Schimäre des Ich

Riss Die Fotoausstellung "Humanism in China" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst

Es sind an die sechshundert Fotos von zweihundertundfünfzig Fotografen, die sich in der Ausstellung unter der Überschrift "Humanism in China" drängeln - eine solche Übermacht löst Ohnmachtsgefühle bis zur Kapitulation aus. Diagnose: Bildüberwältigung. Natürlich ist die Fülle gewollt, und die dadurch ausgelöste Reaktion mag vielleicht ein westliches Phänomen sein und sich mit dem Aufstöhnen angesichts von Mammutveranstaltungen wie der Documenta oder der Biennale in Venedig treffen. Es gibt dennoch zu denken, wenn die exquisiten Lichtkästen mit den Bildinszenierungen eines Jeff Wall jeder für sich so viel Raum und Aufmerksamkeit beanspruchen wie vielleicht dreißig dieser als Dokumentarfotografie ausgegebenen chinesischen Werke. Dabei tröstet nur wenig, dass es sich hierbei um ein "authentisches" Ausstellungsdokument (Udo Kittelmann, Leiter des MMK) handele, das eben keinen westlich interpretierenden oder kommentierenden Blick auf China wirft, sondern die Fotoschau - auch in ihrer Präsentation - ohne Nachkuratierung originalgetreu übernommen hat.

Das ausgegebene Leitmotiv heißt "humanisiertes China - individualisiertes China". Beim Lesen der Katalogbeiträge wird klar, dass man sich auf keine geistesgeschichtlichen westlichen Traditionen bezieht, sondern den Blick auf "die kleinen Leute" und ihr Schicksal lenken will, auf ihren Alltag und soziales Umfeld, aufs Allgemein-Menschliche eben. Ehrlich, wahrheitsgetreu, authentisch. Im Ergebnis soll - im Sinne der anthropologischen Fotografie - ein Bild des chinesischen Volkes der letzten fünfzig Jahre entstehen, so definiert jedenfalls Wang Huangsheng, Direktor des Guangdong Museum of Art, das Ziel der Ausstellung. Er hat die Schau nicht nur als erster 2003 in Guangzhou gezeigt, sondern leistet mit der späteren Übernahme in seine Sammlung Pionierarbeit. Dass die meisten Fotos aus der Zeit nach 1978 stammen, also in erster Linie die Zeit nach dem Beginn der Öffnungs- und Wachstumspolitik von Deng Xiaoping illlustrieren, scheint nicht zu stören. Die Chinesen sehen sich, was die Entwicklung der Fotografie anbelangt, einfach als "verspätete Nation".

Alles sei dazu da, um auf einem Foto zu landen, bemerkte Susan Sontag lakonisch - das gilt auch für diese Ausstellung. Vier Blöcke mit Überschriften wie "Existenz", "Beziehung", "Begehren", "Zeit" bieten - ohne unmittelbar erkennbaren roten Ausstellungsfaden - genug Spielraum für alle Lebensbereiche. Da drängt sich von Anfang der Eindruck auf, dass nicht das einzelne Bild spricht oder sprechen soll, sondern dass über die Anordnung und Beziehung der Fotos untereinander Bedeutung hergestellt oder eine Geschichte erzählt werden soll. So wird etwa im Verlauf von vier Bildern die chinesische "Fahrradnation" in eine "Motorradnation" verwandelt. Aber oft genug kann man sich auf die Fotos nur mit Hilfe der Bildunterschriften einen Reim machen. Nun sollte man eigentlich davon ausgehen, daß jedes Bild für sich selbst sprechen kann - viele Fotos erhalten aber erst durch die zusätzliche Erklärung eine besondere Brisanz. Wie zum Beispiel die Ablichtung der Landkinder, die auf ihrem täglichen Schulweg einen Balanceakt über eine halbzerstörte Brücke bewältigen müssen. Was wie ein Kindervernügen aussieht, gerät durch die Information "Schulweg" zur sozialen Anklage. Andere wie "Der Verkehrsunfall" stehen wiederum für sich selbst. Hier liegen zwei Unfallopfer auf der Straße, ein Dritter steht neben dem Motorrad, aber alle drei telefonieren mit ihrem Handy.

