Schirm

A–Z Herbststürme machen ihn nötig, unter Umständen kann er auch Währungen retten. Unser Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 41/2019 1

A

Aktivismus Es war Rihanna, die 2007 als Erste singend dazu einlud, unter ihrem Regenschirm zu stehen, „ella, ella“. Ob Wolfgang Schäuble je von Rihanna gehört hat, weiß keiner, aber als er den Euro-Rettungsschirm über deutsche Banken zog, war klar, wer danach im Regen stehen würde. Also spannten Demonstrantinnen vor der EZB in Frankfurt bei ihren Blockupy-Protesten so viele Schirme auf, dass die Solidarität mit allen durch Schäubles Rettungsschirm klatschnass gewordenen Prekarisierten Europas darunterpasste.

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Dass die Schirme in den Hongkonger Protesten 2014 tausendfach auftauchten, mag daran liegen, dass sie sich in die globale Occupy-Demokratiebewegung einreihten, wie Blockupy, oder dass auch diese Demonstranten keine Lust auf Gesichtserkennung oder Pfefferspray hatten oder dass es politisch gerade mehr regnet denn je, „eh, eh, because“. Elsa Koester

C

Cocktails Schuld ist die Tiki-Mode. Kippte man vorher seine Cocktails einfach ungeschminkt herunter, wurden diese ab Mitte des 20. Jahrhunderts exotisch verziert. Im Fahrwasser der Südseeromantikwelle ploppten auf den Mixgetränkgläsern Minischirmchen auf. Bald blieb kein Eisbecher von der Konstruktion aus Pappe und Zahnstocher verschont – die 90er waren eine zweite Blüte. Zwischenzeitlich wurde anderer Müll schick, den man in Getränke steckte. Und der gern ins Auge des unaufmerksamen Trinkers stach: Strohhalme, Umrührwerkzeug, Stachelobst. Ob jemals Hahnenschwänze, wie die Übersetzung von Cock-Tail suggeriert, verwendet wurden, ist ungewiss. Das Plastikhalmverbot verspricht ein Schirmchen-Revival, immerhin lassen die sich einfacher entsorgen. Und man kann den Kitsch mit Mythos aufladen. Angeblich enthält jeder Schirm eine Botschaft, weil sie aus altem chinesischen Zeitungspapier gefertigt sind. Munden Zombie und Mai Tai also nicht, kann man seinen persönlichen Glückskeks auswickeln. Tobias Prüwer

E

Euro-Rettungsschirm, auch bekannt als Euro-Schutzschirm: ein Rettungsschirm gegen den drohenden Absturz also, unter den man aber auch – als Land – wie unter einen Regenschirm schlüpfen kann. Wobei dann weniger das Land als vielmehr die „Stabilität des Euro“ beschirmt wird. Das nennt man oft „Austeritätskurs“ oder „Schirm-Herrschaft“, erstmals ausgeübt von einer sogenannten Troika mit deren „Schirmherrn“ Wolfgang Schäuble. Aber der Reihe nach.

Es begann 2010 in Griechenland. Nicht mit Sonnenschirmen, sondern einer ausgewachsenen Staatsschuldenkrise. Diese führte zum Aufspannen eines „temporären Euro-Schutzschirms“, bestehend aus dem Europäischen Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM), erweitert um die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität („Euro-Rettungsfonds“, EFSF). Letztere mündete 2012 in den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Dieser nunmehr permanente Schirm enthält weniger Konsonanten als seine Vorgänger, dafür aber deutlich mehr Kapital und Kompetenzen. Darüber hinaus steht er nicht nur verschuldeten Staaten zur Verfügung sondern wird auch noch zum „letzten Auffangnetz“ für „notleidende Banken“. Das muss man erst mal auf den Schirm kriegen. Daniel Braunschweig

