Schicksalstage des Automobils

Doppeljubiläum Vor 120 Jahren unternahm Berta Benz die erste motorisierte Fernfahrt. 1908 ging in Detroit "Tin Lizzy" vom Band.

Seine erste Bewährungsprobe hat das Automobil (der "Selbstbeweger") in Deutschland bestanden, am 6. August 1888, vor 120 Jahren. Ohne das Wissen ihres Gatten Carl reiste Berta Benz, von ihren Söhnen Eugen und Richard begleitet, mit dem von ihrem Mann konstruierten Dreiradfahrzeug von Mannheim nach Pforzheim. Nach allerlei Abenteuern - unter anderem ging mehrfach der Kraftstoff aus - und nach einer Reise von 120 Kilometern telegrafierte die abenteuerlustige Frau aus dem Pforzheimer Hotel Zur Post an den zu Hause wartenden Ehegatten und Konstrukteur: "1. Fernfahrt ist gelungen!"

Massenhaft produziert wurde das revolutionär neue Verkehrsmittel bereits 20 Jahre und sechs Tage später, nun aber in den USA: In Detroit verlässt am 12. August 1908 das erste "Modell T" die Montagehalle des Autofabrikanten Henry Ford. Das Gefährt, das 850 Dollar kostet und dessen Vierzylindermotor von 2,8 Litern Hubraum 21 PS leistet, wird bis zum Jahre 1927 über 15 Millionen Mal verkauft. Henry Ford, im August 1908 45 Jahre alt, hatte drei Jahre zuvor mit 28.000 Dollar Startkapital die Ford Motor Company gegründet. Der gelernte Ingenieur, der zunächst bei Westinghouse und bei der Firma des berühmten Erfinders Thomas Alva Edison gearbeitet hatte, nahm mit seinen T-Modellen wiederholt erfolgreich an Autorennen teil.

Zwischen dem ersten und dem letzten Fabrikat der Tin Lizzy, wie das schier unverwüstliche Fahrzeug vom Volksmund getauft wird, zwischen 1908 und 1927, lag der Erste Weltkrieg. Dieser bedeutete insbesondere für das Deutsche Reich einen kulturellen Einschnitt sondergleichen. Vor 1914 war Deutschland eine hoch motorisierte Nation, in der 1899 der erste Rennsportverein, der Deutsche Automobilklub, gegründet worden war. Anno 1906 läutete Kaiser WilhelmII. das noch junge 20. Jahrhundert als "Jahrhundert des Verkehrs" ein. Er war ein so rastloser Reisender, dass eine Dame am Hof, die Fürstin Radziwill, in einem Brief meinte, man solle das Lied "Heil dir im Siegerkranz" doch in "Heil dir im Sonderzug" umdichten. Auf Wilhelms Initiative wurde 1907 in Berlin ein Rundkurs in Angriff genommen, der nicht nur für Autorennen, sondern auch als Versuchsstrecke für die Industrie dienen sollte: die Automobilverkehrs- und Übungsstraße, bis heute kurz AVUS genannt.

Doch was ein Jahr später in den USA geschah, deutete schon an, dass das hochindustrialisierte Deutschland ins automobile Hintertreffen geriet - der verlorene Weltkrieg besorgte den Rest. In der Weimarer Republik zählte man 1924 130.346 PKW, 1932 immerhin schon 489.270, im internationalen Vergleich freilich immer noch wenig: Noch 1935 kamen in Deutschland auf 1.000 Einwohner 16 Kraftfahrzeuge (also Lastwagen und Motorräder mitgerechnet), in Frankreich 49, in den USA 204. Aber damals, 1935, wurde Deutschland bereits von einem "Führer" und bekennenden Automobilfreak namens Adolf Hitler geleitet, der all das grundlegend ändern wollte.

