Schily setzt auf Jack Bauer

Medientagebuch Was Kritiker sehen, ist selten das Gleiche, was Zuschauer sehen: Die Serie "24" als Fallbeispiel

Zu den selten thematisierten Bedingungen der Medienkritik zählt die Situation, in der ein Kritiker ein Buch liest, einen Film sieht, eine Fernsehsendung wahrnimmt. Wer beispielsweise zufällig in eine Pressevorführung für einen neuen Kinofilm Wochen vor dem Start hineingerät, glaubt es bei den dort versammelten Kritikern mit einem Haufen eitler Ignoranten zu tun zu haben, die sich im Gestus und Habitus aufspielen und sich wichtiger nehmen als das Werk, das sie begutachten sollen. Platten- und Buchkritiker haben wiederum keine Mühe damit, dass ihnen bergeweise die zu besprechenden Güter frei Haus geschickt wird; der Art ihrer Besprechung merkt man dieses Gratisversorgung durchaus an, wenn der Preis eines Buches oder einer Platte gar keine Rolle mehr spielt.

Die Fernsehkritik scheint von solcher Eitelkeit oder Korruption frei zu sein. Ihr Untersuchungsgegenstand wird auch allen anderen Zuschauern gegen Gebühr frei Haus geliefert. Fernsehkritiker sind von der Rundfunkgebühr nicht befreit, und diese Nichtprivilegierung ist richtig so. Doch auch hier hat sich längst etwas eingeschlichen, was den Blick auf die einzelne Sendung verändern kann. Neue Fernsehfilme und Serien werden den wichtigsten Kritikern gern als Kassette vorab zugestellt. Damit sind die Kritiker nicht mehr an das Zeitraster der Ausstrahlung gebunden und sie können - noch wichtiger - bereits vor der Ausstrahlung auf gelungene Produktionen hinweisen.

Mit diesem Vorteil kommt allerdings ein entschiedener Nachteil einher. Der Kritiker sieht den Film nämlich nicht so, wie ihn das Gros der Zuschauer sieht. Er sieht ihn pur, ohne jede Werbeunterbrechung, ohne Sponsorhinweise, ohne Eigenwerbung der Sendung und ohne die Trailer, die für die Fortsetzung oder den nächsten Film Reklame treiben. Das führt besonders bei Fernsehfilmen der privaten Sender zu eindrucksvollen Verzerrungen, wenn die Kritik, die den Film als Kassette sichtet, ihn beispielweise ob seiner gelungenen Dramaturgie lobt, den die Zuschauer nur als ein von Werbung durchlöchertes Etwas wahrnehmen müssen.

Diese etwas langatmige Vorrede musste sein, um den nachfolgenden Sonderfall zu beschreiben. Deshalb sei ausnahmsweise vom Autor dieses Medientagebuches die Rede. Er beschreibt normalerweise Szenen, Bilder und Filme, die ihm während des alltäglichen Fernsehkonsums auffallen. Deshalb stehen bedeutende Momente neben scheinbar unwichtigen, Realbilder neben konstruierten, serielle Produktionen neben Einzelsendungen. Diesmal allerdings sah der Autor die ersten beiden Folgen der zweiten Staffel der amerikanischen Serie 24 nicht in der Fernsehausstrahlung bei RTL2 (seit dem 9. März jeden Dienstag ab 20.25 Uhr) sondern als DVD. Das veränderte die Wahrnehmung beträchtlich, gerade bei dieser Serie, die ja mit der Realzeit spielt. Während der deutsche Sender auf Grund unterschiedlicher Regelungen von Werbung und Sponsoring in den USA und in Deutschland die Lücken im Original nicht füllen kann, sondern an anderen Stellen einschneiden muss, bleiben dem Betrachter des (in England erhältlichen) DVD-Originals das Dilemma einer zerhackten Erzählweise erspart.

Identisch ist aber der Sog, den die Serie ausübt. Bei der Ausstrahlung wie beim DVD-Abspiel zieht die Serie, in der Agent Jack Bauer erneut in 24 Stunden eine drohende Katastrophe abwenden muss, die Zuschauer in den Bann. War es bei der ersten Staffel der von Joel Surnow und Robert Cochran entwickelten Serie das drohende Attentat auf einen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, handelt es sich diesmal um ein drohenden Nuklear-Anschlag auf Los Angeles. Wie in der ersten Staffel werden die Ereignisse des Tages in 24 Episoden und damit in 24 Stunden Erzähl- und erzählter Zeit ausgeführt. Die Serie folgt nicht nur seinem Helden Bauer (Kiefer Sutherland) sondern weiteren Personen wie dem amerikanischen Präsidenten, der kein anderer ist als der Kandidat der ersten Staffel, Bauers Tochter, einem bald atomar verseuchten Kollegen und anderen. Doch die Splitscreen-Technik, bei der auf dem Bildschirm mehrere der synchron ablaufenden Handlungen in Einzelbilder nebeneinandergestellt werden, wird diesmal zurückhaltender als in der ersten Staffel eingesetzt.

Aber es forciert auch diesmal am Ende jeder Folge die Spannung, wenn der Zuschauer erkennen muss, dass sich zwar hier die Situation entspannt, während sie sich dort hingegen enorm verschärft. Genau das erzeugt den Sog auf die Zuschauer, der wissen will, wie es weitergeht, um die Spannung abzubauen. Wer die Serie wie der Autor als DVD sieht, kann diesem Lust ähnlichen Spannungsabbau grenzenlos frönen, so wie ein passionierter Krimileser das Buch erst aus der Hand legt, wenn er es zu Ende gelesen hat. Er kann Folge auf Folge konsumieren, ohne durch den Programmwechsel des Senders behindert zu werden. Besser als die zur Show ausgewachsene Pisa-Studie oder als ein Bohlenscher Gesangswettbewerb ist solch 24-Samstag allemal. Da auf der DVD zudem die amerikanischen Werbe- und Sponsorunterbrechungen fehlen, tritt der eigentümliche Effekt einer absurden Zeitersparnis ein. Die Serienstunde dauert beim DVD-Konsum gerade mal 45 oder 50 Minuten. So scheint man, während man stundenlang gebannt vor der Serie sitzt, Zeit zu sparen, die man in Wirklichkeit mit einer an Sucht grenzenden Leidenschaft lustvoll verplempert.

Selbstverständlich bleibt dem leidenschaftlichen Betrachter nicht der ideologische Trick verborgen, den die durchaus selbstkritisch die amerikanischen Verhältnisse abschildernde Serie anwendet. Er besteht darin, dass der Agent Jack Bauer eine Chance besitzt, den Anschlag zu verhindern. Die Wirklichkeit der ersten Sendungswoche von 24 belehrte die Zuschauer darin, dass es sonst anders ist. Entsteht in der Fiktion die Spannung aus der Frage, gelingt die Gefahrenabwehr oder nicht, wirft die Wirklichkeit vielmehr die Frage auf, wer denn die Täter seien, die einen Anschlag wie den in Madrid begangen haben. Die Ideologie der Serie besteht also im Prinzip der Hoffnung, dass es jemanden wie Jack Bauer gäbe, der ein nächstes noch schwereres Attentat schon verhindern wird. Bundesinnenminister Otto Schily, der zunächst der festen Überzeugung war, dass hinter dem Attentat in Spanien die ETA stecke, ehe er die Bevölkerung vor al Qaida alarmierte, wirkt gelegentlich, als hätte er bereits zuviel 24 gesehen. Ob nun als DVD oder bei RTL2 sei dahingestellt.


00:00 19.03.2004

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