Schinkels Traum

REVISION Endlich erhält die Berliner Museumsinsel ihre einstige Rolle zurück

Kurz bevor ihn der Schlaganfall traf, besprach Karl Friedrich Schinkel am 9. Juli 1840 bei einem Tiergartenspaziergang mit dem Theaterinspektor Karl Gropius seine Lieblingsidee: Ein Rundgemälde mit den bedeutendsten Denkmälern der verschiedensten Länder. Die Bauten aus Asien, Ägypten, Griechenland, Rom und dem Deutschland des Mittelalters sollten mit einer entsprechenden Naturumgebung versehen werden. Dieses Schinkelsche Panorama des Zusammenwirkens der Kulturen kann als Gründungsgedanke der Berliner Museumsinsel verstanden werden. Schinkels Vision wurde als Museumsprogramm zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Wilhelm von Bode umgesetzt. Erst die Kunstbarbarei der Nazis und die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges machten dem ein Ende. Die übriggebliebenen Kunstschätze verteilten sich auf die beiden Berliner Halbstädte, falls sie nicht auf immer verschollen oder zerstört waren.

Nach dem Fall der Mauer war es deshalb allgemeine Erwartung vieler Kunstfreunde, dass sich auf der Insel in Berlins Mitte die Sammlungen neu konstituieren würden im Sinne Schinkels und von Bodes, Tschudis und Justis. Doch der damalige Direktor der Staatlichen Museen Berlins, Wolf Dieter Dube, hatte sein Herz an das Scharounsche Kulturforum gehängt. Hilmer/Sattlers Gemäldegalerie wurde auf der Brache nahe der Mauer gebaut, die Gemälde wanderten aus Dahlem (West) und Bodemuseum (Ost) dorthin, die Besucher jedoch nicht.

Um so erfreulicher sind deshalb die jüngsten Vorschläge des neuen Generaldirektors Peter-Klaus Schuster, dem historischen Ort seine Aura wiederzugeben und ihn erneut zur Residenz der Künste werden zu lassen. Schusters Idee, das Bodemuseum wie einst der Kunst des Mittelalters vorzubehalten, auf dem Gelände der benachbarten Friedrich-Engels-Kaserne Malerei und Kunstgewerbe des 17. Und 18. Jahrhunderts zu zeigen und die Kunst des 19. Jahrhunderts in der Alten Nationalgalerie, ist ein mutiger Schritt. Er gibt der Stadt endlich einen neuen Schwerpunkt, der im Grunde der alte ist. Schuster wird in seinen Absichten tatkräftig vom Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, und vom Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, unterstützt. Die Assistenz des Senats, einem fast durchweg Westberliner Unternehmen, dürfte verhaltener sein. Dort ist man wohl noch lange nicht so weit, die Stadt als historisches Ganzes zu verstehen. Beweis dafür ist der eigene Name. Bis 1948, als die demokratisch gewählten Stadtverordneten unter massiven Pressionen politischer Störenfriede aus dem Neuen Stadthaus im Osten vertrieben wurden, gab es in Berlin den Magistrat. Man hätte erwarten können, dass sich nach 1990 der 1948 aufgezwungene Name wie von selbst erledigt hätte. Aber was wiegen 750 Jahre Gesamtberliner Geschichte gegen 40 Jahre Westberliner Senat?

Schien es deshalb noch vor einem Jahr undenkbar, dass die Museumsinsel ihre Bedeutung zurückerhalten würde, sollten die Verantwortlichen jetzt weiter springen. Angesichts Schusters Idee, das Kulturforum im Hochhäuserschatten des Potsdamer Platzes zu einem Zentrum der Moderne zu machen, die dortige Neue Nationalgalerie zu einem Ort zeitgenössischer Kunstdebatten, sollte darüber nachgedacht werden, auch die Südseite der Spreeinsel museal zu nutzen. Der Palast der Republik, ein Stiefkind der Nachwende, dessen Schicksal unentschieden ist, sollte von den Museumsleuten adoptiert werden als ein Haus der Geschichte der DDR. In seinen Mauern war sie so zwiespältig vertreten wie nirgend sonst, von ihrer Gemäldeausstellung bis zur Volkskammer, in der 1990 das frei gewählte Parlament tagte. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund könnte gelassener über das weitere Schicksal des Schlossplatzes nachgedacht werden. Die Synthese der beiden einstigen ideologischen Reklamehalbstädte zu einem Ganzen wäre die Überwindung jenes Kalten Krieges, der noch durch manche Berliner Straße weht. Ein Humanum in dem Sinne, wie der von den Nazis vertriebene Schriftsteller Adolf Heilborn 1921 den Ort beschrieb: "Vorn die Brücke mit den Marmorfiguren, zur Linken das Zeughaus in Rokoko-Renaissance mit seiner grünen Lichthofkuppel, das Lustgartenwäldchen, das hellenisch edle Alte Museum mit seiner Säulenhalle und seinen Statuen - das ist schon was, ein Stück deutscher Kulturgeschichte."

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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