Schiffbrüchiger Geist

Ideengeschichte Der New Yorker Politologe Mark Lilla greift Identitätspolitik an. Für ihn ist sie auch ein Erbe Ronald Reagans
Schiffbrüchiger Geist
Was mag außerhalb dieses Kopfes sein? Mark Lilla fordert Neugier auf alles, was anders ist als man selbst

Foto: Christophe Dellory

Er bezeichnet sich als liberalen Demokraten. Andere sehen das anders. In letzter Zeit war es eher Jubel aus dem republikanischen Lager, der seine Wortmeldungen begleitet. Mark Lilla, Jahrgang 1956, Politikprofessor an der Columbia University in New York, Chevalier dans l’Ordre des Palmes Académiques, Träger des Prix de Rome, ist charmant, weltmännisch, kultiviert. Regelmäßige Beiträge etwa in The New York Times oder auch Le Monde haben ihm einiges Ansehen auch außerhalb der Akademie gebracht. Für Amerikaner gehört er zu den wenigen, die mit Autorität und sogar mit einiger Leichtigkeit über das kulturelle Leben in Frankreich berichten können. Er schreibt mit dem Abstand des Historikers über Themen, die ganz nah liegen. Zum Beispiel der Wahlsieg Donald Trumps und wie es dazu kam.

Lillas Antwort war, das Ende eines Liberalismus, der identitätspolitisch verwurzelt ist, zu fordern. Er war der Meinung, dass die USA in Sachen Integration und Diversität relativ fortschrittlich seien. „Wir schneiden heute besser ab als jede andere Nation Europas oder Asiens.“ Das habe aber einen hohen Preis: Eine Politik, die sich auf Fragen der Herkunft oder der Sexualität konzentriere, ignoriere wesentlichere Aspekte des politischen Lebens: Amerikanische Journalisten, meint Lilla, berichteten zu oft über Minderheiten und zu wenig über eigentlich wichtige Fragen: „So interessant es auch sein mag, über (...) das Schicksal von transsexuellen Menschen in Ägypten zu lesen, so trägt es doch nichts dazu bei, uns (...) über die mächtigen politischen und religiösen Strömungen zu informieren, welche die Zukunft Ägyptens bestimmen, und indirekt auch unsere eigene. Keines der bedeutenden Nachrichtenorgane in Europa würde auf die Idee kommen, einen solchen Schwerpunkt zu setzen“, ist sich Lilla sicher. Ähnlich sehe es an Schulen und Universitäten aus, wo identity politics zu einer historischen Wunschvorstellung und einer narzisstischen Fixierung auf Probleme von Gruppen führten. Die Folgen für den Wahlkampf: verheerend. Identitätspolitik ziele ausschließlich auf Unterschiede verschiedener Gruppierungen, „nationale Politik in gesunden Zeiten“ dagegen beschäftige sich damit, was es an Gemeinsamem gebe. Wer nur einzelne Gruppen anspreche, habe verloren. Nur die Demokraten, die sich, wie etwa Bill Clinton und Barack Obama, auf das Gemeinsame konzentrierten, hätten Erfolg gehabt. Dass das bei vielen Demokraten nicht gut ankam, kann man sich denken: So schrieb die feministische Jura-Professorin Katherine Franke, ihr Kollege verfolge ein gemeinsames ideologisches Projekt mit Ku-Klux-Klan-Mann David Duke; er sei aber schlimmer: „Lillas Kommentar vollbringt das schändliche Werk, die Behauptung von der weißen Überlegenheit respektabel zu machen. Wieder einmal.“ Die urkonservative National Review dagegen schrieb zustimmend: „Identitätspolitik erzeugt eine fragmentierte und tückische Idee vom sozialen und politischen Leben.“ Jetzt hat Lilla sich mit einem kurzen Buch erneut der Identität zugewandt: Es skizziert zwei Epochen in der US-Geschichte. Unter Roosevelt „waren die Bürger Teil einer gemeinsamen Anstrengung, sich gegenseitig vor Risiken, Notlagen und dem Entzug fundamentaler Rechte zu schützen“. Diese Haltung sei in den 1980ern der anti-politischen Reagan-Zeit gewichen. Hier „blühten Familien, kleine Geschäfte und Gemeinschaften auf, nachdem sie von den Fesseln des Staates befreit worden waren. Die Schlagworte lauteten Eigenverantwortung und minimale Regierungseingriffe“. Politik wurde zur Anti-Politik, die sich für das Individuum und gegen den Demos einsetzte. Dabei wandten sich die Demokraten, die eigentlich Roosevelts Erbe hätten verteidigen müssen, ebenfalls dem Individualismus zu, was zu einer Pseudo- statt einer Anti-Politik führte. Identitätspolitik, sagt Lilla, sei nichts anderes als „Reaganismus für Linke“.

Öfter an andere denken!

