Schieß dich frei

USA Nach dem Massaker in Parkland scheint sich die Schusswaffenlobby selbst zu radikalisieren. Es sind nun einmal Trumps Leute
Konrad Ege | Ausgabe 09/2018 4
Schieß dich frei
Die Argumente der Waffenlobby überzeugen nicht jeden

Foto: Scott Olson/Getty Images

Manche der Schusswaffengegner machen sich Hoffnung. Sie sind tief beeindruckt vom leidenschaftlichen Protest der mediengewandten Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Eine verschärftes Waffenrecht müsse endlich möglich sein. Doch die Karten sind schlecht verteilt. Der radikale Absolutismus der National Rifle Association (NRA) ist mitten in der Republikanischen Partei angekommen. Es geht bei Schusswaffen nicht nur um Schusswaffen. „Waffenfreiheit“ ist Teil des demagogischen Trump-Pakets gegen die „Eliten“, gegen „die Medien“ und gegen alles, was dem regulären weißen Amerikaner auf die Füße treten könnte. Seit Neuestem richtet sich das Eifern selbst gegen die Ermittlungsbehörde FBI, die den Präsidenten verfolge und Warnungen vor dem Parkland-Todesschützen ignoriert habe. Der Neunzehnjährige hat am 14. Februar 17 Menschen erschossen.

Skeptiker oder, anders formuliert, Zyniker behaupten ohnehin, eine tatsächliche Schusswaffenkontrolle sei illusorisch in einem Land mit mehr als 300 Millionen Revolvern, Pistolen und Gewehren in privaten Händen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Das Forschungsbüro im US-Kongress kam für 2009 auf geschätzte 310 Millionen Waffen. In den Barack-Obama-Jahren hätten viele Amerikaner Waffen erworben, hieß es doch, der Mann im Weißen Haus wolle dem Land die Waffen wegnehmen. Und nach Massakern gehen die Verkaufszahlen gewöhnlich nach oben.

Faktenbefreite Welt

Dabei sind Waffenbesitzer eine Minderheit, und bei Umfragen punktet häufig das Verlangen nach Kontrolle. Umfragen sind eben das eine, Wahlverhalten und politisches Engagement etwas anderes. Die NRA genießt nicht umsonst das Image, eine politische Macht zu sein. Und der Verband spendet, 30 Millionen Dollar sollen es für den Kandidaten Trump gewesen sein. Gaben in dieser Höhe sind allerdings nicht entscheidend bei Präsidentschaftswahlkämpfen, die Milliarden kosten.

Der nach eigenen Angaben fünf Millionen Mitglieder zählende Verband versteht es, Waffenbesitzer aufzuhetzen. Seine Antwort auf Beschränkungsvorschläge ist so gut wie immer ein dickes Nein. Auch jetzt. Nein ist ein griffiges Organisationsprinzip; es umgeht Detailfragen, die Gegner plagen. Eintreten für das Waffenrecht und Forderungen nach bewaffneten Lehrern, das passt in Trumps faktenbefreite Welt, in der Amerika bedroht sei, etwa von Migranten und Muslimen. Der Präsident hat sich nach dem Parkland-Massaker mit Worten der Anteilnahme weit aus dem Fenster gehängt, um der NRA zugleich seine Loyalität zu versichern. Das sind seine Leute. Viele glauben an die Bedrohung. Wie oft hört man den Spruch: „Um einen Übeltäter mit Schusswaffe zu stoppen, braucht man einen guten Menschen mit einer Schusswaffe.“ Es folgen Einzelbeispiele zum Erhärten der These. Bei der Kirchenschießerei in Sutherland Springs (Texas) Anfang November mit 26 Todesopfern hat tatsächlich ein bewaffneter Anwohner geholfen, den Täter zu vertreiben.

Etwa 30 Prozent der Amerikaner besitzen mindestens eine Schusswaffe laut Pew Research Center. Die meisten davon sind weiße Männer, in der Regel Republikaner, viele leben auf dem Land. Dennoch geht die absolute Zahl der Schusswaffenbesitzer zurück, da junge Amerikaner lieber virtuell schießen. Kritiker sind versucht, von einer „aussterbenden Kultur“ zu sprechen.

