Scheissleben 2005

Berliner Abende Kolumne

Ein junger Mann spricht mich an, ob ich Zeit habe, ein paar Fragen zu meinem Leben zu beantworten. War das schon die erste Frage? Er lacht. Zeit habe ich. Mehr als mir lieb ist. Wenn ich an die Entwicklungen in den nächsten Wochen denke? Habe ich vor allem Befürchtungen. Meine gefühlsmäßige Verbundenheit mit der Bundesrepublik? Weiß ich nicht. Ich bin weder Mitglied in einem Verein noch in einer Gewerkschaft oder einem Verband. In die Bundesregierung habe ich kein Vertrauen mehr, hatte es aber mal. Um Vertrauen in Polizei und die Gerichte zu haben, müssten die sich für mein Gefühl ein bisschen mehr anstrengen. Da knallt ein Türke seine Schwester ab und kommt mit fünf Jahren davon. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West irgendwann ausgleichen. Nein, ich hatte keine konkreten Vorstellungen, was eine bestimmte Anzahl an Kindern betrifft. Jetzt geht das allein wirtschaftlich schon nicht mehr. Wie weiß man das, ob man einer Religionsgemeinschaft angehört? Ist man das nicht von Geburt an? Wie jetzt der Papst gestorben ist, habe ich auch gedacht, Religion sollte eine wichtigere Rolle spielen. Aber das mit den Muslimen geht so nicht. Vor fünf Jahren war meine wirtschaftliche Lage besser als heute. In fünf Jahren wird sie, wenn das überhaupt noch geht, vermutlich schlechter sein als heute. In den nächsten fünf Jahren umzuziehen habe ich nicht vor, außer ich werde von Herrn Hartz dazu gezwungen. Ausländer würden mich nicht stören, wenn sie sich den hiesigen Verhältnissen mehr anpassen würden. Weil ich nirgends Mitglied bin, bin ich auch kein Parteimitglied. Klar lehne ich die Republikaner ab.

Obwohl ich natürlich nichts gegen Frauen habe, halte ich es für keine gute Idee, eine Frau regieren zu lassen. Einfach vom Gefühl her. Schon allein, dass die Merkel sagt, dass sie dem Land dienen will, zeigt das. Deutschland muss geführt werden. Durch diese EU entfernt sich die Politik von den Menschen, und das Leben wird unsicherer und für die Menschen kommt zu wenig heraus und Gewinne machen nur einige große Konzerne und Banken. Natürlich trifft das nicht immer alles hundertprozentig zu. Diese Fragen nach der EU, da kenne ich mich nicht aus und bin ich auch nicht interessiert, also auf alles: Weiß nicht. Die Bedingungen, die zur sozialen Sicherheit gehören, werden sich eher verschlechtern. Die, die persönliche Sicherheit betreffen, werden sich auch eher verschlechtern. Ich bin meistens allein. Private Besuche bei Verwandten, Freunden oder Bekannten habe ich nie gemacht. Treffen in einer Kneipe oder einem Restaurant habe ich gemacht, kann ich mir jetzt nicht mehr leisten. Jetzt fange ich auch das mit den privaten Besuchen nicht mehr an. Da muss man ja was mitbringen. Das kostet auch. Mit der Tätigkeit der öffentlichen Verwaltung ist doch niemand zufrieden. Mit meiner Wohnung bin ich schon zufrieden. Aber man kann sich immer was Besseres vorstellen. Mit meiner Arbeit? Trifft nicht zu. Mit dem Stand der Demokratieentwicklung? Gefühlsmäßig nicht schlecht. Aber darüber weiß ich einfach zu wenig. Ob meine Rente der Arbeitsleistung meines Lebens entsprechen wird? Kann ich nicht einschätzen. Für Leistung hab ich das Gefühl verloren. Dass es den jeweils nachfolgenden Generationen immer besser geht, als ihren Eltern, ist heute so nicht mehr wahr. Es ist alles ziemlich knapp. Irgendwie geht es aber natürlich immer. Zuletzt war ich in einer Umschulung. Was mit Computer. Die haben mir nichts beigebracht, was ich nicht schon konnte. Jetzt krieg ich diesen Ein-Euro-Job. Nach fast drei Jahren wieder regelmäßig Arbeit. Ich weiß noch nicht wie das werden wird. Also habe ich Angst. Darauf habe ich doch ein Recht, oder? Auf Arbeit? Nein, auf die Angst. Der junge Mann nickt ernst, klappt seine Mappe zu, bedankt sich höflich und wendet sich ab. Hallo, sage ich, war ich gut? Er sieht mich irritiert an. Ich hab auf Unterschichtler gemacht, das ist doch spannender für euch, oder? Hast du das nicht bemerkt? Er schüttelt den Kopf. Jetzt bin ich irritiert. Das sieht man mir doch an, sage ich, welcher Underdog läuft schon in Hilfinger-Klamotten herum? Nein, sagt er, das wird die Studie zeigen: Das stimmt so nicht mehr. Ich lache: Mag ja sein. Aber auf mich trifft es eben nicht zu. Er zuckt mit den Schultern und deutet auf die Mappe. Wie es aussieht, hast du ein Scheißleben. Andere erzählen mir von einem Superleben. Da alle irgendwie lügen, gleicht es sich aus. Er wendet sich ab, spricht einen anderen Passanten an. Was der junge Mann nicht weiß: Ich habe gar nicht gelogen. Aber, dass er glaubt, dass ich bloß auf Unterschichtler mache, ist für mein Gefühl einfach besser.

00:00 10.06.2005

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