Auffällig ist die breitgefächerte Themen-Palette, bei der auch die sogenannten Tabuthemen nicht ausgespart bleiben, während diese auf der großen Kinoleinwand noch strengstens geahndet werden. Fern jeder Idealisierung sind da Drogensüchtige zu sehen, alle Arten von Behinderten, personell unterversorgte Kinderheime, nicht ausreichende sanitäre Anlagen, Wohnungsnot, hinter Stacheldraht kasernierte Fabrikarbeiter, nackte Haut, insgesamt zwei küssende Liebespaare, einen Hauch von Prostitution, eine opuimrauchende Frau, Menschen, die sich von Müllhalden ernähren, die große Armut der Bauern, religiöse Minderheiten, zu wenig Klassenzimmer, archaische medizinische Versorgung, Aids-Waisenkinder, weibliche Todeskandidaten im Gefängnis. Ganz ausgespart bleiben politische Motive, das Militär oder auch das von Deng angeordnete Massaker vom Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Von chinesischer Seite wird unterstrichen, dass die Ausstellung von keinem Organisationsausschuss, sondern von einem "kuratorischen Team" zusammengestellt wurde, das aus mehr als hundertausend Negativen aus Archivbeständen und Privatbesitz seine Auswahl traf. Da liegt der Vergleich mit Edward Steichens weltumspannender Bilderschau Family of Man aus den fünziger Jahren nahe, die auf die Universalität menschlicher Erfahrung zielte und für die Steichen Prügel bezog. Der damals erhobene Vorwurf, ein harmonisierendes Bild der Menschheit zu entwerfen, lässt sich nun aber keineswegs auf die chinesische Schau übertragen. Diese kommt aufklärerisch und anklägerisch daher, spart Rückschrittlichkeit und Stillstand keineswegs aus, stellt mit ihrem Fokus auf die Situation der Kleinbauern als die Vergessenen der Nation geradezu eine Art "Bauernfrage". Im Vergleich dazu kommen die Auswirkungen der Industrie- und Umweltprobleme etwas zu kurz. Der Gesamteindruck steht in krassem Widerspruch zum allseits gepriesenden Selbstbild eines neuen China und seines Modernisierungssprungs, der hier hauptsächlich in Form von Verrücktheiten wie Modenschauen, Schönheitskonkurrenzen, Diskofieber, Luxuslokalen auftritt.

Es geht ein Riss durch die chinesische Menschenfamilie, ein schmerzhafter "cultural gap", der durch das Fehlen der so oft gepriesenen Mittelklasse, der wahren Modernisierungsgewinner, nicht kleiner wird. Gerade weil das prosperierende China - außer in Form von Hochhausfassaden, Glanzlichtern aus dem Shanghaier Pudong-Viertel oder Luxusrestaurants - gar nicht gezeigt wird, geraten die abgearbeiteten Hände und Gesichter, die diesen Reichtum erschaffen, aber um so weniger daran zu partizipieren scheinen, um so mehr ins Blickfeld. Trotzdem geht es auch ums kleine Glück, ein winterliches Bad im eiskalten See, altmodisch anmutende Vergnüngen, die aus dem Nichts gezaubert werden, wahre Lebenskunst. Dem Betrachter schlägt die große Bescheidenheit eines Volkes entgegen, das ohne zu murren den konfuzianischen Werten zu vertrauen scheint, der Geisteshaltung einer Moralphilosophie, die patriarchalische Werte und die Unterordnung des Volkes unter seine Führung lehrte. Der gepriesene Individualismus, der das politische Kollektiv längst abgelöst haben soll, bleibt eine Schimäre. Vielleicht ist es gerade diese innere Spannung eines nur vermeintlich vollzogenen Wandels, der den moralischen Appell so unabdingbar macht.

Humanismus in China, Museum für Moderne Kunst Franfurt, bis 27. August 2006, Katalog, Edition Braus, 35 EUR


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00:00 21.07.2006

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