Schläfchen zählen

Die Ratgeberin Unsere Kolumnistin leidet unter ihrer Schlaflosigkeit – und ist bereit jedes Ritual mitzumachen, um dem ein Ende zu setzen
Schläfchen zählen
Wenn nichts mehr geht, ist vielleicht das Gepäckband die Rettung
Foto: Mario Tama/Getty Images

Leute, die lange unter Schlaflosigkeit leiden, werden sehr, sehr mürbe. Sie verlieren alle Hemmungen und machen jeden Mist mit, der ihnen Schlaf verspricht: Sie setzen sich magische Schlafmützen mit eingenähtem Lavendel auf, verbringen Nächte auf einem Stuhl kauernd, damit sie mit ihren Schlaflosigkeitsviren nicht das gute Bett verseuchen und atmen tief und langsam – stundenlang. Mit anderen Schlaflosen im Internet feilen sie an immer ausgefuchsteren Einschlafritualen. In schwierigen Zeiten müssen sie direkt morgens nach dem Aufstehen mit diesen Ritualen loslegen, damit sie auch alles schaffen.

Oft nützt es trotzdem nichts. Sie schlafen nicht. Und wenn doch, dann nur, um gleich wieder panisch aufzuschrecken: Waren sie gerade eingenickt? Und falls ja, warum? Wie war es dazu gekommen? Wieso können sie sich nicht daran erinnern? Wie zum Geier sollen sie jetzt wieder einschlafen, wenn sie sich nicht gemerkt haben, wie es ging? Sie müssen sich erinnern! Jetzt! Zu solchen Leuten gehöre ich.

Neulich gegen 3.52 Uhr lerne ich Schlafguru Holger kennen. Ich stopfe mir seine zehnminütige Meditation „Schlafen lernen mit Holger“ in die Ohren. „Booong“, ertönt ein dunkler Gong, dann Atmen mit Holger, dann Säuseln mit Holger: „Deine Beine sinken tiefer und tiefer in die Matratze. Deine Arme sinken tiefer und tiefer in die Matratze. Deine Wirbelsäule schmilzt in die Matratze hinein.“ Holla, das ist mir neu: Matratzenverschmelzung. Wahnsinn. Bei meiner Umwandlung zum Mensch-Matratzen-Wesen stinkt es ein wenig nach verbrannten Hautfetzen und angekokeltem Schaumstoff, bilde ich mir ein. Aber ansonsten: Es ist genial. Die Vorstellung, mit einer Matratze verwachsen zu sein, lässt mich sofort wegdösen! Das ist es! Genau mein Ding! Zwar wache ich auch sofort wieder auf, wenn Holger zu sprechen aufhört, aber das ist ja ein Kinkerlitzchen. Ich brauch den Holger ja nur in einer Endlosschlaufe laufen zu lassen und schon: Zzzzz. Ganze Nacht. Ich rechne aus, dass Holger mich pro Nacht nur rund 48 Mal in dieses schlafpotente Mensch-Matratzen-Wesen beziehungsweise einen Maborg, wie ich diese Lebensform liebevoll nennen möchte, verwandeln muss.

Das Problem sind ein bisschen die Kopfhörer. Die, die ich habe, sind viel zu unbequem. Ich brauche andere, spezielle Schlafkopfhörer. Nach allem, was ich auf Webseiten wie www.schlafgestoert.de schon gelesen habe, bin ich zuversichtlich, dass ich die sogleich irgendwo bestellen kann. Die Shopping-Algorithmen scheinen aber noch recht verpennt. Statt Schlafkopfhörern bieten sie mir das Hörbuch The Sleeping School an. Da es gerade gratis ist, höre ich mal rein und erfahre: Wirklich alles, was ich seit Jahrzehnten versuche, um zu schlafen, funktioniere höchstens kurzfristig, langfristig bewirke es genau das Gegenteil. Die Wahrheit sei: Schlaf könne man nicht kontrollieren. Jeder Kontrollversuch mache einen nur noch wacher.

Die Schlafschule gehe daher einen völlig anderen, komplett revolutionären Weg. Man lerne hier nicht zu schlafen, sondern nur, die Schlaflosigkeit nicht noch zu verschlimmern. Zu diesem Zweck geht man ohne jede Vorbereitung einfach irgendwann abends ins Bett (Augen zu) und steht morgens wieder auf (Augen auf). Man kriegt noch ein paar Tipps, wie man in der Zwischenzeit nicht verzweifelt. Eine wirklich absurde Idee. Mürbe wie ich bin, probiere ich auch diesen Irrsinn aus. Seitdem schlafe ich. Jede Nacht. Seit Wochen. Rätselhaft ist nur: Warum?

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 30.08.2017

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