Hitler bewunderte Henry Ford und dieser ihn - eine Liaison, über die in den Geschichtsbüchern leider viel zu wenig zu lesen ist. Fords Polemik Der internationale Jude ist 1922 erschienen und hat Hitler gewiss bei der Abfassung von Mein Kampf wenig später inspiriert; immerhin handelt es sich um den ersten Weltbestseller, der ausführlich die vom zaristischen Geheimdienst fabrizierten Protokolle der Weisen von Zion zitiert. In Hitlers Münchner Parteizentrale hing Fords Porträt; in welchem Umfang dieser die ­NSDAP finanziert hat, lässt sich nur vermuten. Eines ist sicher: "Der bayerische Landtag hat seit langem davon Kenntnis, daß die Hitlerbewegung teilweise von einem amerikanischen Antisemiten finanziert wurde, bei dem es sich um Henry Ford handelt", heißt es in einem Bericht des bayerischen Landtagspräsidiums schon 1922.

Der von Ford geförderte Hitler besuchte als erster deutscher Reichskanzler überhaupt schon wenige Tage nach seiner "Machtergreifung", am 11. Februar 1933, die "Internationale Automobilausstellung", die damals noch in Berlin stattfand. "Wenn man früher die Lebenshöhe von Völkern oft nach der Kilometerzahl von Eisenbahnschienen zu messen versuchte, dann wird man in Zukunft die Kilometerzahl der für den Kraftverkehr geeigneten Straßen anzulegen haben." Und ein Jahr später, am selben Ort: "Solange das Automobil lediglich ein Verkehrsmittel für besonders bevorzugte Kreise bleibt, ist es ein bitteres Gefühl, von vorneherein Millionen braver, fleißiger und tüchtiger Mitmenschen, denen das Leben ohnehin nur begrenzte Möglichkeiten einräumt, von der Benutzung eines Verkehrsmittels ausgeschlossen zu wissen, das ihnen vor allem an Sonn- und Feiertagen zur Quelle eines bisher unbekannten, freudigen Glücks würde..."

Fünf Jahre nach der "Machtergreifung", im letzten Vorkriegsjahr, 1938, wurde Henry Ford von Hitler mit dem "Großkreuz des deutschen Adlerordens" ausgezeichnet. In diesem Jahr waren 3.000 Kilometer Autobahn fertiggestellt - allerdings hatte das Reich auch einen Negativrekord von 8.000 Verkehrstoten zu verzeichnen. Am 26. Mai war die Grundsteinlegung für das Volkswagenwerk im niedersächsischen Dorf Fallersleben erfolgt, das nun in "Stadt des Kraft-durch-Freude-Wagen" umbenannt wurde.

Das Projekt "Volkskraftwagen" hatte Hitler persönlich im April 1934 im Berliner Hotel Kaiserhof mit dem Konstrukteur Ferdinand Porsche erörtert; 1938 existierten bereits 30 Versuchswagen. In Fallersleben sollte die weltgrößte Automobil-Fabrik unter einem Dach entstehen - Porsche hatte Fords Fertigungsmethoden, besonders die von Hitler sehr bewunderte Fließbandtechnik, während einer USA-Reise ausgiebig studiert. 1939, bei ihrer Eröffnung, war die neue Fabrik dann in der Lage, 150.000 Automobile pro Jahr zu produzieren. Diese dienten freilich ausschließlich militärischen Zwecken - gewiss nicht gegen die Intentionen des VW-Konstrukteurs Porsche, der schon in einem Memorandum vom Januar 1934 festgestellt hatte: "Ein Volkswagen darf kein Fahrzeug für einen begrenzten Verwendungszweck sein, er muß vielmehr durch einen einfachen Wechsel seiner Karosserie allen praktisch vorkommenden Zwecken genügen, also nicht nur als Personenwagen, sondern auch als Lieferwagen und für bestimmte militärische Zwecke geeignet sein."

Erst 1949 lief am nun in "Wolfsburg" umbenannten Produktionsstandort der berühmte VW-Käfer vom Band, am 23. Juli 2003 im mexikanischen Puebla der letzte Heckmotor-Volkswagen mit der Nummer 21.529.464 - auf lange Sicht hatten Adolf Hitler und Ferdinand Porsche (gestorben 1951) den Rekord ihres Idols Henry Ford (gestorben 1947) und seines berühmten T-Modells einstellen können.

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