Doch bei der Pew-Erhebung erklärten drei Viertel der Besitzer, ihre Waffe sei „essenziell für ihre Freiheit“. Wer sich in die Enge gedrängt sieht, kann sich schon mal selbst radikalisieren. „Sie sollten Angst haben“, beschwor NRA-Chef Wayne LaPierre – laut Trump ein „großartiger amerikanischer Patriot“ – bei der Jahresversammlung der Conservative Political Action Conference mehrere Tage nach dem jüngsten Blutbad. „Wenn sie die Macht übernehmen, könnten wir unsere amerikanischen Freiheiten verlieren, und unser Land verändert sich für immer.“ Wer auch immer genau diese „sie“ sind.

Der zweite Verfassungszusatz für das Recht auf Schusswaffenbesitz sei die Garantie für Demokratie in den USA, sagte Trumps früherer Terrorismusberater Sebastian Gorka im NRA-Videokanal NRATV.com. Im Zusatz steht: „Da eine wohl organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden“. Durchaus interpretierbar, sollte man meinen, besonders wegen der „Miliz“. Nicht aber aus Sicht der NRA.

Die Schusswaffenindustrie braucht dringend Fürsprecher. In den Bilanzbüchern war Donald Trump nicht gut für die Unternehmen. Sturm, Ruger & Co., einer der größten Hersteller, legte jüngst besorgniserregende Ergebnisse vor für Investoren. 2017 seien die Verkaufszahlen um 22 Prozent gefallen. Die Firma habe mehr als ein Viertel der Belegschaft entlassen. Bei American Outdoor Brands, Hersteller von Smith & Wesson, gehen die Profite ebenfalls den Bach runter. Geschäftsführer James Debney sprach in CNN von „Herausforderungen nach starker Nachfrage“ im Jahr 2016. Damals habe die „Vorwahlangst vor verschärften Schusswaffengesetzen“ eine Rolle gespielt, sollte Hillary Clinton die Wahlen gewinnen. Der seit zwei Jahrhunderten tätige Produzent Remington hat diesen Monat Insolvenz angemeldet und Gläubigerschutz beantragt.

Konservative Kommentatoren schimpften nach Parkland, die Medien missbrauchten die jungen Menschen. Unterstützt würden die Gegner von den Milliardären George Soros, Michael Bloomberg und Tom Steyer, verkündete Wayne LaPierre für die NRA. Er warnte vor Sozialisten, Studenten würden das Kommunistische Manifest lesen. Die Analyse mag verblüffen. Die größte sozialistische Organisation in den USA, die Democratic Socialists of America, hat gerade einmal 32.000 Mitglieder.

Die Schüler aus Florida haben zum nationalen „Marsch für unser Leben“ am 24. März in Washington aufgerufen. Gouverneure mehrerer Bundesstaaten drucksen seit Tagen herum mit begrenzten Vorschlägen und sprechen von einem veränderten Mindestalter beim Kauf bestimmter Waffen (auch Trump hat das erwähnt). Mehr Aufsicht über möglicherweise psychisch kranke Menschen mit Schusswaffen soll es geben. Die Rede ist vom Verbot der „Bump Stocks“, gemeint sind Vorrichtungen, um halb automatische zu vollautomatischen Waffen umzubauen. Der republikanische Gouverneur von Texas, Greg Abbott, informierte im Kabelsender Fox News, in mehr als 100 texanischen Schulbezirken dürften Lehrer bereits jetzt Waffen tragen.

Viele Demokraten tun sich schwer bei der Sache, besonders die aus ländlichen Regionen. Senator Bernie Sanders aus Vermont wurde im Präsidentschaftswahlkampf kritisiert wegen seiner Schusswaffentoleranz. Sanders entgegnete: „Mehr als die Hälfte der Einwohner von Vermont sind Waffenbesitzer. Das ist ihr Recht.“ Man müsse „vernünftige Sicherheitsregeln“ entwickeln. „Vernünftig“, das Wort hört man oft seit Parkland. Was auch immer es bedeuten mag.

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