Schlag gegen das Wei-Xuegang-Imperium

Asiens Untergrundbanken Ein verzweigtes System geschickt dirigierter Finanzströme entzieht sich behördlicher Kontrolle und steht in dem Verdacht, auch Osama bin Laden zu versorgen

Respektable Finanzströme fließen durch ihr weit verzweigtes System, das über die Grenzen Asiens hinausreicht. In Indien werden sie hawala, in Pakistan hundi und in China fei qian genannt - jene Untergrundbanken, von denen schätzungsweise 60 Prozent aller Gelder aus dem burmesischen Drogenhandel absorbiert werden. Von diesen Drainagen der Geldwäsche wird angenommen, dass sie auch der Finanzierung des al Qaida-Netzwerkes dienen. Doch die eindeutigen Beweise fehlen. Erbracht wurden sie auch nicht durch spektakuläre Aktionen der Polizei, die sich in den vergangenen Wochen gegen subversive Finanzmakler in Bangkok, Hongkong, Karatschi oder Kalkutta richteten.
Wei Xuegang, der in Burma ein Firmenkonglomerat und die Vereinigte Wa Staatsarmee unterhält, stand seit Monaten ganz oben auf den Fahndungslisten der thailändischen Behörden - Anfang des Monats war es dann soweit. Die Thai-Fahnder konfiszierten Bargeld-Depots, Häuser, Ländereien, Juwelen, Fahrzeuge. Eine konzertierte Aktion, die zugleich den legendären Geldwechslern von Chiang Mai, im Norden des Landes am Goldenen Dreieck galt. Die Behörden vermuteten wohl, hinter den unscheinbaren Wechselstuben könnten sich chinesische Untergrundbanken verbergen, die Millionen Dollar transferieren, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen.
Die Bankhäuser von Bangkok sind derzeit gehalten, ihre Kunden genauestens zu überprüfen, bevor Depots und Konten eröffnet werden. Listen verdächtiger Klienten kursieren, das Parlament verabschiedet neue Gesetze - sogar eine Resolution der Vereinten Nationen ist im Gespräch, die Staaten mit einer nachlässigen Finanzkontrolle verschärfte Sanktionen androht.
Weltweit hängen Experten dem Glauben an, es könnte möglich sein, mit buchhalterischer Akribie das weitverzweigte Netz terroristischer Finanzinstitutionen zu enttarnen. Doch Sam Porteous von der Ermittlungsfirma Kroll Co. in Shanghai bezweifelt, ob je ein wirkungsvoller Schlag gegen das feine Geflecht asiatischer Untergrundbanken gelingen kann. "Über dessen Kanäle werden die Gelder mühelos transferiert. Dieses System ist für manchen Privatkunden weit effizienter und sicherer als alles, was ihnen seriöse Finanzinstitute bieten können. Das Geld bleibt nämlich unauffindbar, wenn es unauffindbar sein soll."
"Das System" funktioniert denkbar einfach: Ein Klient geht zum Beispiel in Islamabad zu einer dieser Banken, meist drapiert als kleines Juweliergeschäft, unauffälliges Textillager, chinesische Wäscherei oder burmesische Reiseagentur. Dort deponiert er 100.000 Dollar in indischen Rupien, die einem Geschäftspartner in Bangkok überwiesen werden sollen. Dafür erhält er als Quittung vielleicht ein markiertes Kinoticket oder einen Kassenbon aus irgendeinem Supermarkt -, die dem Empfänger in Bangkok geschickt wird. Die präsentiert dieser dann einem Goldschmied, einem Uhrmacher oder Schmuckhändler, der mit der Untergrundbank in Islamabad Geschäftsbeziehungen unterhält und erhält den Betrag anstandslos in thailändischen Baht ausgezahlt. Es existiert kein Dokument, das die grenzüberschreitende Transaktion offenbaren könnte.
Zumeist handelt es sich um weit verästelte Familien-Netzwerke, die nach Art des correspondent banking in seiner ursprünglichen Form arbeiten - am besten vergleichbar dem spätmittelalterlichen Bankwesen der Fugger-Dynastie, die etwa in Frankfurt einem Kunden einen Wechsel ausstellte, den dieser bei einem Cousin der Fuggers in Rom einlösen konnte. "Das System beruht auf Vertrauen und Verflechtung", meint ein deutscher Banker in Singapur, "auf Berufsgruppen mit einem Ehrenkodex oder den verzweigten Linien von Großfamilien". Der Textilhändler in Bombay arbeitet mit Berufskollegen in Kuala Lumpur, Jakarta oder Manila zusammen, und zwar seit Jahrzehnten.
Dabei können die Wechselkurse durchaus besser sein als bei herkömmlichen Banken, weil das "System" näher am Kunden ist und nicht den administrativen Wasserkopf schleppen muss. Das Gros der Händler wie der Nutzer rekrutiert sich keineswegs überwiegend aus kriminellen Elementen. Viele Geschäftsleute wenden sich an eine Untergrundbank, um etwa Devisenbeschränkungen zu umgehen. Sie kaufen Waren zum Weltmarktpreis - zum Beispiel Diamanten oder Edelsteine in Indonesien -, die sie aus dem Land schmuggeln und in Amsterdam oder Antwerpen zu einem meist zuvor schon vereinbarten Preis weiter verkaufen. Wenn jemand Gelder erfolgreich in Warenäquivalente umtauscht, ist das nur sehr schwer zu überwachen. Zwar versuchen alle Regierungen, die Devisenströme zu kontrollieren - für die Warenströme aber gilt das kaum.
Wie leicht in diesem System Geld gewaschen werden kann, zeigte sich vor etlichen Jahren, als fernöstliche Drogenhändler Thailands Immobilienmarkt in eine riesige Geldwaschanlage verwandelten. Ganze Dörfer wurden auf Großbaustellen beschäftigt und in bar bezahlt. Nach Fertigstellung eines Gebäudes wiesen die Bauherren Investitionen zum Beispiel in Höhe von 200 Millionen Dollar nach, auch wenn sich die Kosten für das Bauprojekt tatsächlich auf 300 Millionen Dollar beliefen. Wenn der Preis für die Anlage ein, zwei Jahre später auf 400 Millionen gestiegen war, versteuerten sie einen Wertzuwachs von 200 Millionen Dollar, womit das Geld wieder in den normalen Wirtschaftskreislauf geschleust werden konnte.
Irgendwo jedoch müsse es auch für dieses Problem eine Lösung geben, gibt sich Kent Brown von der Pinkerton-Detektei in einem Interview mit der Far Eastern Economic Review optimistisch: "Die Untersuchungen der Finanzen Osama bin Ladens werden uns den modernen Rosettastein liefern, mit dem wir die Finanznetzwerke der Terroristen knacken können."

00:00 12.07.2002

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