Schicksal der Welt? Egal

Klimawandel Die deutsche Literatur schweigt zu dem Thema. Das ist ihr Recht, sagen viele Kritiker. Das ist Zukunftsverweigerung, findet unser Autor
Schicksal der Welt? Egal

Foto: Cristina de Middel/Magnum Photos/Agentur Focus

Die Veränderung von Biosphäre und Atmosphäre durch den Menschen prägt unsere Welt heute, ihre unabsehbaren Folgen sind unsere neue Wirklichkeit. In der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart aber ist davon in der Tat wenig zu spüren, es gibt nur vereinzelte Stimmen, Ilija Trojanows EisTau vielleicht. Um 1800 lag die Weltbevölkerung bei einer Milliarde, heute kratzen wir an der Acht-Milliarden-Marke. Gleichzeitig sind die Ressourcenansprüche des Individuums in vielen Ländern explodiert.

Bis vor Kurzem war jedes geborene Menschenleben ein Triumph, ein Verbündeter im Versuch der Menschheit, sich einzurichten unter schwierigen Umweltbedingungen. Heute ist jedes neue Menschenleben eine Hypothek für zukünftiges Leben, die abgetragen werden will. Das muss man erst einmal im Kopf zusammenkriegen, ohne verrückt zu werden: Das Leben weitergeben, dazu sind wir biologisch bestimmt, und dadurch erfahren viele von uns tiefstes Glück – und das soll nun jegliche Selbstverständlichkeit verloren haben? Das ist eine Zäsur in der Menschheitsgeschichte, die einschneidender nicht sein könnte. Auch davon in der Literatur: fast nichts. Anja Utlers kommen sehen vielleicht.

Holozän-Kitsch

1979 notierte der Erzähler in Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän, dass die meisten Literaten so über „Seelen“ und „die Gesellschaft“ schrieben, „als sei das Gelände dafür gesichert, die Erde ein für allemal Erde, die Höhe des Meeresspiegels geregelt ein für allemal“. Was seitdem, mit wenigen Ausnahmen, weiterhin bockig und beharrlich beackert wird, sind genau diese Themen: Seele und Gesellschaft. Die gehypte „Berlin-Literatur“ hat es noch schlimmer gemacht: Die deutsche Gegenwartsliteratur als urbane Fußnote zu Jane Austen.

Die Debatte

Es war eine simple Frage, die Bernd Ulrich in der Zeit stellte: „Warum schlägt sich diese fundamentale Krise so wenig in der Literatur nieder? Warum, zur Hölle?!“ Die Abgeklärtheit in den Antworten von SchriftstellerInnen empörte ihn. Von Kritikern kam heftiger Gegenwind. So antwortete Hilmar Klute in der SZ dünkelhaft: „Wer mit der Autorität des Kulturplatzanweisers fordert, die Literatur möge sich bitte auf das kaprizieren, was im Augenblick die Welt (also: ihn) bewegt – ahnt er denn noch das komplizierte Gewebe, aus dem literarische Texte gemacht sind?“ Auch sei die Zeit zum Glück vorbei, als Schriftsteller und Schriftstellerinnen als Orakel galten oder einem „größeren Ganzen dienten“. Ist Ulrichs Frage also Quatsch? Unser Autor, Literaturprofessor und des Dilettantismus unverdächtig, findet: ganz und gar nicht.

Irgendwann wurde die Literatur immer akademischer und hat sich in den 1960er Jahren den Bazillus des Konstruktivismus eingefangen. Natur sei als Gegenbegriff zu Kultur immer essenzialistisch, raunte es da verschwörerisch von Hörsaal zu Hörsaal. Dabei kann man nirgendwo schneller von essenzialistischen Hirngespinsten kuriert werden als in der Natur. Wenn man nur hinschaut. Aber das Hinschauen und Hinhören in der Natur wurde systematisch verlernt unter den sogenannten Gebildeten, naturkundliche Kenntnisse wurden lange Zeit belächelt. Das Schreiben darüber muss nun im Land von Humboldt und Goethe als Nature Writing erst wieder importiert werden. Und während man sich im Prenzlberg die Seelen mit organischen Produkten einbalsamiert, spürt man gar nichts von der eigenen Unfähigkeit, zu trauern über das Zerreißen des Lebensgewebes. Man spielt seine Unschuldskomödien geduldig vor sich hin.

Da ist auch ein gerüttelt Maß Duckmäusertum dabei, das man sich vielleicht bei den Geisteswissenschaften abgeguckt hat. Man will es sich nicht verscherzen mit den Leitdiskursen, mit den Förder- und Preisstrukturen. Man verteidigt die Pfründen des Holozäns gegen die Zumutungen des Anthropozäns. Die literarische Intelligenzija zog schadenfroh über Armin Laschets industrielle Wohlstandsnaivität her. Sie sollte sich an die eigene Nase fassen. Denn eigentlich will sie einträchtig mit ihm eine Erde bewohnen, die es gar nicht mehr gibt: die Holozän-Erde klimatischer Stabilität und biosphärischer Integrität. Sie ist Teil des Verblendungszusammenhangs, den Laschet zum Wahlprogramm machte. Die Gegenwartsliteratur ist in ihrem Wiederkäuen abgegraster Problemfelder sentimental und rückwärtsgewandt. Sie ignoriert trotzig die Natur und will die Verlustangst ob der Artenvernichtung nicht spüren. Sie gibt sich liberal Klima-aufgeklärt, verweigert sich aber den Herausforderungen der Klimakrise für unser Welt- und Selbstbild. Lieber will sie die Fantasie ihrer Leserschaft weiter mit „Seele“ und „Gesellschaft“ bespielen und wird dabei zum Holozän-Kitsch. Selbst ein Neuentwurf wie Raoul Schrotts Erste-Erde-Epos, das sich aus diesem Vorstellungskorsett befreit und das Anthropozän ausführlich thematisiert, hat nichts mitzuteilen über die moralische Komplexität unseres Lebens im Anthropozän.

Neue innere Emigration

Literatur dürfe nicht zur Vollstreckerin von Tagespolitik werden, wurde gegen Bernd Ulrichs Provokation (siehe Kasten) eingewandt. Mit Verlaub, das Anthropozän ist nicht Tagespolitik, sondern Erdgeschichte. Und wir haben das Pech, in einer Phase der Menschheitsgeschichte zu leben, in der wir zu geologischen Akteuren geworden sind. Ulrich geht es darum, eine Sprache für den Planeten einzuklagen, auf dem wir jetzt leben und den unsere Enkel noch bewohnen wollen. Das Schweigen der Gegenwartsliteratur zu diesen Themen ist eine innere Emigration, die sich der so wichtigen Sprachfindung für eine bewohnbare Zukunft verweigert. Bislang gibt es Versuche zu einer solchen Sprachsuche fast nur in der Lyrik, im Essay und in der Climate-Fiction – und auch die sind dünn gesät und stoßen im Mainstream auf taube Ohren.

Bei den Vorbereitungen zur COP26 in Glasgow wurde bemängelt, dass die Stimme der Kreativen zu wenig Beachtung fände. Auf eine deutsche PEN-Fraktion kann man dort jedenfalls gut verzichten. Sie muss erst zu sprechen lernen von unserem Planeten und seiner Lebendigkeit. Wohlan denn: „Sage mir, Muse“!

Bernhard Malkmus lehrt German Studies an der University of Newcastle

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06:00 15.11.2021

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