"Schießen ist Ficken"

Sex Über die Absenz des Sex jenseits der Boulevardpresse: Wo ist eigentlich die Lust in der linken Publizistik geblieben?

Wie wir aus dem Kolportage-Roman Der Baader-Meinhof-Komplex wissen, muss Andreas Baader ziemlich notgeil gewesen sein. Zuletzt sah man ihn in der Bernd-Eichinger-Verfilmung, wie er auf einem Flachdach in Nahost lümmelte und den verklemmten Arabern die Parole „Schießen ist Ficken“ entgegenrief, wozu die mitgereisten Groupies anzüglich lächelten.

Tatsächlich fragte die Zeitschrift konkret zeitgleich zu Baaders Schießübungen ihre Leser, ob „sie an Geschlechtsverkehr denken, wenn sie ein Gewehr sehen“. Die gegenseitige Befruchtung zwischen Stadtguerilla und linker Kampfpresse funktionierte also vor rund 40 Jahren ganz gut, wobei es die RAF in der Rückschau mit der sexuellen Befreiung und der Emanzipation wesentlich ernster meinte als die Journalisten. Während die Frauen bei den Terroristen in Minirock und hohen Stiefeln die Kommandoebene entern durften, schrieb Ulrike Meinhof in konkret redlich gegen das Abgleiten des Blattes ins Erotomanische an, das Verleger Klaus-Rainer Röhl und sein Musterschüler Stefan Aust fleißig betrieben.

Aber irgendwann konnten sie selbst die Mao-Zitate, mit denen man die halbnackten Revolutionsamazonen im Innenteil verbrämte, nicht mehr von der Flucht in den Untergrund abhalten. Aust reiste derweil hinter den Eisernen Vorhang, um die dortigen Backfische streng investigativ nach ihren ersten Erfahrungen zu befragen und der womöglich immer noch nicht verifizierten These nachzuspüren, ob man in Diktaturen schon aus Eskapismusgründen das aktivere Liebesleben hat.

Meinhof hatte früh das Programm durchschaut, auf das der gewiefte 68er-Verleger setzte: In einer Zeit, in der die Auflösung des Intimbereichs und die Befreiung der Sexualität als Teil des politischen Kampfes galten, ließ sich mit der Verquickung von Sex und linker Publizistik ordentlich Auflage machen. Zumal man auch in solchen Kommunen, wo die Schlafzimmer- und Toi­lettentüren aus den Angeln gehoben wurden, gar nicht soviel Sex hatte, wie man vorgab, befreien zu wollen. Da kamen die Bildchen in konkret, den St. Pauli-Nachrichten und Pardon gerade recht.

Tipps für Seitensprünge

Was nicht heißen soll, dass die gesellschaftspolitische Betrachtung der Sexualität nicht doch zu medialen Höhenflügen geführt hätte – verglichen mit der heute grassierenden Mischung aus Prüderie und dem manischen Gebrauch von Fachbegriffen aus dem Pornobusiness. Das war schon alles mindestens drei Klassen besser und aufgeklärter. Jasmin zum Beispiel, die „Zeitschrift für das Leben zu zweit“, die in München von Textchef Will Tremper und einer Reihe von ähnlich absurd hoch bezahlten Könnern gemacht wurde, besuchte eben nicht nur die tollen Männer, sondern vor allem deren frustrierte Ehefrauen und gab Tipps für Seitensprünge. Wenige Seiten weiter flog man mit Farah Diba im Hubschrauber über Teheran und lästerte über den asexuellen Schah. Im „erotischen Lexikon“ von damals findet sich heute noch mehr soziologische Trennschärfe als in einem ganzen Jahrgang Neon.

Auch in twen wurden die Leser nicht nur als politische, sondern auch als sexuelle Wesen wahrgenommen. Mit dem typografischen Weichzeichner schuf man hier ein fast bisexuelles Miteinander, zu dem auch fremde Völker per Fotoreportage eingeladen waren. Und selten war eine Schwangere als Covermodell erotischer als die heutige Frau von Wolfram Siebeck.

