Schlaft doch weiter

Sachlich richtig Unser Experte Erhard Schütz liebt Ratgeber, solange sie klug und kundig sind
Erhard Schütz | Ausgabe 47/2016 1

Wie umgehen mit all den Büchern, die es so gibt? Geschweige denn, selbst eins zu schreiben. Ich brauche einen Coach, leider schreibt der zurzeit selbst an einem Buch (mit Gruß an die Ratgeber-Kolumnistin des Freitag, Susanne Berkenheger). Was also tun? Da kommt mir eine Geschichte der Beratung unter, die trägt den Titel Was soll ich tun? und stammt von einem Mediävistikprofessor und Coachausbilder. Ein Ratgeber für Ratgeber also und eine gründliche historische Herleitung, perfekt! Und so geht es von den antiken Orakeln über den mittelalterlichen Hofnarren als paradoxen Interventionisten weiter über geheime Räte, Mätressen nicht zu vergessen, den Heiligen Geist als christlichen Ratgeber, Lobbyismus und Thinktanks, Ratgeberliteratur und Onlineberatung, endlich mitten hinein in die heutige Beratungsgesellschaft aus Counseling, Consulting und Coaching. Und am Ende steht nahezu derselbe gute Rat wie am Anfang: Entschleunigung und Innehalten. Das ist klug, kundig und gut geschrieben. Man lernt viel über den Menschen als (un-)beratenes Wesen, das lieber berät als sich beraten lässt.

Essen, schlafen, aufräumen und gesund bleiben. Das ist ein erfüllendes Programm. Beginnen wir mit dem Essen. Noch werden die Glaubenskriege im hochreligiösen Feld der Ernährung selten am heimischen Herd ausgefochten. Nicht verwunderlich wäre aber, wenn demnächst mit Hieb-, Stich- und Schusswaffen statt mit Fingern und Besteck darum gekämpft würde. Pürierer gegen Gekörnte, Eiweißler gegen Kohlehydratige, Paläo vs. Futuro. Zu allem und jedem gibt es Studien, wissenschaftliche, natürlich. Melanie Mühl und Diana von Kopp haben auf unaufdringlich amüsante Weise allerlei davon in Häppchen portioniert. Anekdoten etwa darüber, wie ganze Industriesparten (und wir selbst) uns an der Nase herumführen, den Mund wässrig und den Magen unersättlich machen, wie wir gegen Aufforderungen, gar Verbote, innerlich Widerstand mobilisieren (was Romeo-und-Julia-Effekt genannt wird). Kurz, das ist unterhaltsam und hinterrücks belehrend und munitioniert für einschlägige Gespräche beim Warten an der Curry- oder Dönerbude.

Anders als die Futterei, schreibt Stephanie Grimm, führe das Schlafen in unserer Gesellschaft ein Schattendasein. Setzen wir also die Schlafbrille ab und lesen – davon, warum wir überhaupt schlafen, hier wichtig, der REM-Schlaf. Kennen wir aus der Apotheken-Umschau. Weiter geht’s mit der Geschichte des Betts, dann ans Eingemachte: durchschlafen oder nicht? Eule oder Lerche? Kurz oder lang? Früh aufstehen oder Nachtarbeit? Die Autorin plädiert für Selbstbestimmung: Lasst euren Schlaf nicht gentrifizieren und globalisieren. Schlaft doch, wie ihr wollt! Aber bitte das Träumen nicht vergessen.

Schlafen wie Essen haben zumindest entfernt immer noch einen Haushalt zur Voraussetzung. Da ist immer Beratungsbedarf. Man kann natürlich im Internet schauen: Wie kriege ich Flecken (Gras, Fett, Blut, Rotwein) wieder weg? Wie ruiniert man am schnellsten die Antihaftbeschichtung? Und so fort. Man bekäme flugs wahrscheinlich ein Dutzend (völlig verschiedener) Antworten. Doch um wie viel schöner ist es, in einem solide und fein aufgemachten Büchlein (wie dem von Linda-Luise Bickenbach und Bente Schipp) zu blättern und dabei auf die wundersamsten Ratschläge zu stoßen, zu denen man gar keine Frage hatte!

Warum sind wir eigentlich noch nicht tot? Auch so eine Frage, auf die man gern Rat wüsste. It’s the Immunsystem, stupid. Dabei lauert das Virus, der Keim, überhaupt alles an fiesem Kleinstzeug der Biologie an allen Ecken, um uns anzustecken, zu besiedeln, umzubringen. Wir hingegen, genauer: unser Körper packt es beim Schopf und versklavt das Zeugs im Dienste des Stoffwechsels. Wenn es gut geht. Wenn nicht, erübrigt sich die Eingangsfrage. Es läuft ähnlich wie im richtigen Computerleben. Irgendwann ist dann aber doch der PC hin und sein Besitzer tot. Bis dahin vertrauen wir dem Immunsystem und denen, die es uns so gut erklären können.

Info

Was soll ich tun? Eine Geschichte der Beratung Haiko Wandhoff Corlin 2016, 352 S., 34 €

Die Kunst des klugen Essens: 42 verblüffende Ernährungswahrheiten Melanie Mühl, Diana von Kopp Hanser 2016, 256 S., 16 €

Schlaft doch, wie ihr wollt Stephanie Grimm Pantheon 2016, 240 S., 14,99 €

Sachen richtig machen – Haushalt mit Stil Linda-Luise Bickenbach, Bente Schipp Atlantik 2016, 224 S., 22 €

Warum sind wir eigentlich noch nicht tot? Alles über unser Immunsystem Idan Ben-Barak Sebastian Vogel (Übers.), Ullstein 2016, 208 S., 16,99 €

Erhard Schütz, geboren 1946, war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er regelmäßig die Sachbuchkolumne Sachlich richtig

06:00 07.12.2016

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