Hier verliert der sonst so kühle Mann von Welt dann doch hin und wieder die Fassung: „I’m here, I’m queer“ – dieses Motto homosexueller Aktivisten, meint er, „wird niemals mehr provozieren als Schulterklopfen oder Augenrollen“. Die Black-Lives-Matter-Bewegung habe Wertvolles geleistet, indem sie Misshandlung von Schwarzen durch die Polizei publik machte. Am Ende habe sie jedoch die Taktiken der brutalen kenianischen Mau-Mau-Bewegung übernommen. Als ich ihn fragte, warum er sich den Aktivisten gegenüber so unversöhnlich zeigte, antwortete er, es gebe einen Unterschied „Der Grund für meinen rauen Ton ist nicht, dass ich sie dazu bringen will, meine Meinung zu übernehmen (…), es geht mir darum, sie zu überzeugen, dass sie, indem sie diese Taktiken anwenden, (...) die institutionelle Macht verlieren, (...) die Macht, schwarze Menschen in diesem Land zu schützen.“ Und die Lösung? „Dem alten Modell, mit einigen Feinjustierungen, lohnt es immer noch zu folgen: Leidenschaft und Einsatz, doch auch Wissen und Auseinandersetzung. Neugier für die Welt außerhalb deines eigenen Kopfes und für Menschen, die anders sind als man selbst. Sorge für dieses Land und seine Bürger, jeden von ihnen, und die Bereitschaft, für sie Opfer zu bringen. Und das Streben, sich eine gemeinsame Zukunft für uns alle vorzustellen.“ Wie genau das aussehen soll, bleibt eher unklar. Deutlich wird, dass Bildung durch klassische Texte und altmodische Lehrmethoden eine Rolle spielt.

„It’s time to get real“, sagte er mir, und meint damit wohl, dass Demokraten sich darauf konzentrieren sollten, nach Macht zu streben . Bei Liberalen und Progressiven scheint das zu verhallen. Stattdessen ertönt die Empörung erneut und noch lauter. Wieder erscheinen positive Rezensionen eher in konservativen Medien. Das störe ihn nicht, sagt Lilla, denn dadurch sei ein Anlass zur Auseinandersetzung mit Konservativen gegeben. Und die Kritiker? Er habe das Buch nicht für „Twitterati“ geschrieben. „Die Leute, an die ich mich mit dem Buch richtete, waren die Liberalen, die wussten, dass irgend etwas schieflief, und die nicht wussten, wie sie das (...) benennen sollten. Und die frustriert und ein wenig eingeschüchtert waren, weil sie nicht als rassistisch und all das bezeichnet werden wollten.“ Dass es diese Menschen in den USA gibt: außer Zweifel. Selbst unter den strengsten Fürsprechern der Identitätspolitik ist ein gewisser Frust zu spüren, wie in Jessa Crispins Why I Am Not a Feminist und Reni Eddo-Lodges Why I’m No Longer Talking to White People About Race. Es gibt viele Gründe, frustriert zu sein. Zunächst, weil Diskriminierung und Rassismus große Probleme ohne einfache Lösung sind. Und weil identitätspolitische Diskurse in einer durchkommerzialisierten Medienlandschaft stattfinden und einer Gesellschaft, die immer weniger Menschen ein Minimum an sozialer Sicherheit bietet. Gehetzt, gestresst, verängstigt in einer Umgebung, die von immer mehr Gewalt geprägt ist, drückt sich mancher übertrieben harsch aus; setzt sich gar für unverhältnismäßige Mittel ein; oder verkauft seine Werte, da Gerechtigkeit sich gut für Werbung eignet. Lilla beklagt das zu Recht. Wir sollten alle großzügiger und geduldiger miteinander umgehen, und öfter an andere denken. Wir sollten da zuhören, wo wir das Beste leisten. Bei Lilla wäre dies vielleicht sein 2016 relativ unbemerkt erschienenes Buch The Shipwrecked Mind: On Political Reaction. In Porträts schildert es Denker – Carl Schmitt, Martin Heidegger, Leo Strauss – und gelangt zu einem allgemeinen reaktionären Typus: „Seine Geschichte beginnt mit einem glücklichen, wohlgeordneten Zustand, in welchem die Menschen, die ihren Platz kennen, in Harmonie leben und sich der Tradition und ihrem Gott unterordnen (...). Ein falsches Bewusstsein legt sich alsbald über die Gesellschaft als Ganzes, während sie willentlich, sogar freudig, auf die Zerstörung zusteuert. Nur diejenigen, die die Erinnerungen an die alten Arten und Weisen bewahrt haben, können sehen, was geschieht. Ob die Gesellschaft die Richtung ändert oder auf den Untergang zusteuert, hängt einzig (...) von ihrem Widerstand ab.“ Mehr als seine Schriften zur Identität lohnen sich die zu den Reaktionären. Hier ist Lillas Belesenheit, seine Beredtheit zu spüren. Er schildert den Reaktionär mit geradezu unheimlicher Genauigkeit.

Info

The Once and Future Liberal. After Identity Politics Mark Lilla Harper 2017, 160 S., 21,49 €

Peter Kuras ist freier Autor und lebt in Berlin

06:00 07.10.2017

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