Heute ist die Nacktheit in den Medien leider die Domäne von Bild und den spießigen Männermagazinen, die jede Pro-7-Moderatorin, die nicht bei drei im Dschungelcamp ist, halb nackt aufs Cover bannen. Man hat sich alle Sinnlichkeit von publizistischen Proleten wie dem Ehepaar Diekmann austreiben lassen, deren Maulhurentruppen den Ton unter der Gürtellinie ­angeben. Und die so genannte Qualitäts-Presse? Der Spiegel lässt sich vom Apple-Zensor noch den kleinsten entblößten Busen aus der iPad-Version operieren und im Stern kommen Nackte vor allem im Wissenschaftsteil vor – auch gern mit Pfeilen und Strichen versehen.

Heute ist der Sexappeal in Medien und Gesellschaft vor allem in seiner billigsten Variante zu haben. Die Pornofizierung hat ja längst die Plätze der Medienmacher erreicht – jedenfalls sehen die weiblichen Gäste an einem x-beliebigen Wochenende im Berliner Nobelrestaurant Borchardt aus, als kämen sie größtenteils vom Escort-Service. Es wird schamrasiert und heißgewachst, was das Zeug hält, man reibt sich ja die Augen, welches Alter sich heute in enge Jeans und Overkneestiefel zwängt. Selten war die Öffentlichkeit so sexy, so aufgetunt bei gleichzeitiger Abwesenheit jeglicher sexueller Spannung. Und das schlägt sich auch in den seriöseren Massenmedien nieder, wo der erotische Höhepunkt darin besteht, dass der Starfotograf Juergen Teller seinen Anus in den Selbstauslöser hält. Wenn man diese Leser-Vergewaltigung mit der emphatischen Zielgruppenansprache Ende der sechziger Jahre vergleicht, könnte man vor lauter Sentimentalität heulen.

Zum Sex auch noch Intellekt

Das einzige Land, das sich da fein raushält, scheint Frankreich zu sein – vielleicht sind die Strähnchenhochburgen Osteuropas und das Sedierende des Aufschwungs einfach zu weit weg. Jedenfalls labt man sich dort an den Schnurren einer Catherine Millet oder den Swingerclub-Sotissen von Michel Houellebecq. In Frankreich allein scheint zum Sex auch noch der Intellekt zu gehören – das gibt’s in Deutschland nur noch im Antiquariat, etwa in Jörg Fausers Büchern, wo der Antiheld trotz beginnender Bierplauze mit den schönsten Frauen im Bett liegt, weil er statt des Waschbrettbauchs den Hirnmuskel trainiert hat.

Die letzten Aufbäumenden wider die Primitivierung eines Themas, das doch als treibender Moment der Gesellschaft behandelt werden sollte und nicht nur als Mittel zur Triebbefriedigung, sind durch die Debatte um den Missbrauch im linken Pädagogen-Milieu weiter in die Defensive geraten. Denn die, die schon immer geahnt haben, dass man Kinder besser mit Strichmännchen aufklärt, als mit den schönen Schwarz-Weiß-Fotos von Will McBride, haben sich bitter gerächt, in dem man die 68er gleich mal in einen Topf mit pädophilen Pfarrern schmiss. Diese Art Höchststrafe kann schon mal zu Schreibblockaden führen oder zu fortgesetzter Lustlosigkeit beim Blattmachen. Die Angst geht um, es sich mit den Lesern zu verscherzen, wenn man denn das Thema Sex einmal weniger technoid, sondern frugaler angeht. Vielleicht liegt die Absenz des Sujets jenseits der Boulevardpresse aber auch daran, dass die zuständigen Redakteure ein Kleinfamilienleben führen, in dem eben dieser Sex kaum noch vorkommt.

Die alte BRD war ein Land, in dem man nie gegen etwas demonstrieren musste – also auch nicht für die sexuelle Befreiung (und wahrscheinlich auch nicht dagegen, dass Vergewaltigung in der Ehe vor 2004 kein Offizialdelikt war). Diese Überzeugung von Angela Merkel teilen heute anscheinend auch die meisten Herausgeber und Chefredakteure. Denn die Liberalisierung in den Köpfen und in den Hosen, die ihre Vorgänger Ende der sechziger und in den siebziger Jahren erwirkten, haben sie längst revidiert. Völlig lustlos, versteht sich.

Oliver Gehrs ist Herausgeber des Gesellschaftsmagazins Dummy, dessen neueste Ausgabe sich mit dem Thema Angst beschäftigt


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08:00 29.12.2010

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