für jedes eröffnete Konto bekommt er eine Provision. Seit Indien das Bargeld ausging, ist das in Dhasai ein lukratives Geschäft.

Es war der 8. November 2016, als Premierminister Modi um 20 Uhr vor die Fernsehkameras trat und sagte: „Ab Mitternacht sind alle 500- und 1.000-Rupien-Scheine ungültig.“ 86 Prozent des gesamten Bargelds, innerhalb von Stunden: wertlos. Bürger sollten einige Wochen Zeit haben, um das alte Geld gegen neues zu tauschen. Wer mehr als eine bestimmte Menge einzahlte, kam auf den Radar des Finanzamts. So wollte Modis Regierung Steuervermeider fischen, Schwarzgeld eliminieren und den Terrorismus bekämpfen. Nur: Indiens gesamte Wirtschaft läuft zu 80 Prozent über Cash.

Vermögen in Steueroasen

Am nächsten Tag blieben alle Banken geschlossen. Dann brach das Chaos herein. Wochenlang standen Indiens Bürger vor Bankfilialen Schlange, manche kollabierten in der Hitze und starben, Arbeiter bekamen keinen Lohn, Hausfrauen demonstrierten, weil sie kein Essen kaufen konnten, die Wirtschaft brach ein. Ein paar Kilometer von Dhasai entfernt stürmten Bewohner eine Bankfiliale. Ranjit Savarkar konnte die Aufregung nicht verstehen. Er hat sich vor Patkars Laden an der Kreuzung in einen Plastikstuhl gesetzt. Hier kam er her, auch damals. Der beleibte Mann mit dem herzhaften Lachen ist Teil der oberen Mittelschicht, im Ort leitet er ein Jungeninternat, in Mumbai eine Stiftung. Bargeld trägt er keines bei sich. Sein Frühstück auf dem Weg nach Dhasai bezahlt der Fahrer, seine Frau Chitra kauft ein. Dass die Menschen in Dhasai die Fassung verloren, machte ihn stutzig. „Warum bezahlen die Menschen nicht einfach mit Karte?“, fragte er. Aber weder Patkar noch die anderen Händler besaßen Kartenlesegeräte. Die Anschaffung ist teuer, die Gebühren zu hoch, niemand verwendete sie.

Es ist das alte Lied von dem Indien der zwei Geschwindigkeiten. In dem Land mögen die meisten Facebook-Nutzer der Welt leben, trotzdem hat nur rund ein Drittel Zugang zum Netz. Gerade mal die Hälfte der Bevölkerung besitzt überhaupt ein Konto, in den anderen BRICS-Ländern sind es im Schnitt 70 Prozent. Großen Teilen der Landbevölkerung war die Institution „Bank“ lange fremd. Und wenn sie doch ein Konto hatten, nutzten es viele nicht: Weil sie sich in Bankfilialen nicht willkommen fühlten – oder nicht wussten, was sie dort machen sollten. Cashless India ist vor allem eine urbane Fantasie.

Savarkar brachte sie nach Dhasai, am 1. Dezember 2016. Er fragte fünf Banken an, eine schickte schließlich Mitarbeiter und EC-Geräte. Ein Foto in einer indischen Tageszeitung zeigte eine Menschenmenge in Dhasai, ihre Bankkarten hochhaltend, mittendrin der Finanzminister von Maharashtra. Es gibt diese Orte im ganzen Land, sie sind Aushängeschilder der umstrittenen Bargeldreform. Von der Steuerreform abgesehen, hat kaum eine Regierungsinitiative in den vergangenen eineinhalb Jahren mehr Aufmerksamkeit erzeugt.

Vor allem die bürgerliche Mitte applaudierte Narendra Modi, weil er ein Zeichen setzte, dass Korruption keinen Platz mehr in Indien hat. Mit diesem Versprechen war er angetreten. Ob das funktioniert, darf mindestens bezweifelt werden. Experten warnten vor der Entgeldung – Demonetisation, wie sie in Indien genannt wird –, zumal Modis Anlauf nicht der erste dieser Art ist. Bereits 1946 und 1978 verloren die 500-, 1.000- und 10.000-Rupien-Scheine von einem auf den anderen Tag ihre Gültigkeit. Beide Male sollten so Schwarzgeld aus dem Markt verbannt und Steuervermeider gefangen werden. Beide Male brach Chaos im Land aus, doch die Wirksamkeit der Maßnahme wurde von vielen angezweifelt. Beide Male kamen 99 Prozent der Scheine zurück. Das ist ein Zeichen dafür, dass kaum Bargeld in illegalen Schubfächern lagerte – oder über andere Wege zurück ins System fand.

„In den Köpfen der Menschen ist Schwarzgeld gleich Bargeld“, sagt Arun Kumar. „Das ist falsch.“ Der emeritierte Professor mit dem Weihnachtsmannbart ist Experte für Indiens Schattenwirtschaft. Ein Großteil des Schwarzgeldes lagere nicht bar, sondern in Immobilien oder auf ausländischen Konten. Indisches Vermögen in ausländischen Steueroasen hat sich laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zwischen 2007 und 2015 fast verdoppelt. „Die indische Elite“, sagt Kumar, „ist gesetzlos. Um etwas zu ändern, müssen sich starke Bürgerbewegungen bilden.“

