Scherenschleifer in Apulien

Kehrseite 1 In Apulien gibt es noch Scherenschleifer. Erst war gar nichts, dann war, von einem Moment zum anderen, dieser Satz da. Scherenschleifer in Apulien. ...

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In Apulien gibt es noch Scherenschleifer. Erst war gar nichts, dann war, von einem Moment zum anderen, dieser Satz da. Scherenschleifer in Apulien. Scherenschleifer in Apulien. Das kann immer noch jeder verstehen. Was für ein Glück aber auch, drei Worte nur und immer noch voller Sinn und Bedeutung.

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Apulien liegt in Italien. Dort, wo die Hacke des Stiefels ist, dort ist Apulien. Eine flache, in der Hitze gebackene Landschaft, weiß getünchte Häuser, bei deren Anblick in der grellen Sonne einem die Tränen kommen. Knorrige Olivenbäume, an die sich alte Apulieri lehnen, um im Schatten zu reden.

Und dann ist da noch das unvergleichliche, violette Licht in den Küstendörfern, wenn es Abend ist, kurz bevor die Nacht hereinbricht.

Das ist der Augenblick, in dem der apulische Scherenschleifer von seiner Arbeit heimkommt. In ein winziges, dreirädriges Automobil gequetscht, ist er über die Dörfer gezuckelt, und nun kommt er heim.

An seinem Wagen hängt eine Glocke, die er noch einmal anschlägt. Für heute hat er seine Arbeit beendet.

Es ist die Glocke. Ich höre ihren Klang vom fernen Apulien bis zu mir. Bim bim bim. Sie sorgt dafür, dass ich mich entscheide, Scherenschleifer zu werden.

Auch hier gibt es Glocken, die nach Kundschaft rufen. Es gibt fahrende Bäcker und Fleischer, Händler, die Feinfrost verkaufen. Wieder andere verkaufen Nudeln und Käse von ihren Wagen herunter. Sie alle haben eine Glocke an ihrem Wagen, mit der sie ihre Kundschaft auf die Straße rufen.

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Ob der apulische Scherenschleifer tatsächlich eine Glocke an seinem Wagen hat, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob der apulische Scherenschleifer einen dreirädrigen Wagen besitzt. Vielleicht fährt er einen altersschwachen Fiat mit vier Rädern. Vielleicht hat er nicht einmal einen Wagen, sondern reitet auf einem Esel. Vielleicht hat er nur ein Fahrrad.

Aber selbst, wenn er zu Fuß ginge, niemand hielte ihn deswegen für einen Landstreicher. Er ist eine Person des Respekts und der Achtung. Er kennt jedes Dorf, jeden Weg, jeden Baum am Weg; er kennt alle seine Kunden mit dem Vornamen, und alle seine Kunden kennen ihn nicht weniger gut als den nahesten Verwandten. Ganz Apulien kennt den Scherenschleifer, und der Scherenschleifer kennt ganz Apulien.

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Ich jedenfalls stelle mir nun vor, selbst mit einem dreirädrigen Automobil durch die Stadt zu fahren und Scheren und Messer zu schleifen.

Doch gleich tauchen die ersten Sorgen auf.

Ich denke an all die billigen Messer und Scheren, die nach kurzer Zeit von anderen billigen Messern und Scheren ersetzt werden. Es kostet meine Kundschaft mehr Geld, sich von mir ihre Messer und Scheren schleifen zu lassen, als sich einen neuen Karton mit einem Dutzend Messer aus dem Supermarkt zu holen.

Ich denke natürlich auch an die hochwertigen, von Hand geschmiedeten Messer und Scheren. Sie sind nur bei wohlhabenden Menschen zu finden. Habe ich sie gefunden, werde ich feststellen, dass ihre Besitzer einen Scherenschleifer in der Stadt haben, einen, zu dem sie schon seit Jahren ihre Werkzeuge bringen. Ich werde feststellen, dass es eine kleine und sesshafte Dynastie von Scherenschleifern für wohlhabende Kunden gibt. Die ganze Zeit waren sie da, direkt vor meinen Augen.

Und dann die ganz reichen Kunden, denke ich.

Die ganz reichen Besitzer schicken ihre kostbaren Messer und Scheren nach Apulien. Sie schicken sie natürlicher zum besten Scherenschleifer, der sich überhaupt finden lässt. Sie besorgen sich ihre handgefertigten Schuhe in Rom und schicken sie zurück, wenn sie einmal repariert werden müssen. Die Schuhe nach Rom und die Messer nach Apulien.

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Ich könnte in Apulien in die Lehre gehen. Doch beim Nachdenken über diese Sache finde ich, dass das ganz unmöglich ist. Dafür ist ja gar keine Zeit.

"Scherenschleifer in Apulien" kann sich jeder denken. Schon morgen. Noch bevor ich mir eine Fahrkarte nach Apulien besorgt habe, klingeln die ersten fahrenden Scherenschleifer ihre Kundschaft aus den Häusern.

So sind die Zeiten.