F

Freier Fall Der freie Fall fasziniert nicht nur Beobachter der Schwerkraft. Die mittels Schirm gebremste Fallgeschwindigkeit ist auch ein berauschendes Hobby. So soll schon ein Chinese vor Tausenden von Jahren heil auf dem Erdboden der Tatsachen gelandet sein – doch das ist Legende. Erstmals bildlich festgehalten findet sich die Fallschirmidee in der Renaissance. Ab dem 18. Jahrhundert sind reale Sprungversuche dokumentiert. Zunächst nutzte das Militär diese Schirme als Notbehelf für Flieger sowie für den Invasionsweg hinter feindliche Linien. In den 1950ern wird das Fallschirmspringen zum Sport. Dabei ist der Name irreführend. Denn: Im Gegensatz zum Einsatz in der Luftrettung geht es bei dem luftigen Zeitvertreib um die Phase des freien Flugs. Diese soll so lange wie möglich ausgekostet werden, bevor die sogenannte Schirmfahrt aus lebenserhaltenden Gründen eintritt. TP

J

Jovialität In der Serie Stromberg terrorisiert der Protagonist in einer fiktiven Versicherungsgesellschaft seine Mitarbeiter. Die Kollegin Jennifer Schirrmann nennt er „Schirmchen“ – klar, er kann’s sich leisten, als Abteilungsleiter. Wir müssen über Hierarchien reden. Am Arbeitsplatz und sonst wo ( Aktivismus). Der Gelegenheitsphilosoph Étienne de La Boétie hat schon im 16. Jahrhundert eine Antwort formuliert. In seiner Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft schreibt er: „Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei!“ Dorian Baganz

L

Luhmann Es soll Menschen geben, die die Gefahr, nass zu werden, gar nicht als solche begreifen ( Zur Hand). Welch vormoderne Barbaren! Niklas Luhmann wusste: Ohne Schirm war weniger Risiko. „Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben: Die Gefahr, dass man durch Regen nass wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegen zu lassen“, schrieb er ( Verlust).

Wir glauben oft, dass wir in großer Sicherheit leben. Dabei haben wir so viel Panik wie nie zuvor. Glauben Sie nicht? Wollten Sie nicht noch irgendwas tun? Haben Sie heute nicht irgendwas vergessen? Konstantin Nowotny

M

Musik und Dauerregen sind Hauptakteure im Film Die Regenschirme von Cherbourg von 1964 (Regie: Jacques Demy, Hauptdarstellerin: Catherine Deneuve). Das Regenschirmgeschäft von Genevieves Mutter läuft gut. Die Stadt ist nass. Kühl. Der Regen, die Tränen, die Treueschwüre fließen. Aber regengrau und kühl ist die spätere Begegnung zwischen den einst leidenschaftlich Verliebten, die der Militärdienst, der Algerienkrieg und das Drängen der Mutter auseinandertrieben: Genevieve in die Arme eines reichen Diamantenhändlers und Guy später in die einer langjährigen Freundin.

Durchzogen wird der mit Preisen überschüttete Film von der Musik Michel Legrands. Alle Dialoge werden gesungen. Geseufzt werden kann, wenn die Melodie erklingt, die viele große Interpreten „auf dem Schirm“ haben ( Euro): „Non, je ne pourrai jamais vivre sans toi / Je ne pourrai pas, ne pars pas, j’en mourrai.“ („Nein, ich kann niemals ohne dich leben / Ich kann nicht, nicht gehen, ich werde sterben.“) Magda Geisler

N

Nietzsche Im Nachlass des berühmten Philosophen befindet sich ein Fragment, das nur aus einem einzigen Satz besteht: „Ich habe meinen Regenschirm vergessen.“ Nichts weiter. Einst machten sich Kritiker darüber lustig, dass eine solche Banalität überhaupt in die Kritische Gesamtausgabe aufgenommen wurde. Dass diese Notiz womöglich nicht so banal gewesen sein könnte, erörterte bereits der Franzose Jacques Derrida, dessen psychoanalytische Betrachtung der Sentenz den Schirm als Mittelwesen zwischen Himmel und Erde auszeichnete.