Wieso ging Modi trotzdem diesen Schritt, wenn seine Wirksamkeit alles andere als gesichert war? Schon 1978 kritisierten einige die Entgeldung als politischem Kalkül entsprungen und warfen der Regierung vor, damit auf geheime Kassen der Oppositionsparteien zu zielen. Eine ähnliche Agenda vermutet Kumar auch diesmal. „Für den Premier war es ein politischer Schritt: Er wollte sich als Robin Hood inszenieren. Ich nehme von den Reichen und gebe es den Armen.“ Modi, der vom Teeverkäufer zum wichtigsten Mann im Staat wurde, pflegte damit sein Image als Ritter der Benachteiligten. Als Chef einer hindu-nationalistischen Partei, der BJP, der Hass gegen Muslime und Kastendenken vorgeworfen wird, ist das vielleicht seine größte Stärke. Politisch geschadet hat die Kampagne Modi offenbar nicht: Die BJP gewann im vergangenen Jahr mehrere Wahlen in wichtigen Bundesstaaten. Wirtschaftsexperte Kumar sagt: „Die Inszenierung ist ihm gelungen. Wirtschaftlich aber hat er versagt.“

Basis für einen totalitären Staat

Kritiker sagen, Indiens Wirtschaft habe sich auch eineinhalb Jahre später nicht vollständig erholt. Ende April vermeldeten mehrere Bundesländer Bargeldknappheit. Automaten gaben keine Scheine mehr her. Eine Begründung hatte die Indische Zentralbank nicht. Viele sehen darin eine Nachwehe der Entgeldung. Inzwischen ist Modi einen Schritt zurückgegangen. „Es ist richtig, dass eine 100-prozentig bargeldlose Gesellschaft unmöglich ist“, sagte er Ende 2017. „Aber wir können mit einer bargeldarmen Gesellschaft beginnen.“ Aus „Cashless India“ ist „Less Cash India“ geworden.

Für Ranjit Savarkar, dem Mann, der die EC-Geräte nach Dhasai gebracht hat, ging es sowieso nie um die Abschaffung des Bargeldes. Seine Vision ist eine der Behauptung: Land gegen Stadt. Er versucht, Konzerne dazu zu bringen, das Handynetz in der Region auszuweiten, damit mehr Menschen Bezahlapps nutzen können. Die Internetabdeckung der Landbevölkerung bleibt eine der größten Aufgaben von „Digital India“.

Die andere ist die Bildung. In Sultanpur, einem kleinen Ort zwei Autostunden östlich von Delhis Zentrum, lassen sich fünf Jugendliche in beige Plastikstühle fallen. An der Wand hängt ein Flachbildschirm, auf dem ein Video erklärt, wie man Kurznachrichten über ein Handy verschickt. Der Deckenventilator übertönt die Stimme des Sprechers, vielleicht schauen die jungen Zuschauer daher so angestrengt konzentriert. Vielleicht sollen sie aber auch genau so hier sitzen, für die Reporter.

Vipin Farshwal leitet diesen Kurs für „digitale Alphabetisierung“, ein schlanker Mann mit angegrauten Schläfen. Früher war er Lokaljournalist, jetzt betreibt er ein Bürgerzentrum. Die Regierung hatte dazu Gelder bereitgestellt. Die Kurse dauern bis zu 30 Tage. Am Ende müssen die Teilnehmer einen Test bestehen, mit jedem Abschluss verdient Farshwal 300 Rupien. In Sultanpur gibt es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Absolventen. „Wir haben eine hohe Abbruchrate“, sagt Farshwal. „Viele finden die Videos zu langweilig.“

Die Bargeldreform, sagen Befürworter, habe die Menschen in Indien dazu gezwungen, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Indien investiert im großen Stil in neue Technologien: Mit dem „Unified Payment Interface“ (UPI) hat die Regierung eine universelle Bezahlplattform geschaffen. Wer Geld darüber verschicken will, braucht nur die E-Mail-Adresse des Empfängers – und Handyempfang. In Regionen mit langsamem oder kaum Netz können Nutzer über GPRS Geld verschicken.

Dann gibt es noch „BHIM“: Ein Gerät liest den Fingerabdruck des Nutzers. Dieser ist mit der Adhaar-Nummer, der persönlichen Identifikationsnummer jedes Bürgers, verbunden. Für viele ist das ein Fortschritt, denn ein Großteil der Hilfsleistungen verschwindet in den Taschen korrupter Mittelsmänner. Direkter Geldtransfer soll das verhindern.

Der Internetaktivist Nikhil mahnt trotzdem vor blindem Fortschrittsglauben. Über die Identifikationsnummer Adhaar sammeln Staat und private Anbieter schon jetzt Unmengen von Daten. Die Zahlenfolge ist mit Konten verbunden, bald soll sie mit Gesundheitsdaten verknüpft werden. Die meisten Menschen könnten noch gar nicht verstehen, was das für ihre Rechte bedeute. „Adhaar legt die Basis für einen totalitären Staat“, findet Nikhil. Grundsätzlich habe er nichts gegen eine bargeldarme Nation, so der Aktivist. „Aber wir sind einfach noch nicht so weit.“ In Dhasai wischt mittlerweile nicht nur Patkar den Staub vom Kartenlesegerät. Seit das Geld wieder da ist, zahlen nicht mehr als drei Prozent damit. Vor der e-Lobby der Bank of Baroda setzen sich Bankkorrespondent und Wachmann auf die schattigen Stufen. Viche, der Wachmann, sagt: „Die Bargeldreform von Modi war gut, weil die Reichen ihr Geld einzahlen mussten. Sie hatten die Probleme, nicht wir.“ Und „Cashless India“? „Auch das ist gut. Wenn noch einmal so eine Reform kommt, haben wir unsere Karten.“

Es ist 11.14 Uhr am Samstag, als ein Mann auf einem Motorrad anhält. „Ist die Bank zu?“ Viche ruft ihm zu: „Das Geld ist aus!“ Das ist in Dhasai kein Problem mehr – solange der Server funktioniert.

Julia Wadhawan ist freie Journalistin und war 2017 als Stipendiatin des European Journalism Center in Indien unterwegs

06:00 05.06.2018

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