Früher waren Ideen selten. Hier eine Idee, dort eine Idee, wie allein stehende Bäume auf einem weiten Feld. Heute flattern sie wie ein Schwarm Gänse durch jeden Kopf. Heute darf man eine Idee nicht lange warten lassen. Eben, vor wenigen Minuten, dachte ich an den Scherenschleifer in Apulien und beschloss, selbst ein Scherenschleifer zu werden. Morgen denken wenigstens zwei Dutzend andere Köpfe an den Scherenschleifer in Apulien. Und hat einer diesen Satz erst einmal gedacht - nun, dann kümmert er sich, bis er ein Scherenschleifer ist.

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Schnell muss ich sein. Ich kratze meine Ersparnisse zusammen und besorge mir alles Nötige in kürzester Zeit.

Ich kaufe das dreirädrige Auto und eine kleine Scherenschleiferwerkstatt. Die Behörden stellen sich mir keineswegs in den Weg. "Toll", sagen sie, "ein fahrender Scherenschleifer in der Stadt. Wer sagt es denn? Das Handwerk lebt." Dann geben sie mir einen Schein dafür, dass ich ein Scherenschleifer sein darf.

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In meiner Stadt, etwas außerhalb an einem See, stehen Villen, kleine Schlösschen mit Türmen und griechischen Säulen. Von der Straße aus sehe ich in große Räume. In manchen stehen Flügel, in anderen hängen Gemälde. Die Räume sind gut ausgeleuchtet. Abends fallen buttergelbe Lichtflecken auf die Wege und es riecht nach frisch geschnittenem Gras. Alles ist schön.

Auch die Küchen sind schön. Und sie sind geräumig, ebenso geräumig wie die Musikzimmer. Sie befinden sich in dem von der Straße abgewandten Villenteil. Dort gibt es Haushälterinnen und Köche, die sich nicht mit Messern und Scheren aus der Massenproduktion zufrieden geben können.

Ich fahre um den See und schlage meine Glocke an. Jeder kann hören und sehen, dass der Scherenschleifer in das Viertel gekommen ist. Einige Köche bringen ihre Messer, einige Haushälterinnen ihre Scheren zum Schleifen auf die Straße. Eine Frau in einem beigen Kostüm aus Leinen bringt ein Tablett mit kleinen Kuchen, die sie selbst gebacken hat. Sie meint, dass ich ganz schmuck gekleidet bin mit meiner Lederschürze und meiner zünftigen Mütze auf dem Kopf. So kann jeder gleich sehen, dass ich der Scherenschleifer bin.

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Der See ist nicht groß und obwohl er gänzlich von Villen umstellt ist, sind es doch nicht genug Villen, in denen die kostbaren Messer aufbewahrt werden.

Ist ein Messer erst einmal geschärft, dauert es lange, bis es einen neuen Schliff nötig hat. Und dann sind da noch die Scherenschleifer in der Stadt. Die Menschen wechseln nicht gern ihre Gewohnheiten, nicht einmal, wenn der Scherenschleifer bis vor die Haustür kommt. Gewiss, sie halten immer ein weniger wichtiges Messer für mich zurück. Sie reichen es mir wie ein Geschenk, wenn ich auf der Straße stehe. Doch es reicht nicht. Es sind zu wenige Messer.

Und dann gibt es Messer, die sich selber schärfen. Brotmesser beispielsweise, die sich beim Brot schneiden schärfen. Es gibt Messer, die sich ganz von selber schärfen, wenn sie benutzt werden. Wer hätte das gedacht?

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Nicht zum See, sondern aus der Stadt hinaus, da wo früher einmal sumpfige Wiese war und sonst nichts, und jetzt mehrstöckige Häuser stehen, eines neben dem anderen und die Küchen auf der Straßenseite gelegen sind, kleine Küchen in denen einer sich kaum drehen kann, dahin fahre ich jetzt.

Eine kleine Hoffnung. Aber kaum ist sie aufgetaucht, ist sie auch schon abgewetzt. Denn in den straßenseitig gelegenen Küchen gibt es keine von Hand geschmiedeten Messer. Wozu auch? Alles, was der Mensch hier braucht, ist bereits portioniert und geschnitten, Brot und Fleisch, Wurst und Käse. Kannst du alles gleich in Scheiben mit nach Hause nehmen.

Ich muss es dennoch versuchen. Ich kann nicht den lieben langen Tag stehen und warten, dass ein Wunder geschieht.

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Und von einem Augenblick zum anderen stehen sie plötzlich vor mir, wie aus dem Boden gestampft. Es ist doch ein Wunder geschehen. Eine Gruppe junger Männer. Keine Köche, doch jeder ein Messer in der Hand. Ein zweites Messer tragen sie an die Gürtel geschnallt und ein drittes taucht aus den eisenbeschlagenen Stiefeln auf, wo es halb verborgen steckte. Und neben dem Stiefel der Hund. Macht Platz und pariert.

Tolle Stiefel, murmle ich.

Tolle Schürze, sagt der Erste in der Reihe und reicht mir sein Messer.


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00:00 22.06.2007

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