Ein ganzes Büchlein widmete Nietzsches Schirm schließlich der Schweizer Thomas Hürlimann. Bei ihm lernen wir: Der Schirm war in der Menschheitsgeschichte weit mehr als nur ein Wetterschutz. Er war ein kleines Firmament, das wie ein Heiligenschein über den Mächtigen und Adligen aufgespannt wurde. Nietzsche, der das Haus nie ohne seinen roten Schirm verlassen haben soll und dessen Verhältnis zu Gott bekanntermaßen eher schwierig war, hätte die kleine Heiligsprechung sicher genossen. KN

V

Verlust Die Zahl meiner vergessenen Regenschirme ist hoch. Vom bunten Kinderschirm bis zum edlen Knirps mit Holzgriff sind alle Modelle und Wertigkeiten vertreten. Besonders letzteres Modell schmerzte, war es doch das seit Jahren gehegte und gepflegte Modell meines Ziehvaters. Ich brauchte nur eine einzige Zugfahrt von Zürich in die nähere Agglomeration, um den wirklich schönen Schirm im Abteil liegen zu lassen, was mir natürlich erst nach der Heimkehr auffiel. Der kühle Schauer des Schreckens, verbunden mit einem untilgbaren Schuldgefühl, überkam mich. Das traurig-resignative Kopfschütteln des Altvorderen verfolgte mich noch bis in den folgenden Albtraum aus gigantischen Knirpsholzgriffen, zwischen denen ich herumirrte. Ein Hänsel, das sogar das Gretel verloren hat; deshalb alleine ausgesetzt in dem im Dunkel verborgenen Wald der Vergesslichkeit. Nie wieder habe ich einen Schirm besessen. Nun trage ich einen Stetson, wenn es regnet. Ironischerweise das einzige Erbstück aus dem spärlichen Nachlass meines biologischen Vaters.

Es brauchte allerdings eine Weile, bis ich das nötige innere Standing für diese Art der Kopfbedeckung generiert hatte ( Jovialität). Mitleidig abwertende Blicke von Mitte-Hipstern über den vermeintlichen Hillbilly, der sich in „ihrem“ Galerienviertel verlaufen hat, schüchterten mich anfangs ein. Heute trage ich den Hut mit Stolz. Er ist so gar nicht kompatibel mit einer Form von Zeitgeist. Ich werde ihn nie vergessen. Marc Ottiker

W

Waffe Der bulgarische Schriftsteller und Dissident Georgi Markow stand am 7. September 1978 in London auf der Waterloo-Brücke und wartete auf einen Bus. Plötzlich verspürte er einen Stich im rechten Oberschenkel. Jemand hatte ihn mit einem Regenschirm gepikst und dann das Weite gesucht. Vier Tage später starb er. Herzstillstand. In seinem Oberschenkel steckte ein von einem Zuckerguss umhülltes Platinkügelchen. Markows Körperwärme zersetzte den Zucker, das Pflanzengift Rizin wurde freigesetzt und lähmte seine Herzmuskeln.

Das Motiv blieb auch nach der Aufarbeitung des Mordes in den 90er Jahren unklar. Markow soll ein Doppelagent gewesen sein, nur zum Schein als Dissident agiert haben. Ebenso schien ein Racheakt von Staatschef Todor Schiwkow plausibel. Markow machte sich in Artikeln über ihn lustig. Mit der Spitze dieses tödlichen Regenschirmes trat ein Eisberg geheimdienstlicher Machenschaften ans Licht, deren Ausläufer womöglich bis zum Papstattentat 1981 reichten. MO

Z

Zur Hand Mein Freund Mangold hat seinen Schirm bei der Hand, wenn nur das Gerücht einer Wolke am Horizont erscheint. Ein Accessoire, was mir fremd ist, und wenn, nur des Vergessens wegen. Regen ist mir egal. Und doch rettete mal ein Schirm mein Budget. Nach dem Zigarrenzirkel treten wir auf die Straße, der Regen lässt die Straße und Mangolds Gesicht glänzen: 1:0 für seine Taktik!

„Wem könnte das passieren?“, frage ich mich im Parkhaus und lasse sogleich selbst die Parkkarte in den Bodenschlitz fallen. „Scheiße!“, denke ich, komplett unbewaffnet ( Waffe). Und so ist es Mangold, der mit der Schirmspitze die Karte rettet. Ein wahrer Freund lässt einen eben nie im Regen stehen. Jan C. Behmann

06:00 10.11.2019

Ausgabe 21/2020

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